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Erinnerungslücken? Warum Leipzig nicht noch ein Freiheits- und Einheitsdenkmal braucht

Essay von Kunsthistoriker Frank Zöllner Erinnerungslücken? Warum Leipzig nicht noch ein Freiheits- und Einheitsdenkmal braucht

Der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner hält ein weiteres Einheitsdenkmal in Leipzig für überflüssig. Der gesamte Innenstadtbereich sei im Grunde bereits ein riesiges Denkmalsensemble zum Themenkomplex Friedliche Revolution, Wiedervereinigung und Demokratie. Lücken sieht Zöllner woanders: So erinnere nichts an das ehemalige Gestapoquartier in der Karl-Heine-Straße 12.

Kunsthistoriker Frank Zöllner (61) in einer Ausstellung mit Leipziger Stadtansichten.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Scheitern ist kein Grund aufzugeben. Das mögen sich die Befürworter der Freiheits- und Einheitsdenkmäler in Berlin und in Leipzig gedacht haben. Selbst als die Sache immer unübersichtlicher, die Ergebnisse zunehmend peinlich und die Kritiker immer lauter wurden, war kein Ende der Bemühungen um ein Erinnerungsmal abzusehen. In Berlin wird jetzt die oft verspottete „Einheitswippe“ gebaut. Auch in Leipzig soll es weitergehen, nachdem das Verfahren im Jahr 2014 gescheitert war.

Auch der erneute Anlauf für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in der Stadt der Friedlichen Revolution lässt nichts Gutes erwarten. Allein schon das öffentliche Echo auf die neuen Pläne ist wenig ermutigend. Wenn man den Umfragen der LVZ trauen darf, gibt es in der Leipziger Bevölkerung keine Mehrheit für das Denkmal. Trotzdem halten fast alle politischen Parteien und etliche Verbände unbeirrt an dem Projekt fest. Eine von den Linken ins Spiel gebrachte Volksabstimmung über das Denkmal wurde von einer Mehrheit der im Leipziger Stadtrat vertretenen Fraktionen kürzlich abgelehnt. Es wird also keine basisdemokratisch ermittelte Entscheidungshilfe geben. Das sind nicht wirklich gute Voraussetzungen für ein Projekt, das Werte wie Freiheit und Demokratie vermitteln möchte.

Stattliche Zahl beeindruckender Erinnerungsorte

Abgesehen davon verschließen die Befürworter des Denkmals seit jeher die Augen vor der simplen Tatsache, dass Leipzig bereits eine stattliche Zahl beeindruckender Erinnerungsorte der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung besitzt. Dazu zählt die altehrwürdige Nikolaikirche, deren Montagsgebete der Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989 und damit der Wiedervereinigung waren.

Nicht weit entfernt davon erhebt sich seit 1999 die Nikolaisäule, die vom Leipziger Künstler Andreas Stötzner konzipiert wurde und unübersehbar an die Friedliche Revolution erinnert. Dasselbe gilt für die seit 2003 auf dem Platz neben der Kirche sichtbare Lichtinstallation und den Brunnen. Der von David Chipperfield entworfene Brunnen veranschaulicht die Endphase der DDR, die von den Künstlern Tilo Schulz und Kim Wortelkamp ersonnene Lichtinstallation erinnert an die Zusammenkunft der friedlichen Demonstranten im Herbst 1989. Jeder, der schon einmal eine Stadtführung gemacht oder mitgemacht hat, weiß, wie unschlagbar gut dieses Ensemble aus Kirche, Säule und Platzgestaltung als Erinnerungsort funktioniert.

Übrigens sind selbst die Fahrradständer auf dem Nikolaikirchhof Erinnerungsmale der Friedlichen Revolution. Deren Aufschrift „OFFEN FÜR ALLE“ lud damals mit einem menschlichen Gestus alle in die Kirche ein: Christen, Nicht-Christen – und eben auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatssicherheit, die sich regelmäßig unter die Besucher mischten.

Humanität und Hintersinn

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ein neues Denkmal diese Kombination aus Humanität und Hintersinn in irgendeiner Weise erreichen könnte.

Die Erinnerung an die Friedliche Revolution und deren Folgen endet nicht an den Fahrradständern der Nikolaikirche. Nur wenige Schritte weiter östlich, an der Westseite des Augustusplatzes, läutet seit dem 9. Oktober 2009 immer montags die in der Form eines goldenen Eies gestaltete Demokratieglocke Via Lewandowskys zu Ehren der Friedlichen Revolution. Wer weder Eier noch Glocken mag, der kann sich vom Bus mit der Nummer 89 an die Friedliche Revolution vom Herbst 1989 erinnern lassen. Und wer sein Wissen über die Geschehnisse dieses Wende-Herbstes vertiefen möchte, der konsultiert die Stelen mit Bildern und Texten zu den wichtigsten Ereignissen der Friedlichen Revolution. Es gibt immerhin 20 davon im inneren Stadtgebiet.

Und wem das noch nicht reicht, der geht zum Museum an der Runden Ecke, dem ehemaligen Leipziger Hauptquartier des Ministeriums für Staatssicherheit. Davor steht seit November 2009 als Erinnerung an die Überwindung der deutschen Teilung dauerhaft ein von der BILD Zeitung gestiftetes Originalsegment der Berliner Mauer.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich die Museen als Erinnerungsorte der Friedlichen Revolution, namentlich das Stasimuseum in der „Runden Ecke“ und das Zeitgeschichtliche Forum in der Grimmaischen Straße, das in wesentlichen Teilen der Teilung Deutschlands und deren Überwindung gewidmet ist. Auch das Stadtgeschichtliche Museum thematisiert in seiner Dauerausstellung die Ereignisse vom Herbst 1989. So viel Erinnerung war nie!

Der gesamte Innenstadtbereich Leipzigs ist also im Grunde ein riesiges Denkmalsensemble zum Themenkomplex Friedliche Revolution, Wiedervereinigung und Demokratie. Dabei vermeidet dieses Ensemble die großen Gesten, mit denen sich Politiker, Künstler und Kuratoren gerne profilieren. Es schlägt statt dessen eher leise Töne an und passt damit genau zum Charakter der Ereignisse vom Herbst 1989.

Erinnerungslücke: Nichts erinnert an das Gestapoquartier in Leipzig

Lücken in der Leipziger Erinnerungskultur finden sich übrigens an ganz anderer Stelle: Jeder weiß, wo sich in Leipzig die Stasi-Zentrale befand. Aber kaum jemand dürfte das ehemalige Gebäude des Gestapohauptquartieres in der Karl-Heine-Straße 12 kennen. Bis heute erinnert nichts an diesen Ort des Grauens. In anderen Städten Deutschlands hingegen sind die einstigen Gebäude der Gestapo mit erläuternden Tafeln versehen oder sogar zu Erinnerungsstätten ausgebaut worden. Wenn es einen Erinnerungsbedarf in Leipzig gibt, dann in der Karl-Heine-Straße.

(Unser Autor Frank Zöllner, 61, ist Ordinarius des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig)

Von Frank Zöllner

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