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Kultur Regional Erfolgreicher Start mit Alain Platels „Requiem pour L.“
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15:24 07.11.2018
„Requiem pour L.“ überschreibt Mozart weltmusikalisch. Quelle: Chris van der Burght
Leipzig

Rund eine Stunde nachdem der letzte Ton auf der Bühne verklungen ist, sieht man die Künstler durch die Gottschedstraße Richtung Festival-Café ziehen. Fröhlich, lachend, ein Melodie-Fetzen auf den Lippen oder einen Rhythmus trällernd. Kommt man so von einer Totenmesse? Eigentlich nicht. Eigentlich. Es ist dieses Eigentlich, das Regisseur Alain Platel permanent herausfordert, dreht und wendet in „Requiem pour L.“. Und mit diesem szenischen Konzert, einer Überschreibung von Mozarts Requiem, eröffnete am Dienstagabend im ausverkauften Schauspielhaus die 28. Euro-Scene Leipzig.

Schwarze Quader füllen die Bühne, niedrig wie Grabplatten im Vordergrund, ansteigend zum Bühnenhintergrund. Ein Bild, angelehnt an Peter Eisenmanns Berliner Holocaust-Mahnmal. Über dem Stelenfeld hängt die Leinwand. Und es fällt schwer, sie lange zu betrachten. Denn zu sehen sind die letzten Momente einer schwerkranken Frau, der L., wie sie im Titel abgekürzt wird. Ihr Kopf liegt auf einem geblümten Kissen, der Blick findet unter schweren Lidern noch die Angehörigen jenseits des Bildausschnitts. Ein durchaus friedliches Bild, ein intimer Moment, ausgesetzt den hunderten Blicken in einem Theatersaal. Und damit ist man wieder beim Eigentlich: Eigentlich widersprechen solche Bilder dem gefühlten Zensor im Kopf.

Das Requiem aeternam stimmen nicht die Holzbläser an, man sucht sie vergeblich, sondern João Barradas beginnt, der mit dem Akkordeon als erster Musiker das Stelenfeld durchquert. Schlagzeuger Michel Seba entlockt den Trommeln bald lateinamerikanisch anmutende Rhythmen. Im Kyrie setzt dann die E-Gitarre ein, gespielt vom souveränen Bandleader Rodriguez Vangama. Und dann taucht die Gitarre das Thema frech in Afro-Pop. Von Mozart bleibt nicht viel in dieser Überarbeitung von Fabrizio Cassol.

Zum vierten Mal arbeitet der nun mit Alain Platel zusammen, rettet Themen und einzelne Takte Mozarts und fügt sie erstaunlich geschmeidig ein in sein eigenes Werk, das sich zwischen Tradition und Moderne bewegt. Ethnoklänge fließen in schwungvolle Popsounds, Jazz-Elemente übernehmen, eine Gospel-Andeutung hier und afrikanische Trommelsounds dort.

Mozart hinterließ sein Requiem als Fragment, andere Komponisten führten es zu Ende. Für Cassol die Legitimation, es selbst neu zu interpretieren und instrumentieren. 14 Musiker stehen auf der Bühne. Die Band baut sich neben Gitarre, Bass, Schlagzeug und Akkordeon auf aus drei Likemben, jenem afrikanischen Daumenklavier, bei dem Metalllamellen angeschlagen werden. Und Niels van Heertum gibt mit seinem Euphonium mal mit Didgeridoo-Gebrumm einen tribalistischen Grundsound vor und lässt es dann wieder gespenstisch schrillen. Auch, natürlich, die Gesangs-Soli ordnet Cassol neu mit den starken, sich wunderbar ergänzenden Stimmen von Nobulumko Mngxekeza (Sopran), der einzigen Frau auf der Bühne, Rodrigo Ferreira (Countertenor) und Owen Metsileng (Tenor). Sie sind für die lyrischen Parts zuständig und Fredy Massamba, Boule Mpanya und Russell Tshiebua für afrikanischen Gesang. Selbst das Latein der Messe löst sich an manchen Stellen auf in afrikanische Sprachen wie Suaheli.

Eindrucksvoll fließen die Stile ineinander, schmiegt sich etwa Metsilengs Benedictus-Solo bruchlos an den folgenden Percussion-Part. Sakrale Innigkeit und brodelnde Lebensfreude Hand in Hand. Das alles gelingt wunderbar. Und die Absicht, Trauer- und Abschiedsrituale anderer Kulturen anzudeuten und der hiesigen Schwere entgegenzusetzen, wird ebenso sichtbar. Platel hat dazu Gummistiefel-Stepptänze und Sitztänze auf den Stelen choreografiert oder er deutet schamanische Rituale an: Wie von Dämonen gepeinigt zappelt ein Tänzer im Kreis der anderen.

„Wir haben ein neues Trauerritual erschaffen“, sagte Cassol einmal über das im Januar in Berlin angelaufene Stück. Und vielleicht ist dies das Problem: Rituale kann man nicht einfach erfinden, sie müssen wachsen. So liegen sie, zusammengehalten von der Architektur des Requiems, doch etwas beliebig nebeneinander. Ohne in direkten Dialog mit dem dominanten Video auf der Leinwand zu treten. Dahin, zu L., wandert der Blick immer wieder. L., die Abkürzung eines Namens, der auch stehen soll für die französischen Worte „elle“ oder „elles“, „sie“ in Singular und Plural, letztlich für eine Verallgemeinerung im Umgang mit dem Tod. Der hier ritualisiert gefeiert wird – in Trauer etwas betulich mit wedelnden Taschentüchern im „Lacrimosa“, häufiger aber als Fest.

Provokation und Effekthascherei sind nicht die Sprache Platels. Er ist ein Suchender, der den Verfall oft thematisierte, jetzt den Tod in den Mittelpunkt rückt und sich dafür an ein unzweideutiges Bild gewagt hat. Die Frau auf der Leinwand, sie kannte Platels Arbeit und willigte ein, Teil seines Requiems zu werden. Das ist bekannt. Und dennoch bleibt Unbehagen mit Blick auf die intimen Bilder vom Vergehen. Ebenso aber Trost angesichts der Feier des Lebens. Und vielleicht ein Anstoß, sich mit dem in unserer Gesellschaft verdrängten Thema Tod, neu zu beschäftigen.

„Requiem pour L.“ bewegt. Einige Momente Stille herrschen nach dem Ende. Dann folgt minutenlanger Beifall, ein Teil des Publikums klatscht im Stehen. Die 28. Euro-Scene ist mit Platels zehntem Gastspiel erfolgreich angelaufen.

Von Dimo Rieß

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