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Kultur Regional Die Götter müssen verrückt sein: Leipziger Dinnershow „Gans ganz anders“ wird olympisch
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17:39 16.11.2017
Dinnershow GANS GANZ ANDERS " DIE GÖTTER DES OLYMP " im Spiegelzelt auf dem Leuschnerplatz in Leipzig. Tänzerinnen mit Underwater mit Koch Stone. Foto: Andre Kempner Quelle: Kempner
Leipzig


Es darf gerätselt werden, ob sich die dafür Verantwortlichen hinter der Bühne heimlich an Nektar und Ambrosia erfreuen – für das Publikum jedenfalls gibt es die klassische Getränkeauswahl und zum Entree die einzige Speise, die wirklich griechisch anmutet: Knackfrischer Wintersalat mit Oliven-Thymian-Feta, Rüben und Hähnchenbrust. Währenddessen erklingen im Hintergrund die ersten Weihnachtslieder des Jahres, bis die sechsköpfige Band um Michael Hinze – zuvor vorgestellt als „Theomikis und seine Argonauten auf der Suche nach dem goldenen F(l)is“ – den musikalischen Übergang zum nächsten Programmpunkt liefert.

Den selbstironischen und -ernannten Bildungsauftrag kann die seit vielen Jahren eingespielte Akteuren-Gruppe um Armin Zarbock (alias Herbert von Cremefeld) und Simone Cohn-Vossen (alias Anna Karenina) immerhin teilweise einlösen. Als Göttereltern Zeus und Hera treten sie in weißer Toga auf, begleitet von vier ihrer Kinder und/oder Geschwister (auf dem Olymp sind die Verwandtschaftsverhältnisse bekanntlich schwierig). Da flattert der kecke Götterbote Hermes (Raschid D. Sidgi) im güldenen Gewand über die Bühne, Falko Köpp sprengt als liebesuchender Hades mit einem Rammstein-Song und im Wave-Gotik-Look die Party seines Vaters und gibt im Verlauf des Abends eine herzergreifende Interpretation von Radioheads „Creep“ zum Besten. Der Anziehungspunkt für die männlichen Blicke im Zelt: Elena Maria Pia Lorenzon, der die Rolle der Liebesgöttin Aphrodite auf den Leib geschneidert ist. Und zu guter Letzt: Der menschliche Running-Gag Matthias Stein als betrunkener Koch Lord Stone und zugleich Poseidon, der jeden der vier Gänge mit einem urkomischen Monolog einläutet.

Apropos Essen: Der zweite Gang, die Karotten-Ingwer-Suppe, bietet das intensivste Geschmackserlebnis des Abends. Fruchtige Süße, milde Schärfe, nur die Zimtnote könnte für manch einen Gaumen zu aufdringlich sein. Eine halbe Stunde später folgt das Hauptgericht, selbstverständlich glasierte Gänsekeule, serviert mit gebackenen Klößen und Johannisbeer-Blaukraut, das mit einer angenehmen Balance aus säuerlich und süß zu überzeugen weiß. Dazwischen geht es weiter mit viel Musik, Tanz und szenischem Spiel, bei dem diverse antike Mythen neuinterpretiert werden: die Geschichte von Zeus und Io, das Urteil von Paris, die Geburt des Dionysos. Mal steht das für sich allein, mal bildet es den Übergang zur nächsten Showeinlage. Mal wirkt das Ganze bemüht, gestreckt oder reichlich albern, meist ist das Publikum vom (wenig subtilen) Humor aber spürbar angetan.

Mentalmagier André Desery sorgt leider für wenig enthusiastische Zuschauerresonanz. Möglicherweise, weil die Nummer zu unspektakulär ist, möglicherweise, weil die Illusion nicht so recht wirken kann, möglicherweise beides. Hör- und sichtbares Staunen kommt hingegen bei den vier akrobatischen Einlagen auf. Da räkelt und verbiegt sich die Lettin Katrina Asfardi in, an und unter einer riesigen Kristallkugel, das russische Trio „Pure Beauty“ präsentiert eine Mischung aus abstraktem Tanz und Hebeakrobatik, das mexikanisch-französische Duo „Cardio“ treibt es mit Pole-Stangen bis an die Spitze (des Zeltes). Atemberaubend auch der letzte Act, Guillaume & Marie aus Kanada und Frankreich: Ein sinnlicher Wassertanz am Trapez, der weniger von einzelnen Figuren als vielmehr vom Fluss der Bewegungen lebt, in dem die beiden miteinander verschmelzen.

Das Beste kommt auch hier zum Schluss, wie das Dessert beweist. Eine Kombi aus Williams-Christ-Parfait, Früchte-Relish und einer zarten Himbeer-Nuss-Praline. Nach dieser Zuckerbombe und beinahe vier, stellenweise etwas langatmigen Stunden Programm fällt es den Gästen deshalb etwas schwer, den nötigen Elan für den finalen Sirtaki, der im ganzen Zelt getanzt wird, aufzubringen. Trotzdem gelingt es. Der Applaus ist laut und verdient, das Zwerchfell ist erschöpft, die Geschmacksknospen sind zufrieden gestellt. Was will man mehr?

„Gans ganz anders“ im Spiegelzelt auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz: bis 31. Dezember von Mittwoch bis Sonntag, keine Show am 23. und 24.12.; Restkarten von 74 bis 99 Euro (Silvester: 124/134 Euro) unter Tel. 0341 140660 oder im Internet unter www.gans-ganz-anders.de

Von Christian Neffe

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