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Kultur Regional Die Kinder der Revolution: Kubanische Tanzshow kommt nach Leipzig
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12:29 08.02.2018
Sie können auch klassisch: Julio und Glenda im Gran Teatro in Havanna. Ab dem 13. Februar sind sie mit dem Ballet Revolución in Leipzig zu erleben.  Quelle: Sven Creutzmann
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Havanna

 Namen wie Musik: Julio Enrique Blanes Miranda und Glenda María García Gómez. Elegant schwingen sie sich auf ihr Moped und verschwinden im abendlichen Gewühl Havannas. Seit einigen Jahren tanzen und leben sie zusammen. Eben haben sie in der Escuela Nacional de Ballet einige Szenen für die neue Show des Ballet Revolución geprobt, mit der sie vom 13. bis 18. Februar in die Oper Leipzig kommen. Wild, voller Lust und doch diszipliniert haben sich die Tänzer in die Choreographien des Australiers Aaron Cash und des Kubaners Roclan Gonzales Chavez gearbeitet, gelacht und gekämpft, den vorgegebenen Rahmen mit viel Persönlichkeit und Energie gefüllt. Seit 2011 zieht diese Show um die Welt. Sie verbindet kubanisches Bewegungsgefühl, Ballett, zeitgenössischen Tanz, Streetdance – und erfindet sich immer wieder neu.

Karg ist der Probenraum, an einigen Stellen schwächelt der Putz. Der Spiegel an der Stirnseite hat einen ziemlichen Sprung. Die rund 20 Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie hat das nicht interessiert. Viel Schweiß ist geflossen, während die Geräusche des Nachmittags durch die weit geöffneten Fenster hereingeweht sind – der Verkehr, der Wind in den Bäumen, das Lachen der Kinder, die vom Ballettunterricht nach Hause gehen.

Irgendwie geht es immer weiter

Für heute haben auch Julio (27) und Glenda (28) genug. Das Moped soll sie nach San Miguel del Padrón, einem Vorort von Havanna bringen. Dort wohnen sie bei Glendas Eltern. Etwas länger dauert die Fahrt an diesem Abend, das Gefährt hat zwischendurch den Geist aufgegeben. Macht nichts, was kaputt ist, lässt sich reparieren, irgendwie geht es immer weiter.

Kuba, der Überlebenskünstler unter den Ländern. „Hier sind die Dinge oft nicht so, wie sie erscheinen. Wenn man meint, man hat etwas verstanden, dann vergehen ein, zwei Jahre, bis man begreift: Es war doch ganz anders“, sagt der Fotograf Sven Creutzmann, der seit rund 30 Jahren in Kuba arbeitet – und gerade die Tänzer des Ballet Revolución in Havanna in Szene gesetzt hat. Seit 1994 gibt es zwei Währungen, einen sich am US-Dollar orientierenden Peso convertible (CUC) auf der einen sowie den kubanischen Peso CUP) und die zwischenzeitlich sehr kargen Bezugsscheine auf der anderen Seite. Mitte der 90er hätten alle Experten prophezeiht, dass es nun ganz schnell vorbei sein würde mit dem sozialistischen Einparteiensystem. Der „Stern“ titelte 1994 – zu einem Creutzmann-Foto – „Die letzten Tage des Diktators Castro“. „Und damals war Kuba ganz alleine; sie hatten keinen Partner mehr. Aber dieses Kuba ist immer noch da“, sagt der Fotograf.

Und während die Revolution heute zwischen weltpolitisch-ökonomischem Außen- und sozialem Innendruck im anachronistischen Notbetrieb vor sich hin tuckert, haben die Menschen einfach weitergelebt. Sie erlebten, wie sich ihr Land für den Tourismus öffnete, wie unter Präsident Obama diplomatische Beziehungen mit den USA aufgenommen wurden, wie unter seinem Nachfolger Trump die Rhetorik des Kalten Kriegs zurückkehrte, Individualreisen von US-Amerikanern und Geschäftsbeziehungen wieder eingeschränkt wurden.

