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Kultur Regional „Dummheit hat ja viele Gesichter“
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17:35 25.09.2018
Musiker, Schriftsteller, Telefon-Lausbub, Dandy, Punk, Töpfer und Frank Sinatra des Untergrund: Rocko Schamoni, 52. Quelle: Kerstin Behrendt
Leipzig

Das Telefon tutet, und dann ist sie da, diese aus unzähligen Studio-Braun-Telefonsketchen bekannte Stimme: „Ja-ah?“ Rocko Schamoni ist dran, nicht zum Spaß, sondern zum Interview. In den 80ern war er „Der Tiger in der Nacht“, in den 90ern „Doctor Love“, und noch heute umweht ihn „Der schwere Duft von Anarchie“, ihn, den Musiker und Autor, Humoristen und Schauspieler, Theatermacher und sogar Töpfer („Töpferer“, wie Ina Müller sagt). Mit Studio Braun hat er die Erfinder des Technos erfunden (Fraktus), mit seiner Frau und Jonathan Johnson kuriosen Goldschmuck (Scheiße by Schamoni). Er ist ein echter Tausendsassa und in allem, das er tut, Charmeur und Entertainer.

Herr Schamoni, wir haben Sie in der LVZ nach ihrem letzten Auftritt 2017 im UT Connewitz den „Frank Sinatra des deutschen Underground“ genannt. Geht das in Ordnung?

Nicht schlecht! Sinatra ist ja ein gegnadeter Sänger gewesen, damit will ich mich gar nicht vergleichen. Aber seine Art von Showgebaren, der fühl ich mich schon nahe. Da ist dann aber doch ein deutlicher Unterschied. Das muss man schon feststellen. (lacht)

Als „Dorfpunk“ von einst gehen Sie heute auch in den großen Theatern des Landes ein und aus – Sie haben sich aber diese Scheiß-drauf-ich-mach’s-einfach-Haltung des Punk erhalten, oder?

Ich bin der festen Ansicht, dass man alles machen kann, was man sich vornimmt, und jede Idee umsetzen kann. Wenn man ein richtig guter Geiger werden will, muss man da lange für üben – so weit will ich aber gar nicht reingehen. Ich hab mir das Meiste selbst beigebracht. „Do it yourself“ ist ne Punk-Methode, insofern ist das richtig gesehen, ja.

Hat sich Ihr Verständnis als Künstler in den letzten Jahren verändert?

Ich und vermutlich die meisten anderen Künstler auch sind Spiegel ihrer Zeit, und man verändert sich mit der Zeit, in der man lebt. Ein Künstler ist jemand, der die Welt in sich aufsaugt, sie durch seine Arbeit interpretiert und klarer oder verständlicher wieder ausspuckt. Ich habe manchmal erst durch das Werk eines Künstlers den Kern einer bestimmten Zeit verstanden.

Jetzt gehen Sie mit der „Großen Rocko-Schamoni-Schau“ auf Tour. Was erwartet das Publikum dabei?

Es liegt hier ein Missverständnis vor. Die Promotion-Abteilung (lässt sich das Wort noch mal auf der Zunge zergehen), meine Promohschn-Abteilung hat die „Große Schau“ angekündigt. Das ist aber falsch. Es wird ein reiner Leseabend. Ich denke, dass ich die Hälfte mit dem Thema „Dummheit als Weg“ bestreiten werde und eventuell – ganz eventuell, da denk ich grad drüber nach – den zweiten Teil mit einer Lesung aus meinem neuen, im Februar erscheinenden Buch. Das wär dann, wenn man so will, ’ne Weltpremiere.

Oha! Fahren Sie fort!

„Große Freiheit“ handelt vom legendären Hamburger Puffboss Wolli Köhler. Hubert Fichte hat in den späten 60ern und frühen 70ern für sein Buch „Wolli Indienfahrer“ Interviews mit Wolli und seinen Huren, Freiern und Strichern geführt. Das hat danach nie wieder jemand gemacht. Mich hat das sehr fasziniert – und ich hab’s tatsächlich geschafft, Wolli vor acht Jahren ausfindig zu machen, am Hamburger Stadtrand, verarmt, in einer Sozialwohnung. Er war ein sehr interessanter, offener Mensch, auch ein lustiger Vogel. Zu seiner großen Zeit war er ja so ’ne Art Hippie-Zuhälter, hat versucht, mit seinen Prostituierten den „ersten kommunistischen Puff der Welt“ zu eröffnen, nach dem Motto: Alle sind beteiligt und teilen die Einnahmen. Ich habe lange Interviews mit ihm geführt, dann ist er leider vor einem Jahr gestorben. Jetzt schreibe ich seine Lebensgeschichte weiter, in einem dreiteiligen Roman, mit „Große Freiheit“ als erstem Buch über Wollis Anfänge in Hamburg und wie er ins Milieu kommt.

Noch mal kurz zurück: Ihre Promo-Abteilung hat auch angekündigt, dass „Dummheit als Weg“ noch fortgeschrieben wird, Zitat, „wenn das Publikum Anlass dazu gibt.“ Was muss man denn am Donnerstag tun, um im nächsten Kapitel zu landen?

Dummheit hat ja viele Gesichter, und ich lass mich überraschen. Aber ich kann jetzt nicht verraten, wie man es ins Buch schafft. So schlau muss man dann doch selbst sein, in die Dummheit reinzukommen. (lacht)

Sie waren viele Jahre auf Konzerttourneen und haben Band-Alben veröffentlicht. 2007 war damit aber Schluss (vom Konzeptalbum „Die Vergessenen“ mal abgesehen). Vermissen Sie das Musiker­leben?

Klar! Ich hab deswegen auch grad ’ne neue Platte aufgenommen, die ziemlich genau in einem Jahr erscheinen wird.

Erzählen Sie!

Ist noch zu früh. Die Promophase hat noch nicht begonnen!

Dann lassen Sie uns über Leipzig reden. Sie gehören ja zu den Köpfen des legendären Golden Pudel Club in Hamburg. Was ist denn der pudeligste Ort in Leipzig?

Na ja, da kann man ja eigentlich nur das Ilses Erika nennen, aber ich kenn mich da nicht gut genug aus in der Stadt. Die Villa Hasenholz ist auch sehr pudelig. Mit der Betreiberin Marion Salzmann steh ich in Kontakt.

Sie waren schon oft hier – können Sie sich noch an Ihren ersten Besuch erinnern?

Ja, aber ich weiß nicht, ob ich … Ach, doch. Es war wie so oft im Conne Island. Sören, unser damaliger Veranstalter, hat damals die ganze Band bei sich in der Plattenbauwohnung untergebracht. Ein unvergessliches Erlebnis!

Und gibt’s noch andere Anekdoten, vielleicht was in Richtung „Sex, Musik und Prügelei-ei-eien“

Hähä, die werd ich grade hier erzählen!

Rocko Schamoni, Donnerstag, 20.30 Uhr, Conne Island, Koburger Straße 3, Vorverkauf 16 Euro

Von Benjamin Heine

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