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Kultur Regional Elefanten unter dem Mikroskop: Neue Platte der Leipziger Band Elephants On Tape
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06:00 14.02.2018
Elephants On Tape: Lukas Stodollik, Hans Arnold, Lisa Zwinzscher, Markus Rom und Robert Gemmel (von links). Quelle: Nikolas Fabian Kammerer
Leipzig

Drei Leute, vier Getränke. Besser so als andersrum. Wir sitzen im Café Cantona, es ist Freitagmittag, drei Wochen vor Veröffentlichung des Debütalbums der Leipzig-Weimar-Hamburger Indietronica-Band Elephants On Tape. Lisa Zwinzscher und Markus Rom scheint die Wintersonne durchs große Fenster ins Gesicht. Das Schallplattenpresswerk hat eben angerufen, die CD liegt aber schon fertig auf dem Tisch. Markus wird nach unserem Gespräch Gitarrenunterricht geben, Lisa Promoarbeit fürs Album machen. Danach fährt die Band nach Weimar, gibt dort ein Konzert. Direkt danach geht’s zurück nach Leipzig, wo das Quintett in den frühen Morgenstunden noch ein geheimes Liveset spielt. Lisa und Markus sind ruhige Typen, keine übersprudelnden Bühnenmenschen, aber die Vorfreude auf den ungewöhnlichen Konzertabend und auf das Album merkt man ihnen deutlich an.

Seit 2013 gibt es Elephants On Tape als Band, schon etwas länger arbeiten Lisa und Markus zusammen. Zwei EPs haben sie bisher veröffentlicht sowie eine Platte mit eigenen Remixen der eigenen Songs. „Die Lust ist einfach groß, aus dem Kram, den man sowieso geschaffen hat, noch mehr zu machen“, sagt Lisa. Weil die fünfköpfige Band auch oft nur als Duo auftritt (oder als Trio wie neulich beim Radiohead-Covern im Ilses Erika), müsse sie die Songs eh oft umbrechen. „Dabei sind schon viele schöne, neue Sachen entstanden, die wir dann auch in der ganzen Band noch mal aufgreifen können.“

Auch das jetzt erscheinende Album haben die fünf Musiker nicht in zwei Wochen im Tonstudio aufgenommen, sondern über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren in Eigenregie. Es ist eine Art „kollektives Tagebuch“ geworden. „Wir saßen nicht immer zusammen dran. Jeder für sich hat am Schreibtisch dran gearbeitet, und am nächsten Tag haben die anderen das weitergeführt“, beschreibt Markus den Entstehungsprozess der zehn Songs. Der war im übrigen doch ein bisschen anders als bei den EPs davor: „Ich hab mir früher mehr Gedanken gemacht, wie wir eigentlich klingen wollen.“

Kam in den ersten Bandjahren die musikalische Grundlage meist von Markus, zu der Lisa Text und Gesangslinie geschrieben hat, haben Lisa, Markus und Robert diesmal fertige Song-und-Text-Gerüste mitgebracht, die dann in der Gruppe arrangiert wurden. Und weil die Platte so kollektiv entstanden ist, gibt es auch keine poptypische Frontfigur in der Band. Aber wie klingt’s denn nun, das Album?

Fröhliche Punkte auf dunklem Hintergrund

Es eröffnet mit „Good Things“, einer leichten Gitarre und elektronischen Tupfen. Ein bisschen wie ein poppiger No­twist- oder Phoenix-Song, aber eben mit warmer Frauenstimme. „Every Twist and Turn“ geht mit Drum’n’Bass-Beat und elektronisch flatternder Gesangsspur den Weg in Richtung Weilheim noch weiter.

