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00:18 18.10.2017
Mirjam Neururer und Jeffery Krueger bei der erotischen Ertüchtigung auf Florian Parbs’ Lotter-Hüpfburg. Quelle: Leipzig report
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Leipzig

Das Beste ist die Musik, die Eduard Künneke (1885–1953) für seine „Große Sünderin“ schrieb. Am Samstagabend hatte sie in der keineswegs ausverkauften Musikalischen Komödie Premiere, und an diesem Befund führt ebenso wenig ein Weg vorbei wie an einem anderen: Auch sie, die Musik, ist nicht wirklich gut. Ja, es gibt sie, die Melodien, die sich ins Ohr fräsen, schmissige Rhythmen, laszive Harmonien und, selbst noch in der Einrichtung Franz Marszaleks, eine bemerkenswert lüsterne Instrumentation. Aber es gibt noch mehr Leerlauf, Walzer, denen der Marsch wie eine Fischgräte quer in der Kehle steckt, Chor-Tableaus, denen jeder Anlass fehlt für ihre nicht unerhebliche Wirkung.

Vor allem aber fehlt das Drama in dieser Operette, die Künneke selbst zunächst als „heitere Oper“ etikettiert wissen wollte. Denn das konfliktfreie, einfältige, ungelenke Textbuch von Katharina Stoll und Herman Roemmer gehört zum Ödesten, was je auf die Bühne gelangte. Künneke bemühte sich seinerzeit nach Kräften, eine rundum deutsche Operette zu schaffen, die es aufnehmen könnte mit den Meisterwerken eines Franz Lehár, der sich bekanntermaßen jüdischer Librettisten bediente. So ist das Libretto der „Großen Sünderin“ ziemlich schamlos nach der „Lustigen Witwe“ modelliert, aber eine sehr unlustige geworden. Und der Versuch des Bruch-Schülers Künneke, dem großen Sinfoniker Lehár mit großer Sinfonik zu begegnen, mit erheblichem orchestralem, dazu choralem und vor allem solistischem Aufwand, führte zwar in eine sehr anspruchsvolle, aber auch sehr gewollte Musik, der der eigene Anspruch in beinahe jedem Takt im Weg steht.

Immerhin ist die „Sünderin“ für einige Strass-Kleinodien des Genres gut: Die Titelheldin, die Badische Herzogin Sybilla, und ihr Galan, Oberst Johann Georg von Schrenk, haben einige Nummern, die nicht zum Besten, aber zum Anspruchsvollsten gehören, was die deutschsprachige scheinleichte Muse zu bieten hat. Und für den Schrenk hat die MuKo in Gestalt ihres neuen Ensemble-Tenors Adam Sanchez einen grandiosen Interpreten – neben Radoslaw Rydlewski verfügt das Haus nun also über gleich zwei Ausnahme-Fachmänner.

Im Prinzip. Denn Sanchez fängt wenig an mit seinem sensationellen Material. Mit seinem sinnlichen Schmelz, seinem Metall, seiner Höhensicherheit und Durchsetzungskraft. Weil er sich fast ausschließlich auf sie verlässt, die Durchsetzungskraft. Das geht zu Lasten von Intonation und Text, von dem kaum eine Silbe zu verstehen ist. Womit Sanchez auf Augenhöhe der Herzogin Lilli Wünscher navigiert.

Was noch steckt in dieser Partitur, zeigt an diesem drastisch eingekürzten, aber immer noch recht langatmigen Abend, Mirjam Neururer als Jakobe. Kokett, sinnlich, backfischig, energisch und verletzlich macht sie die Seele hörbar, die hinter den Wichtigtuer-Posen Künnekes noch wohnt, überdies versteht man bei ihr auch den Text. Überhaupt singen die mittleren Partien die allzu großen an die Wand: Patrick Rohbeck als Hofmarschall Dagobert, Jeffery Krueger als Leutnant Jürgen von Sommerfeld, Anna Evans als pubertärer Herzog Ludwig, beweisen, dass die Seele des Hauses im Ensemble-Geist wohnt. Was ebenso der von Mathias Drechsler präparierte Chor beweisen und das Ballett – für das indes zu hoffen bleibt, dass Mirko Mahr seine Choreographien ironisch gebrochen verstanden wissen will.

Fürs Orchester gilt dies diesmal nur begrenzt. Weil MuKo-Chefdirigent Stefan Klingele, dessen beredter Überzeugungskraft Leipzig diese zweifelhafte Wiederentdeckung verdankt, allzu pauschal mit dieser Partitur umgeht. Ja, es gibt eindrucksvolle Momente philharmonischer Ballung, die vor allem gegen Ende den dann doch erheblichen Applaus bedingen. Aber es gibt ebenso viele Unschärfen und Ungenauigkeiten – und einen bemerkenswerten Mangel an metrischer Geschmeidigkeit, was dieser wohlfeilen Reißbrett-Musik eher unfreiwillig den Schleier vom Gesicht zieht.

Szenisch fällt die Bilanz nicht besser aus. Wie im „Don Carlo“ im großen Haus spielt wieder das Bühnenbild eine Hauptrolle. Florian Parbs stellt zum Behufe der erotischen Ertüchtigung eine knallbunte Hüpfburg auf die Bühne, die Regisseurin Alexandra Frankmann immerhin zu Slapstick-Albernheiten inspiriert, die Sängerdarsteller wie Mirjam Neururer und Jeffery Krueger (dem der einschlägige Elan zur Premiere eine Knie-Verletzung einbrockt) gekonnt zu Theater machen. Ansonsten überlässt die Regisseurin ihre Akteure in den aufwendigen Kostümen Rebekka Zimlichs ziemlich umfassend sich selbst. Bei Neururer und Krueger, Rohbeck und Evans oder Angela Mehling als Anstandsdame Arabella funktioniert das gut. Der Chor indes steht, obwohl Herr Fischer auch die leere Champagner-Flasche mit Grandezza zu tragen vermag, oft umher. Der Oberst ist auf weiten Strecken damit beschäftigt, seine Hose am Rutschen zu hindern. Die Herzogin bleibt ohne Charakter-Relief. Und die sächselnde Knallcharge, zu der Frankmann den armen Andreas Rainer als Prinz Edolin degradiert, ist in dieser Würdelosigkeit beinahe ein Fall fürs Arbeitsgericht. In keinem Augenblick verhält sich die Regisseurin zur Problematik des Stücks, sie unternimmt nicht einmal den Versuch, eine Geschichte zu finden, die zu erzählen sich lohnte.

Schade, dass nach der hinreißenden „Nofretete“ der letzten Saison die zweite Ausgrabung der MuKo nun ungebremst vor die Wand fährt. Und unnötig. Denn schon beim ersten Spatenstich muss der Verwesungsgeruch des braunen Operetten-Moders deutlich wahrnehmbar gewesen sein.

Vorstellungen: 17., 31. Oktober, 4., 18., 19. November, 12., 27. Dezember, 10., 11. Februar. Karten (15–39 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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