„Die Amerikaner sind 90 Meilen entfernt, sie werden kommen“

Glendas Vater Roberto sieht das alles mit über Jahrzehnte eingeübtem Pragmatismus: „Die Amerikaner sind 90 Meilen entfernt, sie werden kommen. Das ist sicher. Man muss das Fernlicht anmachen, vorbereitet sein“, sagt er auf der kleinen Terrasse seines Hauses, während am Horizont ein Gewitter wie eine Metapher aufzieht. Er könne sich vorstellen, Zimmer zu vermieten, sagt Roberto.

Er war immer vorbereitet. Er hat Psychologie studiert, als Taucher gearbeitet, Gitarre gelernt und Deutsch. Als Dolmetscher arbeitete er und als Reiseleiter. In Deutschland war er nie, nie hat er Schnee gesehen. Heute repariert er elektrische Geräte – Klimaanlagen, Mikrowellen. Vor seinem Haus parkt ein Ford Popular, ein Auto, das in der 50ern in England gebaut wurde.

Glenda ist Robertos einziges Kind. Vier Jahre war sie alt, als er das Haus gekauft hatte. Als kleines Mädchen hatte sie erst Klavier gelernt, dann wollte sie tanzen, unbedingt. Die Ausrüstung und der Unterricht seien teuer gewesen, erzählt Roberto. Es zahlte sich aus: Glenda wurde an der renommierten Escuela Nacional de Arte angenommen. Heute tanzt sie im Ballet Nacional de Cuba, seit 2015 als Solistin. Hier hat sie ihren Julio kennengelernt, der es ebenfalls zum Solisten gebracht und schon mehrere Auszeichnungen bekommen hat. Roberto mag seinen Schwiegersohn in spe, auch weil er gut koche, wie er betont. Nach seiner Karriere als Tänzer möchte Julio Choreograph werden, Glenda vielleicht Lehrerin.

500 kubanische Pesos und 13 kubanische Dollars verdienen sie jeweils im Nationalballett. Um- und zusammengerechnet sind das nur 35 Dollar im Monat. Neulich habe ihm ein Spanier gesagt, dass man in seiner Heimat mit dem Herzen tanze, erzählt Roberto und sein Lächeln verflüchtigt sich für einen Moment. „Ich sagte ihm: Das mag ja sein, aber bei euch kann man damit einigermaßen Geld verdienen. Hier geht es nur ums Herz.“

Rhythmus im Mittelpunkt

Für Glenda und Julio bleibt das so, mit dem Ballet Revolución haben sie nun aber eine Zusatzeinnahme, Geld, das sie für später zurücklegen können. Anfangs seien sie von den Kollegen des Nationalballetts etwas kritisch beäugt worden, nun würde man sie beneiden – auch für die Möglichkeit, länger ins Ausland zu kommen. „Beim Ballet Revolución steht der Rhythmus im Mittelpunkt“, sagt Julio. „Alles ist freier, andere Energien kommen ins Spiel, es gibt Interaktion mit dem Publikum. Das mag ich sehr.“

Draußen hat es angefangen zu regnen, die Blitze schlagen woanders ein. Julio und Glenda werden insgesamt vier Monate auf Tour sein, so lange wie noch nie. Ihr Vater wird wieder nachdenklicher. „Sie wird weinen. Und ich auch.“ Aber erstmal muss er sich um das kaputte Moped kümmern.

Vom 13.–18. Februar in der Oper Leipzig, Karten gibt es u.a. noch in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ Foyer, Peterssteinweg 19 und Barthels Hof, Hainstr. 1), in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung, unter der gebührenfreien Ticket-Hotline 0800 2181050 sowie auf www.ticketgalerie.de

Von Jürgen Kleindienst

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