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Kultur Regional „Fisch’n’Chips“ als Soundtrack zum Ausstieg
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Fisch’n’Chips“ als Soundtrack zum Ausstieg
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19:00 26.09.2018
Das Team der Leipziger Jazztage 2018 (v.l.): Benjamin Heine, Annika Sautter, Nico Teichmann, Anna Dietze, Esther Weickel, Alma Neumann, Johannes Moritz und Stefan Heilig. Quelle: Kempner
Leipzig

Ein Festival muss nicht einfach ein Nummernprogramm der großen Namen sein. So jedenfalls halten es die Leipziger Jazztage und sind damit nicht nur als fantasievolles und stets mit Überraschungen geladenes Jazzfest bei seinem inzwischen 42. Jahrgang angelangt. Sie sind das innovativste Festival der improvisierten Musik in Mitteldeutschland und das traditionsreichste auch. Werden inzwischen weithin wahrgenommen.

In den zurückliegenden Jahren gab es vom Jazzclub der Stadt um Geschäftsführer Stefan Heilig initiierte Programmatiken wie „Cinematic Jazz“, „Schöne Künste“ und den „Gitarrengipfel“, Jahrgänge, die eben deswegen in Erinnerung geblieben sind, weil es das ganz Besondere, extra für Leipzig Konzipierte gab. Große Namen gab es natürlich auch. Die Jazztage haben sich neben dem Vorhersehbaren positioniert, sind ein sich an auch unorthodoxen Spielorten über die Stadt erstreckendes Großereignis, das zunehmend auch für ein junges Publikum attraktiv ist. Sie sind Anreger, Abenteuerspielplatz und Kontakthof für Künstler und Publikum.

Dialogischer Moment

Mit „Fish ’n’ Chips“ steht seit langem mal wieder ein Länderschwerpunkt im Zentrum. Die Möglichkeiten einer Insel werden in vielen und oft erstaunlichen Konstellationen demonstriert und durchgespielt. Es ist nicht unbedingt populär und schwer nachvollziehbar, was die Engländer sich mit dem Brexit im Juni 2016 als ihren politischen Willen erwählt haben.

Aus dem europäischen Kulturraum allerdings verschwinden die Briten deswegen nicht. Sowieso kann keine Insel isoliert existieren. Viele der in Leipzig auftretenden Künstler werden die Idee des interkulturellen Miteinanders über Grenzen hinweg als Voraussetzung ihrer Kunst vorführen. Und in keiner anderen Kunstform ist das dialogische Moment so wichtig wie im Jazz. Das liegt an seinem improvisatorischen Charakter.

Überdies sind in kaum einem europäischen Land die multikulturellen Einflüsse durch den Zuzug von Menschen diverser Herkünfte traditionell so groß wie im Vereinigten Königreich. Nebenbei hat das mittlerweile auch den Effekt, dass sich der Londonbesucher vor Ort richtig gut ernähren kann – über Fish ’n’ Chips hinaus.

Wollny spielt Bernhard

Diese auch politische Komponente akustisch und visuell zu illustrieren, treten an 10 Festivaltagen weit über 100 Musiker und Musikerinnen in 24 Konzerten auf. Filme, Vorträge, Jazz für Kinder, die Verleihung des Leipziger Jazznachwuchspreises an Philipp Rumsch, die Präsentation des diesjährigen Preisträgers des BMW Welt Young Artist Jazz Awards, Podiumsdiskussionen, ein DJ-Set und eine Session flankieren die Auftritte.

Im Programm steckt eine Fülle von dem Thema zugeordneten Ideen, eine Auftragsproduktion, bisher noch nicht zu erlebende Zusammenstellungen sowie die Sonderreihe „Across the English Channel“, in der britische und deutsche Musiker aufeinandertreffen. In diesem Rahmen wird sich der Leipziger Pianoprofessor Michael Wollny mit Samplings von Leafcutter John und Sprecher Alex Nowitz der musikalischen Diktion Thomas Bernhards nähern, der in seinem Roman „Der Untergeher“ anhand dreier Pianisten das Genieproblem und die Bach’schen Goldberg Variationen umkreist.

Schlagzeuger Max Andrzejewski wird die Musik des Soft Machine-Drummers Robert Wyatt neu deuten, Gitarrist Helmut „Joe“ Sachse zelebriert im Duo mit der sehr besonderen Sängerin Maggie Nicols „Nevergreens“, die Hamburger Saxofonistin Anna-Lena Schnabel hat ihr „Echo“-bepreistes Quartett halbiert und dann mit zwei Engländern wieder verdoppelt, ebenso pari-pari sind auch die schrundig zwischen Punk und freiem Jazz changierenden „Killing Popes“ des Schlagzeugers Oliver Steidle besetzt, und auch die faszinierende Schweizer Sängerin Lucia Cadotsch wird mit zwei Briten auftreten.

Neben dem Mainstream

Großbritannien ist von enormer Wichtigkeit für die Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts, weil es die Weltmacht von Pop und Rock ist. Die Jazzszene hingegen wurde jahrzehntelang als zwischen den Extremen eines Dixieland-Revivals der drei großen Bs (Chris Barber, Kenny Ball, Acker Bilk) und eines hermetisch abstrakten Free Jazz mit dem London Jazz Composers Orchestra und den dort entspringenden kleineren Formationen gesehen. So bewegte sie sich durchaus insular neben dem Mainstream. Ausnahmen bestätigten die Regel.

