Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Die Unsichtbaren – Erinnerung an Hubert Witt und Wolfgang Hilbig
Nachrichten Kultur Kultur Regional Die Unsichtbaren – Erinnerung an Hubert Witt und Wolfgang Hilbig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:36 25.10.2018
Ingrid Sonntag und Wolf Biermann im Haus des Buches in Leipzig. Beim Literarischen Herbst haben sie an Hilbig, Witt und Biermann erinnert. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es gibt Hausaufgaben. Weil die Zeit nicht reicht, müsse man Wolfgang Hilbigs Gedicht „die namen“ bitte unbedingt zu Hause nachschlagen. Moderator Roland Berbig bedauert das sehr, doch es war einfach zu viel, was am Mittwochabend im Haus des Buches in anderthalb Stunden passen sollte: eine Würdigung des Leipziger Reclam-Lektors und Nachdichters Hubert Witt (1935–2016), des von ihm herausgegebenen Reclam-Bandes „Der Fiedler vom Ghetto. Jiddische Dichtungen aus Polen“ (1966) und des von ihm geförderten Dichters Wolfgang Hilbig (1941–2007).

Dies zu leisten, sitzt die Germanistin und Lektorin Ingrid Sonntag auf dem Podium, die die Veranstaltung mit vorbereitet hat. Schauspieler Thomas Dehler übernimmt die literarische Lesung. Und Wolf Biermann ist ja auch noch da. An ihm demonstriert der Moderator sein Geschick, als Dompteur und Schmeichler gleichermaßen zu agieren und konsequent die Fäden in der Hand zu behalten. Berbig ist zudem Herausgeber des im März erschienenen Buches „Auslaufmodell ,DDR-Literatur’: Essays und Dokumente“. Er weiß, wovon der spricht.

„Ehrung für Hubert Witt“ ist also diese Veranstaltung im Rahmen des Leipziger Literarischen Herbstes überschrieben, dessen Mitbegründer und erster Projektleiter Witt 1991 war. Einen Lektor zu ehren, heißt, einen der Unsichtbaren ins Licht zu rücken, einen Diener der Texte, der kreative Energie in die Arbeit anderer eingebracht hat. Er hat Jiddisch gelernt, um die Gedichte für „Der Fiedler vom Ghetto“ nachdichten zu können.

Ihm ist es zu verdanken, dass 1983 Hilbigs Gedichtband „Stimme Stimme“ bei Reclam in der DDR erscheinen konnte. Wenn auch zensiert. Ingrid Sonntag erzählt die Editionsgeschichte, von Widerständen in Verlag, Ministerium, Partei. Hilbig galt als „Rowdy“, als „asozial“. Er war so wenig bereit, sich korrumpieren zu lassen, wie sein Lektor kritische Gesinnung einer Karriere geopfert hätte.

Der Liedermacher Wolf Biermann hat Hubert Witt ebenfalls gut gekannt. Wie übrigens auch Brechtschauspieler Martin Flörchinger, der in der Berliner Chausseestraße 131 sein Nachbar war. Biermann wirkt gerührt, als Thomas Dehler sich als Enkel Flörchingers zu erkennen gibt. Ansonsten ist er Biermann. Der ja nicht lobt, ohne zu ohrfeigen. Und den zu irritieren scheint, dass zwischen Begrüßung und Abschied niemand applaudiert. Wie in einem Gottesdienst.

Die Zuschauer lauschen im gut gefüllten großen Saal den Geschichten von der Freundschaft mit Witt, die nach dem Mauerfall begann. Als Biermann 13 Jahre nach der Ausbürgerung im Dezember 1989 in der Leipziger Messehalle spielte, sei Witt beim Konzert gewesen. Doch vorher schon, „im ersten Jahr meines Verbots“, habe er ihm mit „Der Fiedler vom Ghetto“ das Tor zur jiddischen Dichtung geöffnet. Es sind die Stimmen der Unsichtbaren, die den Abend zum Klingen bringen.

Von Janina Fleischer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ein Neonazi-Konzert in Niedersachsen wird für die norwegische Filmemacherin Karen Winther zum Schlüsselerlebnis aus der Szene auszusteigen. Was bewegt rechte, linke und religiöse Extremisten zum Verlassen von radikalen Gruppierungen? Das DOK Leipzig zeigt mit „Exit“ den Film zur politischen Debatte der Stunde.

25.10.2018

Der LVZ-Opernclub erlebt eine Neuauflage: Sichern Sie sich jetzt ihr Ticket für die Vorstellung der Oper "Carmen" am 15. Dezember 2018 mit mit einem Rabatt von 15 Prozent.

25.10.2018

Arno Rink, Neo Rauch, Titus Schade – die bekannten Namen in der Leipziger Malerei sind männlich. Doch in den Leipziger Ateliers arbeiten heute auch viele Frauen. Und die haben Power. Das zeigen die Instagram-Accounts drei junger Leipziger Malerinnen.

24.10.2018