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Eminems Rap beim Neujahrssingen

Junge Syrer bei Kult-Spektakel im Haus Leipzig Eminems Rap beim Neujahrssingen

Bei einem Kurzauftritt im Flowerpower wurden sie kurzerhand fürs Neujahrssingen gecastet: Die beiden syrischen Neu-Leipziger Nawar Hseeno und Abdul Rahman Kouli treten am Samstag mit einer Wild Card bei der 12. Ausgabe des Kultspektakels im ausverkauften Haus Leipzig auf – und haben vorher in anderen Locations verblüfft.

In Leipzig angekommen: Nawar Hseeno (l.) und Abdul Rahman Kouli machen beim Neujahrssingen mit.
 

Quelle: Mark Daniel

Leipzig.  In diesem Monat geht’s ins Tonstudio. Wenn der Rap aufgenommen und abgemischt ist, schicken ihn Abdul Rahman Kouli und Nawar Hseeno in die Heimat – als Gruß aus einer anderen Welt, als hörbaren Ausschnitt aus ihrem Leben, das sich in den vergangenen Monaten so drastisch verändert hat. Seit Juli 2017 leben die beiden in Leipzig, machen eine Ausbildung, lernen Stadt und Leute kennen – und treten am Samstag vor großem Publikum auf: Die jungen Syrer interpretieren beim 12. Neujahrssingen im ausverkauften Haus Leipzig Eminems Song „Without Me“.

Eine Zufallsbegegnung bescherte Nawar und Abdul den Auftritt: Neujahrssingen-Produzentin Maike Beilschmidt erlebte sie beim turnusmäßigen Montags-Karaoke im Flowerpower. Eine sympathische Eminem-Einlage voller Energie und Coolness. Beilschmidts erster Gedanke: „Die müssen unbedingt bei uns auf die Bühne.“ Die Rapper zögerten keine Sekunde: „Wir machen auf jeden Fall mit!“

Manchmal können Abdul Rahman Kouli (25) aus Damaskus und Nawar Hseeno (21) aus der syrischen Hafenstadt Latakia selbst kaum glauben, welche Wendung ihr Leben genommen hat. Geflüchtet sind sie aus demselben Grund: Sie sollten zur Armee eingezogen werden – in Syrien gleichbedeutend mit Einsätzen im verbittert geführten Krieg zwischen Assad-Regierung, Oppositionsgruppen und Terrormilizen. „Wir sind gegen Gewalt und für das Leben“, formuliert es Nawar.

Mit dieser Einstellung bekam er schon als Jugendlicher in der Heimat Schwierigkeiten: Auf den Straßen und in den Clubs von Latakia rappte er kritisch-ironische Texte über Politik und Gesellschaft. „Manche haben darüber gelästert, andere warnten, ich solle damit aufhören“, berichtet er.

Die Flucht ist eine eigene Geschichte. Sie endete in einer Erstaufnahme von Asylbewerbern, von dort aus ging es nach Halberstadt und Halle – in ein Heim im tristen Plattenbau-Viertel Silberhöhe. Dort lernte Nawar Abdul kennen, der Syrien bereits im April 2014 Richtung Deutschland verlassen hatte. Der Alltag aus Nichtbeschäftigung lähmte sie, machte sie mutlos, denn „natürlich wollten wir unbedingt arbeiten, etwas Sinnvolles tun“. Und: „In Halle bekamen wir keinen Kontakt zu Deutschen, auch das hat uns deprimiert“, so Abdul.

Dann kam der Tag im Jahr 2016, an dem sie die Eltern einer deutschen Freundin kennenlernten: Hans-Jürgen Teske und Heike Stejskal, beide Journalisten, die mit ihrer Firma Studio M Beiträge für Fernsehformate wie „Lebensläufe“ (MDR) oder „Großstadtrevier“ (ARD) produzieren; beide engagieren sich schon seit langem für Flüchtlinge. „Diese beiden sympathischen und offenen Menschen sind uns sofort ans Herz gewachsen, längst gehören sie zur Familie“, so die Leipziger unisono. Schnell bekam das Paar die scheinbar vergebliche Suche nach einer Zukunft mit – und wurden aktiv. Sie nahmen ihre Schützlinge zu einem Tag der offenen Tür beim Deutschen Roten Kreuz mit, an dessen Ende sich eine Perspektive öffnete: Im vergangenem September traten die Syrer eine Ausbildung zu Medizinisch-Technischen Assistenten (MTA) beim DRK an und zogen nach Leipzig in eine Wohngemeinschaft.

„Es ist großartig, diese Entwicklung zu erleben“, schwärmt Teske. „Die zwei sind aufgeblüht und sprechen ein fantastisches Deutsch. Noch im letzten Februar konnte Nawar nur Bruchstücke.“ Die jungen Männern sind überglücklich und dankbar, wie sich ihr Leben geändert hat. „Leipzig ist offen und freundlich, das hat uns sehr geholfen“, betont Abdul.

Neben der Ausbildung feilt Nawar weiter an Rap-Texten und steckt seinen Freund mit seiner Leidenschaft an. Ab und an treten sie in kleinen Clubs auf. Bei der Dezember-Ausgabe vom Open Mic im Tonelli’s sorgten sie für offene Zuschauer-Münder. „Ron Holzschuh war unter den Gästen und völlig baff“, berichtet Teske. Der Musiker, Tänzer und Schauspieler wolle „unbedingt mal ein Projekt mit den beiden machen“.

Nun aber erstmal das Neujahrssingen: Vor 1400 Zuschauern werden Abdul und Nawar zeigen, wie man Eminem interpretieren kann. Zum weiteren Line-up gehören Stammgäste wie Moritzbastei, Volkshaus und naTo, neu dabei ist sind die Vleischerei und das Dr. Hops. Wie immer entern auch Protagonisten der LVZ die Bühne – diesmal Lokalredakteur Dominic Welters, zusammen mit Kostas Kipuros.

Und bevor die syrischen Neu-Leipziger ins Studio gehen, können sie sicher schon eine andere Kostprobe ihres Könnens in die Heimat senden: einen Youtube-Link von ihrem Einsatz beim Neujahrssingen.

Von Mark Daniel

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