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Kultur Regional Eierkuchen und abfallende Finger: „Circus of Science“ im Kupfersaal
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00:43 15.04.2018
Der Ranga Yogeshwar von Leipzig: Tobias Ossyra im Kupfersaal. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Die Erde ist flach, flacher als ein Eierkuchen, sogar im Himalaya. Die schmalblättrige Wasserpest, die regelmäßig in Cospudener See, Goitzsche und zahlreichen Gewässern Europas sprießt, wanderte vor 70 Jahren mit nur vier Mutterpflanzen aus Nordamerika als Bewohnerin eines Aquariums ein. Hedy Lamarr, in den 30er Jahren als „schönste Frau der Welt“ ein Hollywood-Star, erfand nebenbei das W-Lan.

Die Wissenschaftsshow „Jack Pop’s Circus of Science“ hat den mehr als 300 Premieren-Zuschauern am Mittwoch im Kupfersaal in knapp drei Stunden aber längst nicht nur alles erzählt, was sie schon immer über Pfannengerichte, Wasserpflanzen und drahtlose Datenübertragung wissen wollten. Auch was sie nie über Drehimpulse, die Einstufung von Patienten in einer Notaufnahme und Achterbahnfahrten zu fragen wagten, haben Jack Pop und Kollegen auf die Bühne geholt. „Ein tolles, mutiges Format, Wissenschaft an Frau und Mann zu bringen“, lobt Doris Wolst vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Der Verein der Freunde und Förderer des UFZ sponsert den Science-Circus mit einem vierstelligen Betrag.

Ein Teil des Budgets ist in eine Popcornmaschine geflossen. Olfaktorisch wird das Zirkus-Versprechen also gleich am Einlass eingelöst. „Aber ist Wissenschaft nicht schon Zirkus genug?“, fragt der Moderator und zitiert ein Sprichwort, wonach Kansas flacher als ein Pancake sei. Er berichtet von drei Forschern, die das überprüft haben. Mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass sich die Wölbungen eines Eierkuchens auf Erdmaßstab hochgerechnet zehn Kilometer in die Höhe erheben. Darunter findet sogar der Mount Everest Platz.

Jack Pop heißt im richtigen Leben Tobias Ossyra und verfügt als langjähriger Gestalter der Beyerhaus-Nerd-Nites über Erfahrung im Infotainment. Im Experiment braucht der 33-Jährige keine sechs Minuten, um zu erklären, warum ein Rad, das an einem Seil hängt und sich dreht, der Schwerkraft widersteht – der Drehimpulserhaltung wegen. Ranga Yogeshwar kriegt das nicht besser hin.

Risikogruppe Single-Männer, 26,3 Jahre alt

Wie früher bei der Nerd Nite ist Ossyras erstes Anliegen jedoch, das Rampenlicht von sich selbst weg auf Forscher und ihre Studien zu werfen. Wobei Kay Rieger Entwicklungsingenieur ist, hier aber ein medizinisches Thema erhellt. In einer Notaufnahme treffe man mit größter Wahrscheinlichkeit betrunkene Single-Männer von 26,3 Jahren an, die mit der Faust eine Scheibe eingeschlagen haben, hat er recherchiert. Rieger ist übrigens 29 und seine Freundin Ärztin.

„You’re beautiful“, schmachtet Richard Tautenhahn frei nach James Blunt. Mit Gitarrist André Gorjatschow bildet er die „kleinste Showband der Welt“, die mit dem Lied Andreas Zehnsdorf ankündigt. Der UFZ-Biologe erläutert, dass sich die schmalblättrige Wasserpest vegetativ vermehrt. „Als würden Ihnen drei Finger abfallen, und Sie hätten drei Kinder.“ Weil jeder Abfall in Wirklichkeit Rohstoff sei – „man muss nur lang genug suchen, wofür“ – wandelt er das Unkraut in Gesichtscreme um. 500 Dosen verschenkte das Forschungszentrum zu Weihnachten. „Bisher ohne negative Rückmeldung.“ Auch eine Form wissenschaftlicher Qualitätsprüfung.

Ihr seid das CSS zu unserem HTML

Julia Hoffmann und Natalie Sontopski nennen sich „Code Girls“ und räumen mit dem Klischee auf, dass Programmieren eine Männerdomäne sei. Nicht nur hat eine Schauspielerin das W-Lan erfunden, die englische Mathematikerin Ada Lovelace schrieb 1843 die erste Software. Zudem taugen Frauen sehr wohl als Nerds: „Ihr seid das CSS zu unserem HTML“, verabschieden sich die beiden romantisch und ernten ein Schmachten aus dem Publikum.

Weil nicht mehr viel Zeit bleibt, verzückt Eric Christopher Straube im Achterbahntempo mit seiner Leidenschaft für diese „Meisterwerke aus Statik, Architektur, Design und Gefühl“. 600 Modelle hat er weltweit ausprobiert. Bislang. Als er das Foto einer polnischen Baustelle auf die Leinwand projiziert, aus der sich bis Sommer eine neue Bahn schälen soll, kann Straube aus Vorfreude nur juchzen. „Ich liebe solche Enthusiasten“, bekennt Moderator Jack Pop. Klar: Seine Leidenschaft für Wissenschaft steckt ja ebenso an.

Nächster „Circus of Science“ am 17. Oktober im Kupfersaal, Kupfergasse 2, www.circus-of-science.de

Von Mathias Wöbking

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