Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Gerhard Kurt Müller und das Zeitgeschehen
Nachrichten Kultur Kultur Regional Gerhard Kurt Müller und das Zeitgeschehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:47 11.09.2018
Gerhard Kurt Müller in seinem Atelier. Quelle: André Kempner
Leipzig

Seine Bilder sind von beklemmender Aktualität. Das zeigt sich derzeit im Lindenau-Museum Altenburg besonders an einem Stoff, der Gerhard Kurt Müller (91) zu immer neuen Variationen reizt: König Ubu. Das absurde Drama von Alfred Jarry hatte 1896 das Potenzial für einen handfesten Theaterskandal.

Seine Figurenkonstellation klopft Müller seit vier Jahrzehnten ab auf ihre Tauglichkeit zur Entlarvung von Machtmissbrauch, Gewalt und Versuchung. Er präsentiert den Thronräuber in geistiger Beschränktheit, ein feiger Fettbauch mit rabiaten Spießgesellen, zeigt die Verführten, die in der Anonymität der Masse Würde und Gesicht verlieren.

In Müllers Bildsprache werden Menschen zu Chiffren, die sich uniformiert mit spitzen Kappen und Gasmasken in kantig-aggressivem Formengerüst behaupten. Als hirnlose Anhänger der Tyrannei lassen sie sich als hohles Sprachrohr ebenso benutzen wie als stumpfsinnige Kampfmaschinen.

Dieser Chiffrierung unterliegen die Figuren in der Namenlosigkeit der Menge, in den Schrecken einer mörderischen Schlacht oder in der Besessenheit einer triebhaften erotischen Begegnung. Ineinander verschränkte scharfkantige Strukturen assoziieren Gewalt, Bedrängnis und Ausweglosigkeit für die Opfer.

„Ich 1931“ (1979, Öl auf Hartfaser 86,5 x 70 cm). Quelle: Gerhard Kurt Müller / Lindenau-Museum

Mehrere Bilder dominiert auch die Figur des Trommlers, Mahner wie Verführer, in der Müller zum perfekten Ausdruck vollkommener Ekstase findet. In der Auseinandersetzung mit der klassischen Moderne schafft der Künstler in analytischem Tiefgang monumentale Großformate. Mit Werken wie Rue Ramponneau, dem aussichtslosen Kampf um die letzte Barrikade der Pariser Kommunarden, und dem Hamburger Aufstand, Würdigung einer gescheiterten Revolte, die ein Aufbruchsignal in ganz Europa setzen sollte, stieß er in den 60er/70er Jahren in die Phalanx der Erneuerer des Historienbildes vor.

Die Ausstellung in Altenburg vereint in Malerei, Plastik und Zeichnung Schlüsselwerke aus fünf Jahrzehnten. Müller ist sich nach den postimpressionistischen Anklängen seiner Akademiezeit mit statuarisch modellierten Gestalten stilistisch weitgehend treu geblieben. Seine Figuren beherrschen den Bildraum und werden mit den Jahren immer mehr auf Wesentliches reduziert, gleichnishaft und zeitlich unverortet, in einem Raum, der an Tiefe verliert.

Trauer, Leid, aber immer auch Würde

Die Differenzierung der Farbtöne wird zurückgedrängt, warmes Kolorit weicht metallischer Kälte, in der Rot aufflammt oder Violett Ambivalenzen nährt. Zuwendung zur Plastik ist bei dieser Formensprache keine Überraschung. In seinen Holzskulpturen macht Müller Trauer, Leid, aber immer auch Würde, innere Kraft, Verletzlichkeit und Verlassenheit des Menschen sichtbar. In der Monumentalität und Geschlossenheit seiner Werke entfaltete er seit 1973 ein beeindruckendes bildhauerisches Schaffen, das von Barlach beflügelt und von tiefem Humanismus geprägt ist.

Müller, Jahrgang 1926, trägt das Stigma des Davongekommenen. Er überstand im zweiten Weltkrieg die Kesselschlacht von Falaise und wurde zum überzeugten Pazifisten. Bereits in den 70er Jahren setzte er sich in einem Holzschnittzyklus mit Henry Barbusses Roman „Das Feuer“ auseinander.

In der Folge Le Grande Guerre, die in Altenburg gezeigt wird, verdichten 44 Blätter mit Feder, Ölpastell und Aquarell die entsetzlichen Bilder des Krieges noch konsequenter, gehen mit Ausweglosigkeit und Finsternis unter die Haut: ein Lebender, einsam zwischen Bergen Gefallener, Fliehende, die sich mühselig dahinschleppen unter der Last des Erlebten, die Erde, vergewaltigt vom brutalen Netz der Schützengräben, die hunderttausenden zum Grab wurden.

Reibung mit aktuellem Zeitgeschehen

An der Leipziger Akademie empfing Müller bei Elisabeth Voigt, einer Kollwitz- und Hofer-Schülerin, prägende Impulse. Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke waren damals seine Kommilitonen. Gemeinsam mit Heisig sollte Müller später in den bewegten 60er Jahren die Hochschule als Rektor entscheidend mitgestalten. Das Lehramt freilich gab er 1968 auf. Seither arbeitet Müller freischaffend in Leipzig. Er war der Stadt durch sein Atelier im Täubchenweg auch in den Jahren verbunden, als er mit seiner Familie in Posterstein und Friedersdorf bei Erfurt lebte.

In vielschichtigen Kompositionen artikuliert der Künstler auf allegorischer Ebene seine Reibung mit aktuellem Zeitgeschehen. So reiht er sich mit einer höchst unverwechselbaren Stimme unter die bemerkenswertesten Vertreter der Leipziger Schule. Die klug konzipierte Schau in Altenburg rückt facettenreich das Lebenswerk eines Künstlers in den Fokus, der als Mahner wie in einem Menetekel in Bildern, Skulpturen und Grafiken den verwundbaren und von sich selbst entfremdeten Menschen zeigt.

Gerhard Kurt Müller, Maler/ Bildhauer/Zeichner: bis 7. Oktober, geöffnet Di–Fr 12–18 Uhr, Sa, So und feiertags 10–18 Uhr; Lindenau-Museum Altenburg, Gabelentzstraße 5

Von Ingrid Leps

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Von einem „süßen Geschenk“ spricht Petr Borkovec. Und einem interessanten Schlafrhythmus. Am Montag hat sich der tschechische Schriftsteller in Leipzig vorgestellt, Tschechien wird Gastland der Leipziger Buchmesse, dazu gehört ein Residenzprogramm für Autoren.

10.09.2018

Das Gewandhausorchester Leipzig und die Staatskapelle Dresden geben gemeinsame Konzerte für ein friedliches Miteinander.

10.09.2018

Der Geräuschpegel vor Konzertbeginn war ungewohnt hoch. Dann bildete Gustav Mahlers monumentale dritte Sinfonie den Höhepunkt der Leipziger Boston-Woche, die vom 31. August bis 9. September gleichzeitig Auftakt der neuen Spielzeit des Gewandhauses war. Am Ende brodelte der Saal.

10.09.2018