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Kultur Regional „Die Kurden“ und der Traum von der Revolution
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12:30 27.09.2018
Im März in Berlin: Demonstration gegen den türkischen Militäreinsatz in der syrischen Stadt Afrin, die überwiegend von Kurden bewohnt wird. Quelle: Paul Zinken/dpa
Leipzig

Im November 2017 stehen morgens um sechs Uhr fünf Polizisten vor der Tür von Kerem Schamberger, dringen in seine Wohnung ein und beschlagnahmen Laptop, Handy und mehrere USB-Sticks. Die Beamten sind auf der Suche nach Bildern von diversen kurdischen Gruppierungen in Nordsyrien. Kerem Schamberger – einer der beiden Autoren des Buches „Die Kurden“ – hatte sie auf seinem Facebookprofil hochgeladen.

Die Episode, die im hinteren Teil erzählt wird, steht sinnbildlich für das Chaos, das die Kriege im Nahen Osten in den vergangenen 15 Jahren angerichtet haben. Es besteht aus zwei Teilen: dem Chaos und der Zerstörung auf den Straßen Syriens, des Iraks und der Türkei auf der einen – und dem Chaos in den Köpfen der Menschen in Europa auf der anderen Seite. Niemand weiß mehr, wer gut ist und wer böse.

Denn die kurdischen Gruppierungen in Nordsyrien, um die es hier geht, müssten eigentlich zu den „Guten“ zählen: Sie kämpfen seit 2014 Seite an Seite mit amerikanischen Truppen gegen den IS und versuchen ein Gesellschaftsmodell umzusetzen, das die patriarchalischen Strukturen in der Region überwinden will. Wer könnte im emanzipierten Westen, wo ständig eine „Reform des Islams“ eingeklagt wird, etwas dagegen haben?

Das Problem ist: Die Gruppierungen mit Namen wie YPJ, YPG und PYD sind die syrischen Ableger der türkischen Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, die sowohl in Deutschland und erst recht in der Türkei auf dem Index der Terrororganisationen steht (in den USA übrigens auch, was das amerikanische Militär nicht davon abhält, die syrischen Kurden bis an die Zähne zu bewaffnen).

Akteure und Aktivistinnen kommen zu Wort

Insofern ist das Buch, das am Mittwoch in Leipzig vorgestellt wird, ein hilfreiches Dokument, um besser zu verstehen, welche Entwicklungen die kurdischen Bewegungen in den vergangenen Jahren. durchlaufen haben, allen voran die PKK.

Beide Autoren, der andere ist Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München, machen kein Hehl aus ihrer Sympathie: Sie halten – und das zurecht – die Kurden für eine unterdrückte Minderheit in den Ländern, in denen sie vornehmlich leben, also Türkei, Irak, Iran und Syrien. Ferner betrachten sie die PKK in ihrer gehäuteten Version für einen Hoffnungsträger des Fortschritts in der Region. Hielten wir uns streng ans Gesetz, machen sie also Werbung für eine Terrororganisation.

Eines kann man den Autoren jedoch nicht vorwerfen: Dass sie mit Kritik und Selbstkritik sparten. So gestehen sie an mehreren Stellen ein, dass es äußerst schwierig sei, inmitten von Krieg und Chaos eine patriarchalische und tribale Gesellschaft wie die kurdische auf links zu drehen. Sie lassen diverse Akteure und Aktivistinnen, aber auch Wissenschaftler zu Wort kommen, die das Dilemma der kurdischen Revolution auf den Punkt bringen, wenngleich sämtlich aus einer solidarischen Perspektive.

Stellvertretend sei Dastan Jasim genannt, eine Kurdin mit irakischen Wurzeln aus Edingen-Neckarhausen in der Pfalz, die wie der Autor Kerem Schamberger wegen ihrer Aktivitäten alle Varianten des deutschen Sicherheitsapparates kennenlernte: Telefonüberwachung, Observation, Hausdurchsuchung.

Suche nach Identität

Mit 16 fängt Dastan Jasim an, Abdullah Öcalan zu lesen, der seit 1999 auf einer türkischen Insel im Gefängnis sitzt und irgendwann anfängt, über die Gewaltfrage und den kurdischen Nationalismus nachzudenken. Verkürzt gesagt kam er zu dem Schluss, dass die Kurden keinen eigenen Staat bräuchten und deswegen auch nicht mit Waffengewalt dafür kämpfen müssten. Vielmehr sollten sie sich in Kooperativen zusammenschließen und eine emanzipierte Gesellschaft aufbauen, in der Frauen in gleicher Weise Verantwortung übernehmen sollten wie Männer.

Dastan Jasim, die wie jede Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität ist und in der pfälzischen Provinz nicht auf viele Gleichgesinnte trifft, ist damals von Öcalans Schriften fasziniert. Sie fährt öfter nach Mannheim und wird zur kurdischen Aktivistin. „Überall Ablehnung, überall Unterdrückung“, sagt sie den Autoren. „Und dann liest du über Öcalan, der über unsere Geschichte spricht, über Frauen. Und du siehst im Verein Männer, die sind 40 oder 50 und wollen deine Meinung wissen. Das war faszinierend.“

Mittlerweile sind fast zehn Jahre vergangen, und Dastan Jasim sieht die Sache nüchterner. Sie war im kurdischen Nordirak und fand dort Inspiration, spürte aber auch die Gegensätze, die überall lauern. Erst wollte sie in „Südkurdistan“ bleiben, doch „jetzt weiß ich, dass ich ein Mischmasch bin. Weder deutsch noch kurdisch. Ich passe nicht zur PKK; weil ich nicht aus der Türkei bin und keine Alevitin. Ich passe nicht zu den Parteien in Südkurdistan. Ich bin eine Frau, ich bin laut, ich bin störrisch.“ Sie sagt: „Ich bin dafür prädestiniert, Dinge zu beobachten, zu recherchieren, einzuordnen Ich will auf jeden Fall in die Wissenschaft.“

Kerem Schamberger, Michael Meyen: Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion. Westend Verlag; 240 Seiten, 19 Euro Quelle: Westend Verlag

Vielleicht sind widersprüchliche Menschen wie Dastan Jasim, die sich selbst hinterfragen und versuchen, den Überblick im zu behalten, wichtig für die deutsche Gesellschaft, um Ordnung ins Chaos zu bringen, das die Kriege im Nahen Osten hinterlassen haben und das sich auch auf Deutschland überträgt.

Derzeit versuchen die eingangs erwähnten kurdischen Organisationen, Öcalans Vision in Nordsyrien in die Tat umzusetzen – mit Hilfe der USA, was nichts Gutes verspricht. Denn irgendwann, so ist zu befürchten, werden die Amerikaner die syrischen Kurden fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Das Land der freien Märkte hat sich noch selten für Bewegungen interessiert, die die Regeln des Kapitalismus aus den Angeln heben wollen. Auch das wird in dem Buch erwähnt, allerdings nur am Rande. Der Traum von der Revolution soll weiter geträumt werden.

Kerem Schamberger, Michael Meyen: Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion. Westend Verlag; 240 Seiten, 19 Euro

Buchvorstellung und Diskussion: 3. Oktober, 19 Uhr, im Pöge-Haus, Hedwigstraße 20 in Leipzig

Von Albrecht Metzger

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