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Kultur Regional Gedanklich schon im Ruhestand: Routinierter HIM-Abschied im Haus Auensee
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00:20 08.12.2017
Auf ihrer Abschiedstour haben HIM am Montag in Leipzig Tschüssi gesagt: Ville Valo im Haus Auensee. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Im Wechselspiel zwischen Liebe und Tod macht am Ende der Tod das Rennen. Am Montag haben sich HIM im ausverkauften Haus Auensee von ihren Fans verabschiedet. Die Finnen tragen ihren charakteristischen Love Metal zu Grabe, der in den späten 90ern Morbidität radiotauglich und gleichzeitig die Gothic-Szene offen für poptypische Teenie-Schmachtanfälle machte und damit auch Wegbereiter der Emo-Bewegung war.

„Wenn es am schönsten ist“, diesen Punkt zu gehen, haben HIM verpasst, das letzte Studioalbum liegt vier Jahre zurück, bereits seit über einer Dekade können sie nicht mehr an ihre Superstar-Zeiten um die Jahrtausendwende anknüpfen. Der Abschied wirkt daher etwas nachgeschoben und gipfelt zwar in ein routiniert gutes, für ein Finale jedoch recht emotionsloses Rockkonzert. Denn kauft man der Vorband Biters aus Atlanta sofort ihr für die hard- und glamrockigen 70er schlagendes „Heart fulla Rock’n Roll“ ab, scheint es bei HIM später vor allem die Portion Herz, die fehlt, obwohl das „Heartagram“-Bandlogo überdimensional die Bühnenrückwand ziert.

Ohne Intro mit unter Jubel halb verschluckter Begrüßung stürzen sich Sänger Ville Valo und seine Mannen direkt in den Opener „Buried Alive by Love“. Auch hernach reihen sich Song an Song, die im Live-Gewand deutlich mehr zum Rock als zum Gefühl tendieren. Persönliche Worte Richtung Publikum raunt Valo zwischendurch nur sparsam.

Eine effektvolle Lichtshow und das volle Brett Gitarre, Bass und Schlagzeug in Ehren, aber eine Band, deren Popularität im Wesentlichen aus Optik und Stimme ihres Frontmannes besteht, offenbart umso mehr die alten Schwächen des Haus Auensee: Immer wieder fehlt Licht von vorn, um die Band durch alle Lichteffekte auch einmal zu sehen, im vollen Saal kann ein guter Teil des Publikums die Bühne ohnehin bestenfalls erahnen. Auch der Sound dürfte für viele außerhalb des mittleren Parketts und vorderen Balkons eher schrammelig laut als stimmlich eindringlich gewesen sein.

Wie zu hysterischen Teenie-Zeiten

Als das Licht Valo dann doch gelegentlich trifft, offenbart sich, dass zwischen dem einstigen androgynen Traumboy und dem Sänger 2017 doch ein halbes Rock’n’Roll-Leben steckt. Dass selbiges auch an der Stimme nicht vorübergeht, wird deutlich in HIMs Initialhit, dem Chris-Isaak-Cover „Wicked Game“: Drückte Valos brüchiges Timbre von sonor bis Kopfstimme stets zuverlässig die Emotionsknöpfe, ist es mittlerweile zwar immer noch eine beeindruckende Rockröhre, aber längst nicht mehr so durchdringend wie früher und wird live schließlich ganz von nahezu psychedelischen Instrumentensoli überlagert, zu denen Valo im Backstage pausiert. Beim Suizid-Überhit „Join Me“ vermag später immerhin durch Piano- und Publikums-Chor hervorgerufene Gänsehaut den leichten Schauer über den stimmlichen Qualitätseinbruch zu überlagern.

Überhaupt nimmt sich das Publikum mehrheitlich das, was es vom Konzert erwartet: Viele Fans, zumeist zusammen mit der Band gealtert, schieben sich wie zu hysterischen Teenie-Zeiten zu Beginn in die vorderen Reihen, einige schwingen während des Konzerts Blümchen und selbst beschriebene Transparente, zahlreiche verlassen die Halle am Ende mit verweinten Augen. Frenetisch laut und durchweg textsicher sind ohnehin die meisten. Durch übermäßigen Kontakt mit den Fans zeichnet sich Ville Valo allerdings nicht aus. Zwar lächelt er hin und wieder zart in den Saal, meist geht der Blick aber, wenn nicht zur Band, dann irgendwo in den Zwischenraum zwischen Parkett und Balkon, so abwesend, als sei er gedanklich schon im Ruhestand.

Gegen Ende kommt ihm immerhin das eine oder andere „Thank you“ über die Lippen, und fast möchte man ihm glauben, als er auf entsprechende Rufe aus dem Saal antwortet: „We love you, too.“

Von Karsten Kriesel

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