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18:08 25.05.2018
Claudia Rankine: Citizen. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Spector Books; 188 Seiten (mit Abbildungen), 14 Euro Quelle: Spector Books
Leipzig

„Am farbigsten fühle ich mich, wenn ich auf extrem weißen Hintergrund geworfen bin.“ Das Zitat der afroamerikanischen Schriftstellerin Zora Neale Hurston bildet den Hintergrund der Texte, die Claudia Rankine in ihrem Buch „Citizen“ zu einem Bild des alltäglichen Rassismus montiert. Gelegentlich kommt sie dabei auf die Tennisspielerinnen Serena und Venus Williams zurück und die Reaktionen auf deren Siege oder Niederlagen: „Für alle sichtbar gab es die vielen, die sich empörten, dass sie überhaupt da sind – Graphit vor extrem weißem Hintergrund.“

Eine „Meditation über Rassismus“ nennt der Leipziger Verlag Spector Books dieses Gesamtkunstwerk aus essayistischen Miniaturen, Lyrik und Bildern. Es ist Teil eines Programms, für das den Leipzigern im April der Sächsische Verlagspreis verliehen wurde. Erschienen ist „Citizen“ in der literarischen Reihe „Volte“.

Deren Herausgeber Jörn Dege und Mathias Zeiske haben mit „Monologe“ des Dramatikers Wolfram Lotz, Heike Geißlers „Saisonarbeit“, Francis Neniks „Doppelte Biografieführung“ und „Lebensgroßer Newsticker“ des syrischen Autors Aboud Saeeds bereits Entdeckungen ermöglicht – in der Form wie in den Inhalten. Bei dieser Courage bleibt nur eine Kleinigkeit, dass Autor und Titel hier nur auf dem Buchrücken stehen.

Die „eigentliche Frage“

Aufmerksamkeit erregt nun auch Claudia Rankines „Citizen“. Die 1963 in Jamaika geborene US-Amerikanerin schreibt Lyrik und Theaterstücke. Sie ist Professorin für Lyrik an der Yale University. Für das Langgedicht „Citizen“, das 2014 in den USA herauskam, erhielt sie den Los Angeles Times Book Prize, den National Book Critics Circle Award und den Forward Poetry Prize.

„Es geht nicht darum, was mit schwarzen Menschen passiert. Die eigentliche Frage ist: Was passiert mit diesem Land?“, schrieb der Schriftsteller James Baldwin (1924–1987) im Jahr 1968 in einem Fragment gebliebenen Roman über Geschichte und Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Darauf verweist derzeit die Ausstellung „Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen“ im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.

Diese „eigentliche Frage“, was mit einem Land passiert, in dem Rassismus stattfindet, ist Kern von Rankines „Citizen“ wie auch der Relevanz, die das Buch hierzulande begleitet. Es ließe sich darüber streiten, ob die Anteile des Dokumentarischen einer Zuschreibung zur Lyrik entgegenstehen, doch soll das keine Rolle spielen. Hier hat Inhalt zu einer Form gefunden, die trägt.

Rankine eröffnet mit der Kindheitserfahrung, nicht gesehen zu werden. Eine Erfahrung, die sich bis heute wiederholt. Später nennt eine (weiße) Freundin sie versehentlich beim Namen ihrer (schwarzen) Haushälterin. Jemand erzählt ihr, sein Dekan zwinge ihn, die Stelle mit einer Person of Color zu besetzen, wo es da draußen doch so viele begabte Schriftsteller gebe. Im Flugzeug will ein weißes Mädchen nicht neben ihr sitzen. Eine Frau mit mehreren Hochschulabschlüssen sagt: „Ich wusste gar nicht, dass schwarze Frauen Krebs kriegen können.“

Zorn der Erfahrung

Rankine zitiert die Philosophin Judith Butler, dass schon unser Dasein uns der Ansprache durch andere aussetze. „Wir leiden an unserer Ansprechbarkeit.“ Unsere Angreifbarkeit liege an unserer Ansprechbarkeit. „Das steuert die Sprache.“ Sprache, die verletzt, schlussfolgert Rankine, „will sich aller Formen deines Seins bemächtigen“.

„Und so leicht der Regen auch scheint, du stehst doch im Regen“, schreibt Rankine. Sie berichtet von einem „fortschreitenden Zorn der Erfahrung und des täglichen Kampfs gegen die Entmenschlichung, die jeder Mensch brauner oder schwarzer Hautfarbe einfach wegen der Farbe seiner Haut leben muss.“ Dieser Zorn „verhindert und fordert nicht etwa auf Dauer die Hervorbringung von etwas anderem als Einsamkeit“.

Den Blick in die Runde der Beispiele bewusst oder unbewusst zugefügter Verwundungen unterbricht die Autorin für ein Innehalten in Empfindungen. Zusammen erzeugt beides Kraft. Rankine zeigt auf Mechanismen. Eben auch auf dem Tennisplatz, wenn die Weltranglistenerste Serena Williams spielt und die Stuhlschiedsrichterin, „Inkarnation der Gegner Serenas“, Fehlentscheidungen trifft, dass man es kaum fassen kann.

„Vielleicht“, überlegt Rankine, „fühlt sich Rassismus ganz unabhängig vom Kontext so an – plötzlich sollen die Regeln, nach denen alle anderen spielen dürfen, für dich nicht mehr gelten“. Zwar „kannst du einer Verletzung wegen aufgeben, aber du kannst nicht vom Platz gehen, weil du dich verletzt fühlst“.

Claudia Rankine verdichtet die Folgen des Hurrikans Katrina (2005) zum Beispiel „ewiger Dichotomie von Arm und Reich, Haben und Nichthaben, Weiß und Schwarz in der ganzen Bedrängnis“. Sie erinnert an die Morde an Trayvon Martin (2012), James Craig Anderson (2011), Mark Duggan (2011). Die Schönheit dieses Buches liegt in der Komposition, seine Wirkung im Erschrecken über die Wirklichkeit.

Claudia Rankine: Citizen. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Spector Books; 188 Seiten (mit Abbildungen), 14 Euro

Von Janina Fleischer

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