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Kultur Regional Die Männer neben der Femme fatale im Interview
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16:34 29.11.2018
Offizier und Torero: Leonardo Caimi (Don José) und Gezim Myshketa (Escamillo) in der Oper Leipzig. Quelle: Kempner
Leipzig

„Carmen“ in Leipzig: Leonardo Caimi und Gezim Myshketa, die Sänger von Don José und Escamillo, im Interview



Eher traditionell blicken Regisseurin Lindy Hume und Ausstatter Dan Potra auf Bizets Oper „Carmen“.

Gezim Myshketa: Und Carmen ist es auch.

Das müssen Sie erklären!

GM: Es ist ganz einfach: Lindy Hume hat Carmen nicht als männermordenden Vamp gezeichnet, als Femme fatale, die mit ihrer Schönheit jeden Mann, der ihr begegnet, ins Verderben stürzt, sondern als verletzliche, aber selbstbestimmte Frau, die sich in Beziehungen schnell langweilt und der ihre Freiheit das Allerwichtigste ist.

LC: Und die bekommt es in dieser Oper nun mit Männern zu tun, die auch anders sind als das Klischee.

Nämlich?

Viel interessanter und vielschichtiger

Mit einem viel interessanteren und vielschichtigeren Don José zum Beispiel. Der ist ja normalerweise am Anfang der Oper eine Art Wunsch-Schwiegersohn, verliebt in die und verlobt mit der bezaubernden Micaëla, der Mutter gegenüber liebe- und respektvoll sowie gehorsam und als Offizier pflichtbewusst. Dann begegnet er Carmen, und die bringt ihn mit ihrer Liebe und Leidenschaft auf die schiefe Bahn. Dann gerät die Entwicklung außer Kontrolle, und am Schluss wird er zum Mörder. Lindy Hume dagegen lässt mich eine andere Persönlichkeit entwickeln. Dieser Don José neigt schon von Anfang an zu Jährzorn und Gewaltausbrüchen, und er liebt auch Micaëla nicht.

Passt das zur Musik im ersten Duett der beiden, einer der schönsten Nummern des gesamten Repertoires?

LC: Ja und nein. Tatsächlich ist diese Musik weich und innig und zärtlich, und natürlich ist es ein Liebes-Duett. Aber nicht zwischen den beiden.

Sondern?

LC: Zwischen Don José und seiner Mutter, die ihm Micaëla mit einem Kuss geschickt hat. Umgekehrt liebt in dieser Inszenierung Carmen ihn nicht wirklich. Für sie ist das lediglich ein Geschäft: Sex gegen die Freilassung aus der Haft. Aber er verfällt ihr, wird zum Stalker, schließlich zum Mörder.

GM: Darum geht es in der Leipziger „Carmen“, um Stalking, ein sehr aktuelles Problem mit oft tragischem Ausgang. Oder besser formuliert: Die Regie nutzt „Carmen“ um von Stalking zu erzählen.

Eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu ... wann und wo spielt die Leipziger „Carmen“?

GM: Dan Potra hat Bühne und Kostüme leicht abstrahiert, aber letztlich traditionell gehalten.

Also 19. Jahrhundert?

Auf jeden Fall eher traditionell

LC: Mehr oder weniger – auf jeden Fall eher traditionell.

GM: Also für die, die zu „Carmen“ kommen, um „Carmen“ zu sehen – was ja nicht immer der Fall ist auf dem Musiktheater.

Sie sollten offenbar nicht kommen, um den bekannten Torero Escamillo zu sehen – was unterscheidet Ihren von dem?

GM: Er ist viel sensibler, vielschichtiger – menschlicher.

Aber steht nicht auch das im Widerspruch zur kraftstrotzenden Musik Bizets?

GM: Ich finde nicht – obwohl ich mich erst an Lindys Sichtweise gewöhnen musste. Das hier ist mein 15. Escamillo. Keine andere Rolle habe ich so oft und in so vielen unterschiedlichen Inszenierungen gesungen. Aber wenn sie einmal genau hineinhören in die Musik, schon im zweiten Teil der Auftrittsarie, die buchstäblich jeder auf dem Handy hat: Da lässt die Pianissimo-Begleitung des Orchesters Raum für die Dämonen des Stierkämpfers, für seine Albträume, die Angst, dass am nächsten Tag der Stier gewinnen könnte. Da ist viel mehr vom Menschen Escamillo hinter der Maske des Toreros zu erkennen. Zwischen ihm und Carmen entwickelt sich schnell eine ehrliche Beziehung.

LC:Und weil Don José merkt, dass seine Liebe ins Nichts läuft, wird er am Ende zum Mörder.

Das ist in der Tat eine etwas andere Geschichte als die übliche „Carmen“ – aber funktioniert die noch als Musiktheater und erschließt sich auch auf der Bühne?

LC: Das denke ich doch. Lindy Hume geht als Regisseurin sehr schauspielerisch an eine Oper heran. Sie stellt nicht verkleidete Sänger auf die Bühne und umgibt sie für große Arien mit einem szenischen Gold-Rahmen, sie fordert wirklich Schauspieler.

GM: Mir als Sänger gefällt das sehr gut, weil ich dabei viel lerne. Wie ich überhaupt im Regietheater viel gelernt habe. Auch wenn ich nicht immer und mit jeder Sicht auf jede Oper einverstanden war, ist es doch eine sehr lehrreiche Herausforderung für Sängerdarsteller auch einmal ganz anders zu agieren.

Und wie groß ist im konkreten Fall die Herausforderung fürs Publikum?

GM: Nicht allzu groß. Bühne und Kostüme sind prachtvoll und traditionell.

LC: Die Regie sucht andere Facetten, andere Beweggründe, andere Nuancen, aber sie bürstet nichts gegen den Strich.

GM: Dazu für Bizets herrliche Musik das großartige Gewandhausorchester unter Maestro Foremny,

LC: ... mit dem zu arbeiten für Sänger eine Freude ist, ...

GM: ... also ich glaube : Das wird auch fürs Publikum eine schöne Produktion.

LC. Und „schön“ können Sie getrost wörtlich nehmen.

„Carmen“ in der Oper Leipzig: Premiere (vereinzelte Restkarten) 30.11.2018, 19 Uhr, Vorstellungen: 15., 22., 27. Dezember, 2., 23. Februar, 23. März; Karten (15–78 Euro) erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher

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