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Kultur Regional Ein Macher, der andere machen lässt: Ilses-Erika-Booker Christian Feist
Nachrichten Kultur Kultur Regional Ein Macher, der andere machen lässt: Ilses-Erika-Booker Christian Feist
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06:02 06.04.2018
Nach Jahren auf der Bühne fühlt er sich mittlerweile eher hinter der Bühne wohl: Christian Feist, 37. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Auf Facebook gibt er an, Polier für das Tanzcafé Ilses Erika zu sein. Welche Baustellen er noch beaufsichtigt, erzählt Christian Feist bei Pfefferminztee. Aufgewachsen in Sangerhausen, zieht es Christian nach dem Zivildienst in die große Stadt. Hier tat sich ihm eine reiche Kulturszene auf, die ihn schnell in sein erstes Bandprojekt und die Schauspielerei trieb.

Heute ist der 37-Jährige, neben seinem Tagjob als Qualitätsmanager für einen Verkehrsbetrieb, Booker für das Tanzcafé Ilses Erika, Veranstalter der Cammer-Concerts, Drummer der Band „Widerstand der Dinge“ und stellt sich auch noch ab und zu auf die Bühne, nachdem er zehn Jahre als Schauspieler für die Cammerspiele gearbeitet hat.

„Wo ist noch die freie Zeit zum Doof-an-die-Decke-gucken?“, fragt er sich, denn die ungehörten Platten stapeln sich, und das Privatleben bleibt schnell auf der Strecke, wenn die Leidenschaft zum Beruf wird. Nicht den Kopf verlieren, sondern Prioritäten setzen und diesen treu bleiben, „nicht zu sehr dem Konsum verfallen“ – von Partys und Bier und Bandproben, die bis spät in die Nacht gehen. In der Ilse trifft man ihn deshalb fast nur noch beim Stempelverteilen und als Bandbetreuer, zum Interview will er sich im Süden treffen, „aber nicht in der Ilse“. Wenn andere am eigenen Arbeitsplatz feiern, muss man sich Rückzugsorte suchen.

Seine Leidenschaft für Musik hat unter dem Alltagsstress nicht gelitten. Christian geht noch immer gern auf Konzerte, um neue Künstler zu entdecken, und holt immer wieder Bands aus dem Keller und auf die Bühne. Er freut sich, wenn Leute „was machen“ und er sie durch seine Arbeit dabei unterstützen kann. „Oft lösen sich die Bands auf, weil sie zu wenig Feedback bekommen“, erklärt er „Jeder Künstler möchte zeigen, was er erschaffen hat, und wenn es diese Möglichkeit nicht gibt, lässt die Motivation schnell nach“.

Nicht nur Ohren-, sondern auch Augenmensch

Als er 2014 als rechte Hand von Betreiber Jörn Drewes im Tanzcafé Ilses Erika anfing, hatte er ein Ziel – er wollte dem Club wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Christian konnte in „der Ilse“ Fuß fassen, nachdem sich, nach Aussage einer seiner Vorgänger, schon einige Booker die Zähne daran ausgebissen hatten.

Nach den Glanzzeiten, in denen Gruppen wie Travis die Decke zum Tropfen brachten, war es konzerttechnisch ruhig um die Tanzbar in Connewitz geworden. Der Kultstatus war da, doch die großen Gigs blieben aus. Den Club kannte er damals schon, aber auf was er sich einließ, konnte er noch nicht ahnen. Das Booking kam nach und nach mit wachsenden Erfahrungen und Beziehungen. Ob er der Ilse mit den Jahren seinen Stempel aufgedrückt hat? „Es wird mittlerweile gesagt, dass es so ist“, zumindest nutzt er den Aufschwung, um seinen eigenen Geschmack mehr in das Konzertprogramm aufzunehmen.

Aber was ist Christians Musikgeschmack? Gitarrenlastig, im Sound der 60er und 70er, Psychedelic Rock bis hin zu exotischeren Klängen. Die Band Queens of the Stone Age prägte ihn schon früh, erzählt er und zeigt auf sein Shirt: Totenkopf, bunte Farben, Bandname. Er ist nämlich nicht nur Ohren-, sondern auch ein Augenmensch und mag, dass Leute wieder anfangen, ihren eigenen Stil zu entwickeln, und nicht nur stumpf jedem Modetrend folgen. Ihm ist die Verpackung wichtig, auch wenn es sich um Musik dreht. Ein Beispiel dafür ist Bilderbuch. Die Band vereinigt, was Christian für wichtig hält: innovativen Sound, Bühnenästhetik und Charakter.

Verpatzte Bewerbung an der Schauspielschule

Als Veranstalter versucht er immer wieder, den Leipziger Musikfans regionale Bands zu vermitteln. Gerade durch den wachsenden Zuzug in den vergangenen Jahren ist die Musikszene in Leipzig größer und sehr vielfältig geworden. Das gelingt ihm besonders durch die Cammer-Concerts, die gerade ihre 50. Folge erlebt haben. Entstanden ist die Reihe, als Christian noch Schauspieler bei den Cammerspielen war. Eine Ausbildung dazu hat er nie gemacht, die Möglichkeit ist ihm durch seinen damaligen Mitbewohner in den Schoß gefallen, mit dem er auch in der Band Lee Baby Sims spielte. Nur auf eine verpatze Bewerbung an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater schaut er schmunzelnd zurück: „Ich war jung und naiv und habe mich nicht richtig vorbereitet.“ Zehn Jahre lang hat er die Schauspielerei zum „ernsthaft betriebenen Hobby“ gemacht und 2012 die Konzertreihe gestartet.

Christian begann sich als Teenager ernsthaft für Musik zu interessieren. Er brachte sich das Spielen am Schlagzeug seines Vaters bei, Unterricht hat er nie genommen. „Für das, was ich machen möchte, reicht‘s“, sagt er und erzählt von seinem gescheiterten Versuch, sich selbst Gitarre beizubringen. Damals kam er über Freunde oder das Lesen von Musikmagazinen zu neuen Musikern. Heutzutage ist es viel schwieriger, eine Band und ihre Musik kennenzulernen, da es ein Überangebot gibt. „Man muss Methoden finden zu filtern“, erklärt er, „sonst verkommt die beste Kunst zum Massenprodukt“.

Er ist ein Macher, der andere machen und sich von den Verheißungen der Szene nicht blenden lässt: Bei all seinen Projekten ist er besonders stolz ist er auf seine Nichte und seinen Neffen.

Nächste Termine mit Bands aus der Region: 20. April, 22 Uhr, „30 Minute Gigs“ mit sechs Acts im Ilses Erika, Bernhard-Göring-Straße 152; 17. Mai, 20.30 Uhr, Cammer-Concert (53) in den Cammerspielen, Kochstraße 132

Von Tabea Burchgart

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