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Kultur Regional Für vier Wochen Leipziger: der tschechische Dichter Jaromir Typlt
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13:04 29.10.2018
Lieblingsort im Leipziger Westen: Der tschechische Dichter Jaromir Typlt am Jahrtausendfeld. Quelle: Kempner
Leipzig

„Ich bin kein politischer Dichter“, sagt Jaromir Typlt. „Aber mein Schreiben hat in der Zeit der Unfreiheit begonnen, und natürlich möchte ich nicht, dass es in einer Zeit der Unfreiheit endet.“ Zuvor hat er über die Lage in seiner Heimat, in Tschechien, gesprochen, hat von der Resignation erzählt, die sich dort ausbreitet – vor allem unter Künstlern. „Sie fühlen, dass sie keine Kraft mehr haben, etwas zu ändern.“ Er hat Ministerpräsident Andrej Babiš einen „tschechischen Berlusconi“ genannt und darauf hingewiesen, dass Petr Hruška, der Dichterkollege, aus Protest gegen die Regierung nicht länger Juror des Staatsliteraturpreises sein will. „30 Jahre nach der Wende sind die Schatten aus der Höhle zurückgekehrt“, sagt Jaromir Typlt.

Der 45-Jährige ist vielleicht kein politischer Dichter, doch er denkt und fühlt politisch, weil Kunst die Freiheit braucht, die eine Demokratie ihr geben kann. Als Autor des Residenzprogramms für den Austausch deutscher und tschechischer Schriftsteller – vor dem Gastauftritt auf der Leipziger Buchmesse im kommenden Frühjahr – lebt und arbeitet er einen Monat lang in Leipzig. Wobei die Arbeit im Leben besteht, denn „die Erwartung, hier viel zu schreiben, habe ich nicht“. Vielmehr will er die Kultur kennenlernen, Menschen treffen. Seit ein paar Jahren schon ist er mit dem Leipziger Schriftsteller Thomas Kunst befreundet, hat mit ihm gemeinsam Musik gemacht und Gedichte von ihm übersetzt.

Texte und Musik, Texte und Bilder oder alles zusammen – Jaromir Typlt versteht Kunst als übergreifend und Lesungen als den Ausdruck verschiedener Formen. „Es war nie nur die Literatur, die mich inspiriert hat“, sagt er und beruft sich auf Schamanen, die als erste Künstler „mit den Göttern gesprochen und geheilt haben“. Mit einem übergreifenden Abend war er Mitte Oktober in der Kulturapotheke zu erleben.

„Scribbles“ heißt die Impro-Performance mit elektronischen und akustischen Instrumenten, Stimmen und Textfragmenten – eine Zusammenarbeit mit dem Komponisten Michal Rataj. „Ich versuche, einen Raum zu schaffen, in dem das Publikum sich fühlen kann wie im Kopf des Autors“, sagt Typlt, indem er „von unbestimmten Klängen über erste Wörter zu fertigen Sätzen kommt“. Eventuell kann er „Scribbles“ im März noch einmal in Leipzig zeigen, wenn er mit einem neuen Buch zur Buchmesse anreist. Auch zu den Machern des Hörspielsommers gibt es jetzt Kontakte.

Suchen und sammeln

Ein erstes Gedichtbändchen auf Deutsch ist bereits zur Buchmesse 2018 in der Edition OstroVers des hochroth Verlags erschienen: „oder schnurstracks“ heißt die hinreißend gestaltete zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Martin Mutschler. Typlt öffnet darin Räume der Wahrnehmung, erzählt Geschichten vom Fallen, um auf Grund zu stoßen. Statt Visitenkarten hat er ein Heftchen drucken lassen: „Lebend“ steht darauf, drei Gedichte sind enthalten und ein kleines bisschen Lebenslauf.

Sein erstes Buch lag 1990 in den Läden – da war er 16. Er hat das „als Schatten gefühlt“, dass seine Jugendgedichte zu einer Zeit von einem Verlag angenommen wurden, als viele Dichter verboten waren und nur im Untergrund arbeiten konnten. Als mit der Wende die Freiheit kam, ließ allerdings das Interesse deutscher Leser an der tschechischen Literatur nach.

