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Kultur Regional Doppeltes Heimspiel für Nelsons im Gewandhaus
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13:32 10.09.2018
Andris Nelsons dirigiert sein Boston Symphony Orchestra im Gewandhaus in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Geräuschpegel ist ungewohnt hoch, als sich die Türen zum großen Saal des Gewandhauses öffnen: Die Musiker des Boston Symphony Ochestra (BSO) sitzen bereits mit ihren Instrumenten auf der Bühne und spielen sich vor den Augen und Ohren der Besucher warm – ganz amerikanisch.

Mit Gustav Mahlers monumentaler dritter Sinfonie erklang am Samstagabend ein abendfüllender Höhepunkt der Leipziger Boston-Woche, die vom 31. August bis 9. September den Auftakt der neuen Spielzeit des Gewandhauses bildete. Das gerade durch Europa tourende BSO präsentierte sich in großer Besetzung und verwandelte den Saal gemeinsam mit Mezzosopranistin Susan Graham sowie dem Leipziger Gewandhaus- und -kinderchor in eine musikalische Weihestätte.

Für Andris Nelsons, der wie gewohnt den Taktstock führte, war es ein Heimspiel im doppelten Sinne: Nelson ist nicht nur Gewandhauskapellmeister, sondern er ist gleichzeitig auch Music Director des Boston Symphony Orchestra und hat somit die enge Partnerschaft und den künstlerischen Austausch der beiden Spitzenorchester überhaupt erst möglich gemacht.

Herausforderung auch für das Publikum

Mit Mahlers Dritter hat das BSO reichlich Gelegenheiten, seine hohen Qualitäten unter Beweis zu stellen und schafft dies mit einer Brillanz und Ausdauer, die so manchen Zuhörer in Erstaunen versetzt. Dass die Sinfonie als Mahlers längstes Werk mit rund 105 Minuten Aufführungsdauer (ohne Pause) nicht nur für die Musiker eine Herausforderung darstellt, sondern auch die Kondition des Publikums prüft, gerät im Sog der Musik schnell in Vergessenheit; Nelsons und das BSO durchleben mit Inbrunst, was Mahler mit spätromantischer Hingabe diktiert – und erzählen uns mehr als überzeugend von Natur, Mensch und der Ewigkeit.

Schon der erste Satz, der mit seinen 40 Minuten Länge fast selbst zur Sinfonie geworden wäre, endet mit einem derartigen aufschäumenden Knall, dass es jedem im Publikum schwerfällt, nicht schon jetzt durch donnernden Applaus seiner inneren Euphorie Ausdruck zu verleihen. Der Saal knistert, so geladen, so elektrisiert ist die Luft, als der Schlussakkord des Kopfsatzes fällt – und der sich verausgabende Nelsons greift zur Wasserflasche, bevor er den Taktstock zum zweiten Satz hebt.

Das Spektakel nimmt seinen Lauf. Die Musiker gehen an ihre Grenzen, während sie dem andauernden Wechselspiel von ohrenbetäubenden Kraft-Akzenten und sanfter, feenhafter Tanzmusik folgen. Die Gesangssolistin Susan Graham verleiht dem Menschen mit Texten aus Friedrich Nietzsches „Also Sprach Zarathustra“ im vierten Satz eine andächtige Stimme, gefolgt von den engelsgleichen Gesängen von Gewandhauschor und -kinderchor, die dem energetischen Orchester im fünften Satz von der Empore aus Rückendeckung geben.

Direkt in die Herzen

Das große Finale bildet ein breites – geradezu „mahlerisches“ – Adagio mit der herrlich anmutigen Betitelung „Was mir die Liebe erzählt“. Mahler, der selbst lange in den USA gelebt und dirigiert hat, ergießt sich und sein Innerstes durch das Bostoner Orchester direkt in die Herzen der Zuhörer, Nelsons zerfließt auf seinem Pult. Alles endet nach einem triumphalen, golden schimmernden Schlussanlauf, der im wahrsten Sinne des Wortes mit – den wirklich durchgängig herausragenden – Pauken und Trompeten abschließt.

Nach dem letzten Ton ist das Publikum nicht mehr zu halten. Mit stehenden Ovationen lassen sich die Instrumentalisten, die Sänger und Andris Nelsons ausgiebig feiern. Endlich ernten sie den wohlverdienten, langanhaltenden Applaus der begeisterten Menge. Das Gewandhaus brodelt.

Von André Sperber

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