Etwas dunkler dröhnt da „Lightweights“ los, das Kernstück des gleichnamigen Albums. Der Song beschreibt programmatisch einen Zustand, der so fragil und instabil ist, dass jeden Moment alles kippen könnte. Aber auch hier setzen Percussion und Gitarre fröhliche Punkte auf den dunklen Hintergrund. Hätten Hundreds nicht besser schreiben, singen und aufnehmen können. Und auch in „Traffic Signs“ kann man durchaus an die Geschwister Milner aus Hamburg denken. „Microscope“ wiederum weckt herrliche Erinnerungen an Jacques Palmingers Kings of Dub Rock. In „2008“ kann man den Whitest Boy Alive hören, wenn man will. Vielleicht auch nur, weil er damals überall lief.

Aber verstehen Sie das jetzt nicht falsch: Elephants On Tape haben einen eigenen, selbstverständlichen Sound, spielen Musik, die sich dreht und wendet, selten nach bekannten Mustern verläuft. Man kann das Indietronica nennen oder Krautpop. Die Band tut das jedenfalls und balanciert „auf dem schmalen Grat zwischen tanzbaren, krautigen Beats und sphärischen Klangteppichen.“

Jawohl, Mikroskop-Kunst

Als Hörer und Hörerinnen balancieren auch wir, hoch oben auf dem Seil, und blicken hinab auf die schöne Sound-Landschaft, in der man bei genauerem Hinsehen (beziehungsweise Hören, klar) immer mehr kleine Details entdecken kann. Wobei die Sache mit dem Detailreichtum und genaueren Hinsehen eigentlich in ein anderes Bild gehört: „Microscope“ heißt die gerade erschienene zweite Single des Albums. Und dieses wiederum zeigt auf dem Cover eine Reminiszenz an die Hochphase der – Achtung, jetzt kommt’s – Mikroskop-Kunst. Jawohl, Mikroskop-Kunst. Richtig gelesen. Das bunte Wimmelbild auf dunklem Grund zeigt keine Single-Sterne für den Plattenspieler und keine Smileys, auch keine Fidget-Spinner, Zitrusfrüchte oder Boomerangs. Nein, das Bild zeigt Kieselalgen. Wie jede/r weiß, wurden diese insbesondere im 19. Jahrhundert nach ästhetischen und mathematischen Maßstäben zu symmetrischen Miniaturbildern drapiert, die man sich in feiner Gesellschaft im Salon zum Zeitvertreib anschaute. Unterm Mikroskop.

„Zur höchsten Perfektion in der handwerklich extrem schwierigen Anfertigung solcher Präparate hat es Johann Diedrich Möller aus Wedel bei Hamburg gebracht“, sagt Wikipedia zu dem Thema. Dass Robert Gemmel, Keyboarder und Graphiker der Elephants On Tape, dieses Phänomen aufgegabelt und es mit dem Segen der Bandkollegen auch noch für die Popkultur urbar gemacht hat, sollte ihm den Marcel-Proust-Gedächtnis-Preis einbringen. Möge bitte jemand diesen Preis initiieren!

Dass Lisa Zwinzscher (Gesang, Effekte, Gitarre), Markus Rom (Gitarre, Keyboard, Gesang), Robert Gemmel (Keyboard, Samples, Gesang), Lukas Stodollik (Bass) und Hans Arnold (Schlagzeug) auch live, ach was, gerade live überzeugen, haben sie nicht nur in Deutschland, sondern auch schon in Schweden, den Niederlanden und Tschechien gezeigt. Am 15. März stellen sie „Lightweights“ im Elipamanoke in Leipzig live vor: elektronische Sounds, größtenteils mit akustischen Instrumenten gespielt.

Am schönsten klingt dieser Mix vielleicht im Song „2008“. Der darin wieder und wieder gesungenen Zeile „I want to ask you: What are you waiting for?“ kann man sich auch 2018 nicht entziehen, Will man auch gar nicht. Viel lieber möchte man dazu durch den ersten lauen Frühlingsabend radeln. Und zwar sofort!

Elephants On Tape, „Lightweights“, erscheint am Freitag bei Kick the Flame/ Broken Silence. Das Record-Release-Konzert mit dem Leipziger Duo Kiitto als Vorband folgt am 15. März, 20 Uhr, im Elipamanoke, Markranstädter Straße 4, Vorverkauf 10 Euro

Von Benjamin Heine

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