Jaromir Typlt hat an der Karls-Universität in Prag Philosophie, tschechische Sprache und Literatur studiert, als Kurator gearbeitet, eine Monographie über den avantgardistischen Bildhauer Ladislav Zivr veröffentlicht und in einem gemeinnützigen Verein für psychisch Kranke gearbeitet. Seit jener Zeit forscht der Kunstwissenschaftler über Art brut: Kunst von Autodidakten, seelisch Kranken und Außenseitern. Kunst, die „aus der Energie der Erde kommt“, zitiert er den Schriftsteller Bohumil Hrabal.

Diese Werke, ob in Worten oder Bildern, „entstehen immer aus der reinen Notwendigkeit“. Das fasziniert ihn – wie der Schweizer Adolf Wölfli zum Beispiel, ein bildender Künstler, Komponist und Schriftsteller. Jaromir Typlt ist noch immer ein Studierender. Er sucht und sammelt und schafft Verbindungen.

Dass er ganz ausgezeichnet Deutsch spricht, hat zuerst mit seinem Deutschlehrer in Nová Paka zu tun, wo er geboren wurde und aufgewachsen ist. Heute besucht er regelmäßig Freunde in Deutschland. Vor neun Jahren gab es bereits einen Residenzaufenthalt in Wiesbaden, mit Monatskarte für ganz Hessen, wie er erzählt. Die hat er auch genutzt. Die Leipziger Monatskarte gilt nur für die Stadt – was aber völlig genügt.

Begegnung mit der eigenen Geschichte

Gleich einer der ersten Ausflüge hat ihn in den Leipziger Westen geführt, zum Jahrtausendfeld. Es wurde sofort sein Lieblingsort. In den Cafés auf der Karl-Heine-Straße fühlt er sich wohl, er mag die Atmosphäre im Viertel und die Graffiti an den Mauern. Manchmal springt er vor einem der Fahrradfahrer zur Seite – die ist er aus Prag nicht gewohnt.

Die Residenzwohnung liegt leider nicht im Westen, sondern im Zentrum, was für Jaromir Typlt andererseits den Vorteil hat, dass er schnell überall hinkommt. In den Passage Kinos hat er „Werk ohne Autor“ gesehen, im Schauspielhaus Enrico Lübbes „Faust“-Inszenierung. Im Gewandhaus konnte er Beethovens Fünfte unter Jaap van Zweden hören und in der naTo das Tribute-Konzert mit Musik von The Plastic People of the Universe – wichtige Band der tschechoslowakischen Opposition in den 70ern und 80ern. Auch im Neuen Rathaus traf Typlt auf eigene Geschichte, als dort vor einer Woche die Ausstellung „100 Jahre Geschichte – die Gründung der Tschechoslowakei 1918“ eröffnet wurde. Tomáš Garrigue Masaryk, der erste Präsident, hat in Leipzig studiert und „hier seine erste große Liebe getroffen“, erzählt Typlt.

Lachen muss er über die Leipziger „Prager Bierstuben“, die so viel mit Prag zu tun haben wie die deutschen Bierstuben in Tianjin mit Deutschland. Auch dort, in China, war er als Residenzautor zu Gast. Am Mittwoch endet die Leipziger Zeit. Vier Wochen sind zu kurz: „Man öffnet die Koffer und schließt sie wieder.“

Residenzprogramm für Autoren

Tschechien ist Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 (21.–24. März). Im Rahmen eines Residenzprogramms für den Austausch deutscher und tschechischer Schriftsteller leben und arbeiten fünf Autoren aus dem Nachbarland für jeweils einen Monat in Leipzig. Im Gegenzug erhalten fünf deutsche Autoren die Möglichkeit für einen Aufenthalt in Brünn (Brno). Unterstützt wird das Programm von der Mährischen Landesbibliothek, der Leipziger Buchmesse, den Städten Leipzig und Brünn und dem Goethe-Institut Prag sowie der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft. Vor Jaromír Typlt war Petr Borkovec zu Gast, nach ihm kommt Kateřina Tučková in die Stadt. Von ihr ist gerade der Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (Klak Verlag) erschienen, den sie beim Leipziger Literarischen Herbst vorgestellt hat.

www.ahojleipzig2019.de

Von Janina Fleischer

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