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Kultur Regional Die Schönheit menschlicher Existenz
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23:07 29.12.2017
Der designierte Chefdirigent der NDR-Elbphilharmonie Alan Gilbert dirigiert Beethovens Neunte im Gewandhaus Quelle: Christian Modla
Leipzig

Ein Anfang wie in der Genesis: Und die Erde lag wüst und leer. Mit beinahe verstörender gerader Präzision halten die Bläser ihre leeren Quinten, kalt und unbelebt. Die Streicher liefern mit ihrem Tremolo und den fallenden Quarten und Quinten darüber gleichsam die Fortsetzung: Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Dann geht unter den Händen des großartigen Alan Gilbert alles ganz schnell in dieser Neunten des Jahres 2017: Noch während des ersten Crescendos tritt das Leben auf die Erde, werden Töne zu Zellen, Intervalle zu Synapsen, findet alles zusammen zu immer größeren Organismen, zum Menschen, zu seiner ureigenen Schöpferkraft.

Eine wandelbare Komposition

So kraftvoll wie diese unter der Leitung des designierten Chefdirigenten der NDR-Elbphilharmonie in Hamburg begann lange keine Neunte mehr in Leipzig. Masur ging den Anfang epischer an, Chailly analytischer, Blomstedt zurückhaltender, Gilbert selbst harmloser, Nelsons zuletzt grüblerischer. Was zeigt, wie weit das Feld ist, das Beethoven mit diesem auch nach beinahe 200 Jahren noch nicht endgültig vermessenen Werk absteckte. Weil die Ideengeschichte bis zur Aufklärung darin steckt – und darüber hinaus.

Bei Gilbert manifestiert sich die Größe der menschlichen Existenz vor allem in Schönheit. Sie steht im Zentrum seiner Bemühungen, nicht Aufbegehren oder Stolz, Zorn oder Triumph. Entsprechend schnell lässt er es zu, dass die Streicher zu leuchten beginnen, das Holz zu funkeln, das Blech zu prunken. Was gefährlich ist, weil eine solche Musizierhaltung allzuschnell zur Klumpenbildung neigt und von Beethovens sinfonischem Gedankengebäude nur die schönen Stellen bleiben, mit schöpferischem Gemurmel dazwischen. Doch darin, dass genau dies nicht passiert, zeigt sich das gestalterische und auch das schlagtechnische Format dieses großen Dirigenten.

Immer wieder leuchten Gedanken auf

Gewiss: Wir haben in den vergangenen Jahren auch schon entrückteres Piano gehört, mehr Geheimnis im Kopfsatz, mehr Zartheit im Adagio molto e cantabile. Aber Gilberts dynamische Verbindlichkeit schadet weder der Transparenz noch geht sie zu Lasten von Kontrast und Lebendigkeit. Weil der US-Amerikaner mit seinem so geschmeidigen wie suggestiven Schlag immer im Dienste des Ganzen unterwegs ist. Blüht irgendwo im riesigen Orchesterapparat  ein Gedanke auf, der es wert ist, ausformuliert zu werden, und sei es nur für einen Augenblick, trägt er ihn auf Händen – und schattet in Sekundenbruchteilen den Rest so gekonnt und sanft ab, dass mit größter Selbstverständlichkeit immer wieder neue Details an die Oberfläche dieses so unendlich oft schon gehörten Werkes gelangen.

Dass derlei den natürlichen Fluss der Musik nicht hemmt, sondern immer ein gemeinsames Ziel anzusteuern scheint, das grenzt an Magie. Am schönsten manifestiert sich dies im dritten Satz, in den Doppelvariationen, die aus eng verwandtem Material zwei unterschiedliche Welten erschaffen und beleben. Beethovens Variationen sind nie einfach nur Variationen. Hier wird im Zuge der Variation das Material nicht umkreist, es verändert sich dabei. Und auch das Neue wird Gegenstand des Variierens, zeugt selbst immer wieder aus sich heraus Neues. Ein unendlicher Strom aus überirdischer Schönheit, der  ewig weiter fließen könnte, führen nicht garstig die Dissonanzen hinein, mit denen das Finale seine anderen Töne vorbereitet. Und dies ist der einzige strukturelle Makel dieser großen Aufführung:  Dass Gilbert die unerhörte Wirkung dieser Satzgrenze dadurch schmälert, dass er dem Publikum vor der Zielgeraden noch einmal Gelegenheit zum kollektiven Abhusten lässt, statt attacca fortzufahren.

Doch schadet dies kaum. Denn das Orchesterrezitativ entwickelt in so kurzer Zeit seine volle Energie, dass die Spannung über die Pause hinwegträgt. Und schon sind wir mittendrin in dieser brodelnden Weltumarmungs-Kantate, die Gilbert analog zum Beginn aus den nun doch kaum hörbaren und aschfahl wie von Ferne eher raunenden als singenden Celli und Kontrabässen entwickelt. Wieder fährt mit jedem hinzutretenden Instrument  mehr Leben in die Glieder. Bis zum markerschütternden Zwischenruf des Bassisten: O Freunde, nicht diese Töne.

Große Stimmen, famose Stimmen

Die Worte allerdings hätte John Relyea gern auch auf sich selbst beziehen können. Sein mulmendes Ungefähr macht trotz der gewaltigen Luftmengen, die er zu bewegen in der Lage ist, nicht wirklich glücklich. Überhaupt haben an der Solistenfront wieder Einzelkämpfer zueinander gefunden. Neben Relyea sind das der berühmte Klaus Florian Vogt am Tenor und die Altistin Gerhild Romberger. Große Stimmen, famose Stimmen und für sich genommen durchaus eindrucksvoll. Aber würden sie im Quartett auf den bei Bedarf auch zurückhaltenden herrlichen Sopran Genia Kühmeiers hören, es wohnte tatsächlich ein lieber Vater überm Sternenzelt – kein Donnergott.

Keinerlei Einwände dagegen gibt’s beim so beweglichen wie durchsetzungsstarken Kombinat aus MDR-, Gewandhaus- und Gewandhaus-Kinder-Chor. Fantastisch frische, junge, lebendige, bewegliche und vorbildlich artikulierende Stimmen, die, präpariert von Nicolas Fink, Gregor Meyer und Frank-Steffen Elster, Gilbert bereitwillig folgen auf seiner Reise in die Schönheit. In eine Schönheit, die nicht Selbstzweck ist oder philharmonischer Plüsch, sondern ihrerseits Ideengeschichte nachzeichnet: Wenn wir sie schon nicht in ihr leben dürfen, dieser besseren Welt, in der alle Menschen Brüder werden, dann haben wir nun wenigstens eine Vorstellung, wie sie klingt. Begeisterter Jubel, ausführlich und im vielfach im Stehen vorgetragen.

Heute, Samstag, 20 Uhr, und morgen, Silvester, 17 Uhr, dirigiert Alan Gilbert im Gewandhaus Beethovens Neunte. Alle drei Konzerte sind ausverkauft. Der MDR überträgt das Silvesterkonzert live im Fernsehen und im Radio auf MDR Kultur.

Von Peter Korfmacher

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