Dies hat sich seit den 80er Jahren im Kern geändert, als sich in den Clubs elektronische Musik, Funk und Soul mit dem Jazz mischten. Künstler wie „Empirical“, „Soweto Kinch“, „Yazz Ahmed“ und „Hidden Orchestra“ werden dieses Zugehen auf ein junges Publikum und die neue Popularität des Genres sinnfällig machen. In diesen Kontext gehört Matthew Herbert, dessen Brexit Big Band das sicher ehrgeizigste Unternehmen der diesjährigen Jazztage ist.

Der britische Komponist und Produzent elektronischer Musik nach sehr eigenen Regeln will sich dezidiert einmischen in politische Entscheidungen, die er nicht teilt. Mit einem Soundtrack zum Ausstieg will er den Prozess hörbar machen. Also sammelte er – was immer das ist – Brexit-Geräusche, um sie im Konzert zusammenzusetzen.

Für die Leipziger Aufführung wird seine Bigband ergänzt um Studierende und Lehrkräfte der hiesigen Hochschule für Musik und Theater sowie den Chor Vokalconsort und flankiert von einer Podiumsdiskussion des Jazzpublizisten Wolf Kampmann mit Matthew Herbert, der Direktorin des British Council Rachel Launay und dem Professor für Britische Kulturstudien Joachim Schwend.

Grand Dame des britischen Vokaljazz

Britische Anverwandlungen bieten auch Gitarrist Christian Kögel, der das „Jazz“ betitelte Queen-Album von 1978 beim Wort nimmt, die Leipziger Band „Milk Wood“ mit einer Dylan Thomas-Interpretation und Shooting Star Kit Downes in einem Kirchenorgel-Konzert.

Mit seiner Allstar Band „James Farm“ steht Saxofonist Joshua Redman für die Vitalität des Jazz aus dem amerikanischen Mutterland, und der Opernhausabend am 20. Oktober könnte mit seinen drei Acts der Superlative nicht grandioser besetzt sein: Bassist Dave Holland, weiland auf Miles Davis‘ legendärem Album „Bitches Brew“ als Brite mit von der Partie und längst eine Legende, mit seinem illustren Quartett „Aziza“, die Grand Dame des britischen Vokaljazz Norma Winstone mit ihrem traumverloren schwebenden Trio und der Israeli Avishai Cohen, aktuell der weltweit wohl wichtigste neue Trompeter.

Das garantiert Sternstunden und wird doch nur einer der Höhepunkte dieses facettenreich konzipierten Festivaljahrgangs sein.

42. Leipziger Jazztage: 11.–20. Oktober 2018. Karten gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer  0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de und www.jazzclub-leipzig.de

Programm-Höhepunkte der Jazztage

Donnerstag, 11. Oktober: Philipp Rumsch Ensemble Leipziger Jazznachwuchspreisträger; Empirical (20 Uhr, UT Connewitz); Oli Steidle & the killing Popes (23.59 Uhr, die naTo)

Freitag, 12. Oktober: „The Party« (GB 2017, 71min, dV) Filmvorführung (18 Uhr, Kinobar Prager Frühling); Soweto Kinch (20.30 Uhr, die naTo), Jazzelectric Night mit Nubiyan Twist und Matthew Herbert (DJ-Set) (22 Uhr, Werk 2, Halle A)

Samstag, 13. Oktober: 33rpm – Knistergeflüster (18.30 Uhr, Kunstkraftwerk, Eintritt frei); Fazer BMW Welt Young Artist Jazz Award; Michael Wollny „Goldberg-Tangenten“ mit Leafcutter John und Alex Nowitz (20 Uhr, Kunstkraftwerk); Kit Downes „Obsidian“ (23.59 Uhr, Liebfrauenkirche)

Sonntag, 14. Oktober: Jazz für Kinder „Puschelgeschichten“ (16 Uhr, Klinikum St. Georg, Eintritt frei); „Brexit Big Bang“, Podiumsdiskussion mit Matthew Herbert, Rachel Launay, Joachim Schwend und Wolf Kampmann (18 Uhr, UT Connewitz, Eintritt frei); Lucia Cadotsch + Tricko (20.30 Uhr, UT Connewitz)

Montag, 15. Oktober: Milk Wood „Dylan Thomas“, Stage Night Special (19.30 Uhr & 21 Uhr, Horns Erben)

Dienstag, 16. Oktober: Hidden Orchestra (20.30 Uhr, UT Connewitz)

Mittwoch, 17. Oktober: Matthew Herbert’s Brexit Big Band mit MusikerInnen der HMT Leipzig und des Vocalconsort Leipzig; Yazz Ahmed (20 Uhr, Schauspiel)

Donnerstag, 18. Oktober: Helmut ‚Joe‘ Sachse & Maggie Nicols „Nevergreens“ (20.30 Uhr, die naTo); Anna-Lena Schnabel, Florian Weber, James Banner und James Maddren (23 Uhr, die naTo)

Freitag, 19. Oktober: Max Andrzejewski’s Hütte and guests play Robert Wyatt; Joshua Redman, Aaron Parks, Matt Penman, Eric Harland: James Farm (20 Uhr, Westbad); Elliot Galvin Trio (23.59 Uhr, die naTo)

Samstag, 20. Oktober: Jazz für Kinder Jolli, Juri und die Jungs ... und das große Fernweh! (11 Uhr, Werk 2, Halle D); Arne Reimer „American Jazz Heroes 2“ (18 Uhr, Opernhaus); Dave Holland’s Aziza; Avishai Cohen Quartet; Norma Winstone Trio (19:30 Uhr Opernhaus); Christian Kögel: Queen „Jazz“ (23.59 Uhr, Liveclub Telegraph

Die 42. Leipziger Jazztage: 11.–20. Oktober 2018. Karten gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer  0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de und www.jazzclub-leipzig.de

Von Ulrich Steinmetzger

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