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Kultur Regional Die Schattenseiten von Breitkopf & Härtel
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17:44 18.02.2019
Die Texte auf den Ausstellungstafeln wurden jeweils auf Deutsch und Russisch verfasst. Quelle: Kempner
Leipzig

Breitkopf & Härtel begeht in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag und ist der älteste noch existierende Musikverlag der Welt. Während eine Ausstellung im Museum für Druckkunst der ruhmreichen Verlagshistorie gewidmet ist, beleuchtet eine kleine Ausstellung im Ariowitsch-Haus im Waldstraßenviertel deren Schattenseiten. Unter dem Motto: „Ein Musikverlag im ,Tausendjährigen Reich’“ gestalteten Studierende der Uni Leipzig Ausstellungstafeln zur Verlagsgeschichte zwischen 1933-1945, die bis 7. April in dem jüdischen Kulturzentrum zu sehen sind.

Zu Anfang des Rundgangs müssen zwei Poster reichen, um das Renommee von Breitkopf & Härtel hervorzuheben: Die Erfindung einer Notendrucktechnik mit bewegliche Lettern begründet den legendären Ruf im Musikalienhandel, in dessen Zuge etwa Bach, Mendelssohn, Chopin oder Wagner verlegt werden.

Nationalsozialistische Publikationen

Es folgt der Sprung zur NS-Zeit, während der sich der Verlag früh an Nazi-Propaganda beteiligt: 1933 wird ein Sonderprospekt „Vaterländische Musik“ herausgegeben, Mitarbeiter müssen der NSDAP ihre arische Abstammung nachweisen, Jahrbücher der Heere und Bücher zur Polizeigeschichte erscheinen regelmäßig.

Während der NS-Zeit verlegte Breitkopf & Härtel Jahrbücher der Heere. Quelle: Kempner

1937 versucht der Verleger Hellmuth von Hase, Breitkopf & Härtel den jüdischen Konkurrenzverlag „C. F. Peters“ aus Leipzig zwecks „Arisierung“ einzuverleiben – sein Ansinnen scheitert an Bedenken des Reichskulturwalters.

Recherche in Archiven

Der zweite Teil der Ausstellung erzählt von Einschränkungen während des Krieges, der Zerstörung des Verlagsgebäudes im Graphischen Viertel und endet mit der Verlagsanordnung einen Tag nach der Kapitulation, die Grußformel „Heil Hitler“ sei zukünftig zu unterlassen.

Ereignisse wie diese werden illustriert durch Dokumente und Fotografien, die 25 Studierende der Buchwissenschaft aus dem Sächsischen Staatsarchiv und dem Berliner Bundesarchiv gehoben haben.

Einordnung fehlt

Das ist alles mühsam zusammengetragen – neben den 15 grauen Plakaten gibt es zwei Vitrinen bestückt mit Exponaten, die etwas verloren in der Ecke stehen. Was der Ausstellung fehlt, ist eine Einordnung: Wie verhielt sich Breitkopf & Härtel im Vergleich zu anderen Verlagen? Was waren gesellschaftliche und wirtschaftliche Hintergründe? Die Funde werden wie Indizien präsentiert, Erklärungen fehlen oftmals. Am eklatantesten wird dies an der fehlenden Thematisierung des Verlegers sichtbar: Von Hase biederte sich den Nazis früh an, unterschrieb im Zuge der Bücherverbrennungen 1933 die Erklärung zur Verfemung von unliebsamen Schriftstellern im Börsenblatt.

In der Eröffnungsrede zur Ausstellung liefert Professor Siegfried Lokatis, der die jungen Wissenschaftler anleitete, etwas Kontext nach: So spricht er davon, dass Breitkopf & Härtel kein nationalsozialistischer, jedoch ein konservativer, nationalistischer Verlag gewesen sei, der immer von seinen internationalen Kontakten gelebt und deshalb unter den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs gelitten habe.

1952 wurde Breitkopf & Härtel enteignet

Thomas Frenzel, Lektor bei Breitkopf & Härtel in Leipzig, findet die Ausstellung „ausgewogen“. Er weist auf die Enteignung 1952 seitens der Sowjets hin, ein weiterer schwerer Einschnitt nach der Ausbombung 1943. Der Verlag musste daraufhin in Wiesbaden, wo sich der heutige Hauptsitz befindet, von Null anfangen. Auf der Website von Breitkopf & Härtel wird zwar die 300-jährige Geschichte detailliert zelebriert , der Zeitraum von 1933–1943 bleibt aber blank. Und so füllt die Ausstellung durchaus eine Lücke, dazu an einem symbolischen Ort: Das erste 1719 von Breitkopf & Härtel verlegte Werk war nicht etwa ein Notenheft, sondern eine hebräische Handbibel.

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 9-17 Uhr, sonntags zu Veranstaltungen. Ort: Ariowitsch-Haus (Hinrichsenstraße 14).

Von Maximilian König

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