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13:51 02.12.2018
Gegen den Frust: Katja Wiesner (links) und Andrea Rübsam vom Verein Lese-Lust Quelle: Kempner
Leipzig

Die fünf Hackbratenfreunde hätte im Gewandhaus nun wirklich niemand erwartet. Ebenso wenig, dass Rapunzel hier kurz vor Beginn des Benefizkonzerts am Sonnabend noch schnell zum Frisör rennen würde. Davon handeln zwei der skurrilen Geschichten der Leipziger Buchkinder, aus denen der Verein Lese-Lust ein hinreißendes Hörbuch fabriziert hat: Es ist eines der insgesamt 25 Vorhaben, die die Stiftung „Leipzig hilft Kindern“ dieses Jahr fördert. Um das Konzert herum haben die Vereine ihre Projekte im Foyer vorgestellt.

Die „Lese-Lust-Buchkinder-Geschichten“ sollen zum Vorlesen ermuntern. „Und gleichzeitig Frust vermeiden unter den Kindern, die darin bereits sehr gut sind“, sagt Andrea Rübsam. Vorlesepate Reiner Hoffmann ist als Juror im Vorlesewettbewerb der Stiftung Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedes Jahr aufs Neue beeindruckt, wie mitreißend auch die zwei-, dritt, viertplatzierten Sechstklässler erzählen – nachzuhören jetzt auf CD.

Gegen den Hunger: Sebastian Nitsche (links) und Mathias Kötter vom Verein Bemmchen Quelle: André Kempner

Kinder in der Klasse zu haben, die sich für solche Wettbewerbe qualifizieren – davon kann Geografie- und Sportlehrer Sebastian Nitsche allenfalls träumen. Der 35-Jährige unterrichtet an der 20. Oberschule im Leipziger Brennpunktviertel Schönefeld. „Die Kids können keine zehn Sekunden still sitzen“, berichtet er. „Ein störungsfreier Unterricht ist kaum möglich.“ Nitsche spricht von einem „großen Problemrucksack“ der Kinder. „Den können wir nur kurz anheben, aber nicht leeren.“ Aber einen Hebel hat er mit Kollegen doch gefunden, um etwas Ruhe ins Klassenzimmer zu bringen. Daher haben sie den Bemmchen-Verein gegründet: „Viele Schüler sitzen hungrig im Unterricht. Ohne Frühstück und ohne Pausenbrot.“ Andere Kinder investierten die ein, zwei Euro, die ihre Eltern ihnen mitgeben, im Supermarkt nebenan in Süßigkeiten, Chips oder Energiegetränke, sagt er. „So gesellen sich zu den hungrigen noch aufgeputschte Schüler.“

Seit genau einem Jahr bereitet der Bemmchen-Verein dienstags und donnerstags gemeinsam mit bis zu 35 Fünft- und Sechstklässlern ein gesundes und ausgewogenes Frühstück zu. Ein erster Schritt, der im Kleinen große Erfolge zeige, so Nitsche. Und wenn er träumen darf? „Dann bieten wir das irgendwann an jedem Schultag an und zudem nicht allein an der eigenen Schule.“ Vielleicht schneiden sich dann sogar manche Eltern ein Scheibchen davon ab.

Für Erziehungstipps: Lisa Unzner (links) und Diana Schindler von der Eltern-AG. Quelle: André Kempner

Gleich bei den Eltern setzt der Leipziger Verein Herbie mit seiner „Eltern-AG“ an. Sieben bis zwölf Mamas und Papas tauschen in regelmäßigen Treffen, die sich über ein halbes Jahr ziehen, Erziehungstipps aus. „Keine Expertenratschläge“, sagt die Sozialpädagogin Diana Schindler vom Herbie-Verein. „Wir moderieren die Gespräche nur, das ist uns wichtig.“ Das Angebot soll überforderten Eltern helfen, bevor womöglich das Jugendamt eingreift. „Die Anerkennung durch andere Eltern tut vielen gut“, hat Schindler erlebt. Um neue Mitglieder für die Eltern-AG zu finden, geht sie mit ihren Kollegen auf öffentliche Spielplätze oder spricht auch mal eine Familie beim Einkaufsbummel an, erzählt sie.

Für Trauer: Julia Enoch (links) und Katrin Gärtner vom Verein Wolfsträne. Quelle: André Kempner

Die Kinder, die der Verein Wolfsträne in Trauergruppen versammelt, sollen ebenfalls „merken, dass sie nicht alleine auf der Welt sind – dass andere Kinder das Gleiche erleiden.“ Wie in einem ähnlichen Projekt des Hospiziums, das die Stiftung „Leipzig hilft Kindern“ gleichfalls unterstützt, kümmern sich auch die 15 ehrenamtlichen Trauerbegleiter der Wolfsträne um Kinder und Jugendliche, die Mutter, Vater, Schwester oder Bruder verloren haben. „Kinder trauern anders als Erwachsene“, erklärt Julia Enoch. „Kinder springen durch Pfützen.“ Soll heißen: In Phasen stürzt die Traurigkeit sie in tiefe Löcher, „aber dann empfinden sie schnell wieder Freude und Spaß. Wir wollen ihnen zeigen, dass das völlig okay ist“, sagt die 37-Jährige.

Vor anderthalb Jahren hat der Verein mit vier Kindern angefangen, jetzt werden achtzig betreut, Dreijährige individuell, Kinder von fünf bis einundzwanzig Jahren in Gruppen. „Wenn Kinder nicht trauern können, wenn sie den Tod eines lieben Menschen nicht verarbeiten, kann daraus eine Traumatisierung erwachsen, die noch Jahrzehnte seelische Probleme verursacht“, sagt Enoch, die Trauerbegleiterin.

Von Mathias Wöbking

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