Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Emotional herausfordernd: „Frau Lenin“ in den Leipziger Cammerspielen
Nachrichten Kultur Kultur Regional Emotional herausfordernd: „Frau Lenin“ in den Leipziger Cammerspielen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:26 06.06.2018
Premiere in den Leipziger Cammerspielen: Frau Lenin (Clara Fuhrmann), hier in Bedrängnis. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Anzeige
Leipzig

Man kann ja zum Glück alles aufwischen. Ob Schwarzwälder Kirschtorte, vermutlich einst aus dem Kühlregal stammend, Kunstblut oder Kunstkot – es landet alles im selben Eimer. Frischer dürfte da im Vergleich schon die Erinnerung derer bleiben, die am Freitag der Premiere von „Frau Lenin“ in den Cammerspielen beiwohnten.

Fortschreitende Penetranz

Dabei beginnt alles mit einer steril sauberen Fläche. Ein hellgrau aussehender Raum, ein Tisch, ein Stuhl, an der rechten Wand eine Toilette. Diese leblose Umgebung wird plötzlich von drei partytauglich gekleideten Figuren unterbrochen, die zu lautem Techno tanzen, mal mit Hüftschwung, mal reichlich genitalbetont. Dazu kommt eine Frau, in Grau gehalten, die immer verzweifelter versucht, das Geschehen zu beenden. Es ist ein treffendes Bild für ihren Geist und für den Abend: Was sehr lustig beginnt, wird mit fortschreitender Penetranz anstrengend.

Erste Schicht der Erniedrigung

Die graue Dame ist Frau Lenin, gespielt von Clara Fuhrmann, und entspringt einem Stück von Velimir Chlebnikov. In der literarischen Vorlage landet sie gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Anstalt, der Text stellt auf introspektive Art ihre Sinneseindrücke dar. Julian Fuhrmann, Jakob Altmayer und Charlotte Kremberg erfüllen in der Inszenierung von Regisseur Cyprian Zajt mehrere Funktionen. Zunächst unterstützen sie die Handlung, um später mit ihr zu brechen. Frau Lenin erzählt desillusioniert von ihren Depressionen. Dann bringt man ihr so hektisch Torte herein, dass sich ein Teil davon auf dem Boden verteilt. Muss sie erst noch gefüttert werden, schlingt sie schließlich so gierig, dass sie ihr ganzes Gesicht und die Haare mit Torte beschmiert wie mit einer ersten Schicht der Erniedrigung.

Präzise Planung

Darauf folgt eine modernisierte Variante: Frau Lenin plant mit so einer präzisen Genauigkeit jeden ihrer nötigen Schritte, um zu funktionieren, dass man eine Zwangsstörung dahinter vermutet. In ihrer Arbeit – sie sammelt Unterschriften zur finanziellen Unterstützung der freien Theaterszene – wird sie übersehen und schließlich Opfer von Gewalt, bis der Bruch kommt. Er stellt in dieser Situation fast eine Erleichterung dar, während Kremberg und ihre Kollegen andere Wege diskutieren, das Stück aufzuziehen.

Entmenschlichung nimmt immer mehr zu

Immer mehr wird Frau Lenin daraufhin zum Objekt: Sie beschmieren sie mit Kunstblut und künstlichem Kot, simulieren eine Vergewaltigung – man fühlt sich wie ein Mitschuldiger, während man zusieht und nichts unternimmt. Je weiter die Entmenschlichung der Hauptfigur zunimmt, desto verschmierter und dreckiger wird auch die Bühne. Eine Auflösung nähert sich erst, als Zuschauer in symbolischen Gesten der Figur wieder Mitmenschlichkeit angedeihen lassen. Am Ende landen sie wieder beim Text von Chlebnikov. Die Leistung der Schauspieler, insbesondere Clara Fuhrmann, und die psychologischen Effekte sind beachtlich. Dennoch könnten die Wirkung und Kohärenz noch größer sein, wenn manche Zwischensequenzen kürzer geraten wären. „Frau Lenin“ ist, wie am Ende der Boden, eine Herausforderung.

Von Miriam Heinbuch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Totgesagt und nicht gestorben“, sang Jochen Distelmeyer 1999. Der Mann hat Recht behalten. Jetzt ist er mit Blumfeld wieder auf Tour. Eine Station: das Conne Island

06.06.2018

In der Ausstellung "Doppeltes Spiel: Fußball im Visier der Staatssicherheit" wird die Einflussnahme der Stasi und der SED auf die Fußballszene in den DDR-Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig dargestellt.

05.06.2018

Das Ballett der Dresdner Semperoper ist mit dem Europäischen Kulturpreis Taurus ausgezeichnet worden.

02.06.2018
Anzeige