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Kultur Regional Fotos aus zwei Jahrhunderten, Briefe und Musik in einem Buch über New York
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17:06 07.11.2018
Ulrich Balß vor der Skyline von New York Quelle: BALSS
Leipzig

Nachdem der Leipziger Buchbinder Theodor Trampler 1928 arbeitslos geworden war, ging er nach New York, um dort für die Familie Geld zu verdienen. 15 Monate arbeitete er da und hielt als Hobbyfotograf fest, was ihn faszinierte, um daran seine Frau und seine beiden Töchter teilhaben zu lassen. Auch sein Enkel, der Musikproduzent Ulrich Balß, hat in den letzten Jahren bei seinen Aufenthalten in New York viel fotografiert und nun mit den Fotos seines Großvaters sowie Auszügen aus dessen Briefen an die Familie, ergänzt durch eigene Aufnahmen ein Buch veröffentlicht: „New York“. sprach mit ihm.

Hat Ihr Großvater oft von seinem New-York-Aufenthalt erzählt?

Ich wusste, dass er in Amerika war, es gab auch ein Fotoalbum. Aber wenn man zehn oder zwölf ist, sind andere Dinge wichtig. Erst kurz bevor meine Mutter starb, wurde das ein Thema. Sie bat mich, die Fotos und vielen Briefe ihres Vaters zu bewahren. Ich sollte sie lesen. Dafür musste ich erst Sütterlin lernen, und dann erschloss sich mir eine ganz neue Welt.

In den 20ern fotografierte der Leipziger Buchbinder Theodor Trampler die pulsierende Metropole am Hudson-River.

Wie kam es zum Buch?

Angesichts der vielen Fotos habe ich gedacht, daraus ließe sich mit den Briefen und meinen Fotos ein Buch machen. Vor allem, weil das Material über die Familienangelegenheit hinausgeht. Geschichte ist immer die der Kaiser und Könige und nicht der einfachen Leute. Mein Großvater war Buchbinder. Und das Leben eines Arbeiters wird selten geschildert. Er hat mit den Bildern und den Briefen viel von seinem Leben und seinen Sehnsüchten erzählt.

Arbeitslos zu werden und dann gleich nach Amerika zu gehen, ist ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

Mein Großvater hatte Kontakt zu einem Jugendfreund, mit dem er in Leipzig die Lehre gemacht hatte. Der war später Hochseilartist geworden und hatte sich mit seiner Frau in New York niedergelassen. Und der ermunterte ihn zu kommen. Qualitätsarbeit sei dort geschätzt. In Amerika konnte man etwa viermal so viel verdienen wie in Leipzig. Er hat meinem Großvater auch gleich einen Job vermittelt, das Geld für die Überfahrt vorgeschossen, und sogar wohnen konnte er bei ihm. Für 12 Dollar pro Monat für Kost, Logis und Wäschewaschen.

Die Zeit war nicht einfach, wie hat er sich in Amerika behaupten können?

Er hatte Glück. Am späten Nachmittag ist er in New York angekommen und am nächsten Morgen um sechs fuhr er bereits zur Arbeit. Andere mussten erst einmal einen Job suchen, und das hat manchmal Wochen, sogar Monate gedauert. Darüber hat er viel geschrieben. Die Auftragslage bei seinem jüdischen Buchbinder war nicht immer rosig. Er hatte auch Angst, den Job zu verlieren. Am Ende aber hat er die ganze Zeit durchgearbeitet. Vom ersten bis zum letzten Tag. Was nach dem Schwarzen Freitag passiert wäre, ist hypothetisch. Da war er aber schon wieder zu Hause.

Was hat ihr Großvater fotografiert. Was wollte er unbedingt festhalten?

Als Buchbinder hatte er einen Blick fürs Künstlerische. Und dadurch haben viele seiner Fotos eine eigene Sichtweise. Ihm war es auch wichtig, das normale Leben festzuhalten. Und er wollte natürlich New York dokumentieren. Im Deutschen Reich gab es ja kaum Hochhäuser. Die faszinierten ihn.

Ihr Großvater hat auch Fotos an Zeitungen verkauft. Was konnte ein Ausländer den Amerikanern von Amerika zeigen?

Ein Amerikaner, der das Buch gelesen hat, war erstaunt, dass ein Deutscher in dieser Zeit solche Fotos in Amerika verkaufen konnte. Offenbar fand man sie gut. In der Heimat hatte er Erfolg, weil es noch keine Agenturen gab. Außerdem war es in dieser Zeit selten, Fotos Zeitungen offensiv anzubieten. Für meinen Großvater war das ein Zubrot.

Ihr Buch enthält auch eine CD mit Songs aus New York. Was hat Sie dazu bewogen?

Das gibt dem Buch eine zusätzliche Dimension. So kann man New York auch hören. Es wäre schade, die Metropole nicht auch von dieser Seite zu zeigen. Ich hab vier CDs der New Yorker Band „Hazmat Modine“ bei Yaro Medien veröffentlicht und die Musik passte einfach perfekt dazu.

Nach der Arbeit an Ihrem Buch – was ist für Sie nun das Besondere an dieser Stadt?

Für mich ist New York vor allem ein Schmelztiegel. Wenn man vom JFK-Flughafen mit der U-Bahn nach Manhattan fährt, wechseln alle fünf, sechs Stationen die Nationalitäten. Chinesen, Spanischsprechende, Farbige – ganz selbstverständlich. Das fasziniert mich immer wieder. Es geht also. Man muss schon offen sein und jedem eine Chance geben. Die hatte mein Großvater vor fast 90 Jahren auch bekommen.

Theodor Trampler & Ulrich Balß: New York – Fotos, Briefe, Dokumente, Musik, Jaro Medien, 30 Euro

Von Harald Pfeifer

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