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Die Unruhe nach dem Sturm: Bayerischer Liedermacher Hans Söllner im Felsenkeller

Konzert Die Unruhe nach dem Sturm: Bayerischer Liedermacher Hans Söllner im Felsenkeller

Hans Söllner ist bekannt dafür, dass er ein „Oarschloch“ gern ein „Oarschloch“ nennt. Am Donnerstag hat er seine Anhänger im Felsenkeller zum Zweifeln und Nachdenken ermutigt.

Weder Frisur noch Outfit – aber jede Menge Charakter: Hans Söllner im Felsenkeller.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es zieht wie Hechtsuppe am Donnerstagabend durch die Straßen in Leipzig. Da stört es das Publikum im Felsenkeller wenig, dass es gut und gerne eine Stunde im kalten Saal hockt, ohne dass sich irgendwas tut. Man ist ja drinnen, und die Bar hat geöffnet. Irgendwann schleicht er dann auf die Bühne, Hans Söllner, an Beiläufigkeit kaum zu überbieten. Er setzt sich, stöpselt die Gitarre an und – „Schee siehsts aus!“, ruft ihm jemand aus dem Publikum entgegen.

Söllner hält inne, blickt hoch und ist ehrlich erfreut. Das habe schon lang niemand mehr zu ihm gesagt, grinst er in sich rein. 62 Jahre alt ist er am Heiligabend geworden, man könnte ihn aber auch zehn Jahre jünger schätzen, wie er da so sitzt, mit kurzen verwuschelten Straßenköterhaaren, die man genauso wenig „Frisur“ nennen würde wie seine Klamotten „Outfit“. Man muss diese bayerische Liedermacher-Legende gar nicht kennen, um schnell zu begreifen, dass Hans Söllner anders ist als andere Musiker. Und dass er ausdrücklich auch anders sein will als „die anderen“.

Obwohl er die Gitarre von Anfang an vor der Brust hat, fängt Söllner zunächst mal an zu erzählen. Über die „extreme Zensur“ dieser Tage und sogenannte „soziale“ Netzwerke lässt er sich aus, denn er ist nicht nur seit Jahrzehnten überzeugter Querulant, nein, er ist auch jemand, der ein „Oarschloch“ gern ein „Oarschloch“ nennt, auch in der Öffentlichkeit und auch dann, wenn es ein Politiker ist. Da sind gewisse Problemchen mit dem Gesetz und der einen oder anderen Behörde nicht zu vermeiden.

Auch der unermüdliche Kampf für die Legalisierung von Marihuana und der Konsum desselben hat Söllner im Königreich der CSU nicht unbedingt zum Staatsfreund Nr. 1 gemacht. Und wo wir gerade dabei sind: Mit der Landwirtschaft legt er sich ebenfalls ganz entschieden an, mahnt gegen Massentierhaltung und Monokulturbewirtschaftung. Im Dezember hat er Strafanzeige gegen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt erstattet, wegen dessen Glyphosat-Alleingangs.

Kein Singer/Songwriter, ein Liedermacher

Hans Söllner ist also zunächst ein Eigenbrötler und Unangepasster, bevor er Musiker und Entertainer ist. Und obwohl deshalb „seine Konzerte teilweise kundgebungsähnlichen Charakter annehmen“ (Wikipedia), sind es eben doch: Konzerte. Bemerkenswerte noch dazu, wie der Abend im gut besuchten Felsenkeller am Donnerstag gezeigt hat.

Und das hat zwei Gründe. Erstens: Er hat was zu sagen, hat Feuer und Kraft, ehrliche Überzeugungen. Man denke nur an all die jungen Männer mit Bart und Gitarre, die dieser Tage als „Singer/Songwriter“ gerade mal den Bogen von „seichter Beliebigkeit“ zu „beliebiger Weinerlichkeit“ spannen können. Hans Söllner ist kein Singer/Songwriter, bei weitem nicht. Seine Gitarre und seine Außenseitersongs erinnern eher an den frühen Johnny Cash.

Da freut sich in einem Lied einer über einen lustig springenden Fuchs auf der Wiese, nur um in der zweiten Strophe hunderte halbtote Tiere in Käfigen zu sehen – „und ich schrei, schrei, schrei und keiner hört’s“ (frei übersetzt). In einem anderen Lied feiert ein ganzes Dorf, dass ein Mädchen „zur Frau“ geworden ist, während das Mädchen zuhause infolge einer Genitalverstümmelung verblutet.

Und hier kommt der zweite bemerkenswerte Aspekt von Hans Söllners Musik zum Tragen: Er schaut beinahe schon unverschämt naiv und zärtlich auf seine Sujets, formuliert unverstellt, fernab von Phrasen und Klischees. „Ich versteh nicht, um was es da geht“, singt er an einer Stelle, „Dann schau halt einfach hie’ / Siekst des net? / Des musst doch spürn / Des gibt’s doch net“ an einer anderen.

Das zweite Zitat deutet es vielleicht schon an: Söllners Südstaatenslang lässt einen nicht unbedingt alles verstehen, was er da so zu Gitarre und Mundharmonika von der Bühne krächzt. Aber was soll’s, andere haben für sowas schon Nobelpreise bekommen.

Von Benjamin Heine

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