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Kultur Regional Erste Wünsche, letzte Wünsche bei Giulia Becker und Anne Cathrine Bomann
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16:53 08.04.2019
„Tropical Island“ in Brandenburg. Auch hier eskaliert Giulia Beckers Debüt-Roman „Das Leben ist eines der Härtesten“. Quelle: Foto: Bernd Settnik/dpa
Leipzig

Sie heißen Ullstein fünf, Rowohlt Hundert Augen oder hanserblau. Mit Imprints wollen alteingesessene Verlagshäuser ein neues Publikum erschließen, jünger vielleicht. Ullstein fünf veröffentlicht seit 2017 Belletristik und Sachbücher, in denen es „um die Gegenwart geht“, um „vertraute Lebenswelten“ und „neue Perspektiven auf unser Leben“. Rowohlt Hundert Augen publiziert seit 2016 literarische Titel „unterschiedlichster Herkunft“, die „man mit lachenden Augen lesen wird oder mit weinenden“. Bekannte Namen dürfen es sein.

Das gilt seit diesem Jahr auch für hanserblau, wo darüber hinaus „eingängig erzählte, handlungsgetriebene zeitgenössische Romane und aktuelle meinungsstarke Sachbücher“ das Verlagsprofil prägen. Kriterien, zu denen sich die Schubladen „Unterhaltung“ oder „Fast Food“ wie von allein öffnen. Doch sie passen so nicht.

Heimat, Rap und Freiheit

Der Ullstein-Ableger beispielsweise hat Svenja Gräfens „Freiraum“ im aktuellen Frühjahrsprogramm und „Eure Heimat ist unser Albtraum“, herausgegeben von Fatma Aydemir & Hengameh Yaghoobifarah, sowie „Könnt ihr uns hören?“, eine „Oral History des deutschen Rap“ von Davide Bortot und Jan Wehn.

Beim Rowohlt-Imprint ist Anselm Nefts „Die bessere Geschichte“ erschienen und „Das Leben ist eins der Härtesten“ von Giulia Becker – kurz darauf ausgezeichnet mit dem Debütpreis der Lit.cologne. Und hansablau, der jüngste der jungen Triebe, setzt auf viel Freiheit, nämlich Rocko Schamonis „Große Freiheit“ und „Schluss jetzt: Von der Freiheit, sich zu trennen“ des Autorinnen-Duos Heike Blümner und Laura Ewert.

Anne Cathrine Bomann: Agathe. Roman. Aus dem Dänischen von Franziska Hüther. hanserblau; 158 Seiten, 16 Euro Quelle: Hanserblau

Zum Überraschungserfolg aber wurde dort ein so schön gestalteter wie schmaler Band: „Agathe“, das Debüt der dänischen Autorin Anne Cathrine Bomann, Jahrgang 1983. Sie schreibt, selbst Psychologin, im Namen eines Psychiaters, knapp über 70, der seinem Ruhestand entgegensieht, und zwar mit Ungeduld. Er zählt nicht die Wochen, es sind 22, sondern die Therapiegespräche, die er bis dahin noch führen muss: genau 800. Neue Patienten nimmt er da natürlich nicht mehr an.

Als ihm seine Vorzimmerdame, Madame Surrugue, dennoch Agathe Zimmermann ins Bestellbuch schmuggelt, ist er zunächst erbost. Dann neugierig, schließlich fasziniert. Auf vielfältige Weise des Lebens müde sind alle seine Patienten, die zuerst sich langweilen und dann ihren Therapeuten. Doch das ist nicht sein einziges Problem, vielmehr lähmt ihn die Abwesenheit jeglicher Lebensfreude im eigenen Einsamkeitsbau. Wenig überraschend ist es Agathe, die ihn daraus befreien könnte.

Reden über Angst

Das Besondere sind Leichtigkeit im Stil und Genauigkeit im Alltagspsychologischen, die Anne Cathrine Bomann zu einer Geschichte verbindet, die in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts in einem Vorort von Paris spielt und dennoch zeitlos erscheint im Wissen um Gefühle und Defizite. Und in der Aussichtslosigkeit, beide zu ignorieren, ohne an der Seele Schaden zu nehmen.

In einer Schlüsselszene des in kurzen Kapiteln erzählten Romans besucht der Ich-Erzähler Madame Surrugues sterbenskranken Mann Thomas. Die Männer sprechen über Angst. Darüber, ob jemandem, der nie geliebt hat, das Sterben leichter fällt als das Leben. Und dass man herausfinden kann, wovor man Angst hat, wenn man mit seiner größten Sehnsucht beginnt. Trotz dieser Themen unterhält dieses Buch unter einer an Knappheit geschärften Gnadenlosigkeit mit Heiterkeit.

Giulia Becker: Das Leben ist eins der Härtesten. Roman. Rowohlt Hundert Augen; 224 Seiten, 20 Euro Quelle: Rowohlt Verlag

In Giulia Beckers „Das Leben ist eines der Härtesten“ hingegen liegt obenauf das Leichte, unter dem Ernst sichtbar wird. Die 28-Jährige trat bislang als Autorin im Team von Jan BöhmermannsNeo Magazin Royale“ in Erscheinung und mit dem Scheiden-Song „Verdammte Schei*e“.

In ihrem Roman sind die Protagonisten aus sehr verschiedenen Gründen miteinander verbunden, zunächst aber, weil sie alle in Borken leben: Silke Möhlenstedt, die bei der Bahnhofsmission arbeitet, ihre Nachbarin, die hochbetagte Frau Göbel, Freundin Renate, deren Hund in einer Punica-Flasche ertrunken ist, und Willy-Martin, der Silke ein bisschen liebt. Nach knapp der Hälfte des Romans brechen die vier zu einem Wochenende im brandenburgischen Freizeitpark „Tropical Island“ auf. Eine handfeste Komödie um erste und letzte Wünsche eskaliert.

So stehen diese beiden Debüts tatsächlich für lachende und weinende Augen und für handlungsgetriebenes Erzählen – womit die Verlage kein Wagnis eingehen und auch kein Risiko.

Giulia Becker liest am 10. Mai, 20 Uhr, im Kupfersaal, Kupfergasse 2 in Leipzig

Von Janina Fleischer

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