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Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger: Leipziger Lästereien über Ingolf Lück

Kupfersaal Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger: Leipziger Lästereien über Ingolf Lück

Nach vier Jahren Leipziger „Comedy Roast Show“ ließ Moderator Tim Thoelke am Donnerstag im Kupfersaal erstmals ein richtiges Steak grillen: Comedy-Veteran Ingolf Lück musste sich die Gemeinheiten der Leipziger Lästermäuler anhören.

Nein, nicht Mirco Nontschew, sondern Ingolf Lück amüsiert sich hier im Kupfersaal mit den übrigen Grillmeistern über Paul Bokowski.
 

Quelle: Christian Modla

Leipzig.  Ingolf Lück hat Strichliste geführt. Acht Beleidigungen aufgrund seines bevorstehenden 60. Geburtstags, sechs Seitenhiebe auf seine Nase, fünf Anspielungen auf seine vermeintlich schlimme Heimat Bielefeld. „Mehr war’s ja gar nicht“, sagt er erleichtert nach zwei Stunden Dauer-Bashing durch sechs Autoren und Comedians, die sich obendrein noch gegenseitig fertigmachen durften. Der Leipziger Comedy-Roast – die unter dem Deckmantel der Kunst ausgelebte Hassfantasie – versammelt seit vier Jahren erfolgreich Menschen zur kollektiven Schadenfreude. Am Donnerstagabend stand die sechste Ausgabe an. Mit Ingolf Lück hat zum ersten Mal ein richtiges Steak auf dem Grill gelegen, wurden doch bislang nur regionale Promi-Würstchen wie Sebastian Krumbiegel oder Ex-Nationalhandballer Stefan Kretzschmar zerfleischt.

Die Boshaftigkeiten in Richtung Roast-Sessel, musikalisch umspielt vom Leipziger Pop-Künstler Lot, zünden ab der ersten Minute. Frenetisches Johlen und Klatschen im Kupfersaal unterbricht immer wieder die Anti-Laudatoren, auch wenn die Einschaltquote für den 90er-Jahre-Star mit 370 Gästen noch etwas Luft nach oben hat. Was Moderator Tim Thoelke aber einordnen kann, schließlich „hat heute eine Straßenbahn mehr Anhänger als Ingolf Lück“.

Der Beschimpfte, er amüsiert sich prächtig, feiert jede Pointe, erduldet sympathisch jede fiese Spitze auf seine Karriere: Szene-Urgestein Ralf Donis habe ständig Angst, Lück beim Zappen in den Kulissen von schlechten Homeshopping-Sendern zu entdecken, und empfiehlt, lieber Tim Thoelke zu beseitigen und die Moderation der Roast-Show zu übernehmen. Ob er auch auf einer Mirco-Non­tschew-Autogrammkarte unterschreiben könne, fragt Autor Paul Bokowski, seine Mutter verwechsele die beiden nämlich immer. Poetry-Slam-Nachwuchs Sophia Szymula hat mit ihren 18 Jahren noch nie etwas von Ingolf Lück gehört, was sie in einem Klavier-Cover von Julia Engelmanns „Grapefruit zum Frühstück“ musikalisch aufarbeitet, während Slam-Kollege Rainer Holl weiß, dass Lück drei Mal weniger Google-Treffer als Bernd Stelter landet. Autsch, der sitzt. Und auch Comedy-Shootingstar Felix Lobrecht hat den „zerzausten Mann“ gegoogelt und liest die einzigen beiden Publikums-Rezensionen vor, die es zur vergangenen „Ach Lück mich doch!“-Tournee gibt. Zwei Verrisse.

Der Gollum aus Dessau ist der Star des Abends

Star des Formats ist André Herrmann, der „Gollum aus Dessau“, wie Autoren-Kollege Paul Bokowski anmerkt. Herrmann schreibt mittlerweile Gags für das Neo Magazin Royale und powert deshalb in bester Stand-Up-Manier gleich ein Dutzend Zweizeiler gegen die Kontrahenten ins Mikro: Eine Veranstaltung in der Leipziger Innenstadt – „So nah war Donis einer Uni noch nie“. „Tim Thoelke war da sogar mal drin, aber nur weil ihn acht Lok-Hools über den Augustusplatz gejagt haben.“ Und zu Felix Lobrecht: „Ins Mikrofon schmatzen, zwei Sätze pro Minute rausbekommen und dabei debil grinsen – Felix, bist du sicher, dass du damals im Behindertenheim wirklich nur der Zivi warst?“

Für Lück hingegen hat er kaum Böses in petto: „228 Folgen lang habt ihr Comedy gemacht, die tatsächlich gut war“, spielt Herrmann auf den siebenjährigen Erfolg der „Wochenshow“ an. „Es muss eine krasse Zeit gewesen sein: Vor euch nur Scheiße, hinter euch nur Scheiße. Ihr müsst euch gefühlt haben wie in Donis’ Wohnung.“

Am Ende der Show darf nun auch der Gedisste das Mikrofon ergreifen, holt im Unterschied zu vorangegangen Shows jedoch nicht zum Gegenschlag aus. Zu schade, möchte man meinen, hätte doch gerade die personifizierte Pointe der 90er-TV-Unterhaltung ordentlich abliefern können. Ingolf Lück aber schließt lieber mit versöhnlichen Worten: „Ich habe selten so einen schönen Abend erlebt.“ Das Publikum will es ihm glauben.

Eine Aufzeichnung der „Comedy Roast Show“ plant der MDR demnächst online zu veröffentlichen.

Von Tobias Ossyra

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