Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Gespenstisches Konzert von Cindy Wilson in der Moritzbastei
Nachrichten Kultur Kultur Regional Gespenstisches Konzert von Cindy Wilson in der Moritzbastei
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:30 08.03.2018
Bei den B-52s war sie für ihre Bienenstock-Frisur bekannt, jetzt trägt sie ein Katzenmützchen: Cindy Wilson mit Schlagzeuger Lemuel Hayes in der Moritzbastei. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Man hatte es beinahe schon vergessen, dass die Moritzbastei eine alte Festung ist. Und so stolpert man also nichts ahnend am Sonntagabend aus der kalten Dunkelheit wie gewohnt die Treppen hinab. Aber unten ist keine Menschenseele. Die Garderobe ist verrammelt, die Bar zappenduster. Kein Kellner, kein Koch, nur Schmalhans Küchenmeister bei der Beleuchtung. Tische und Stühle tun furchtlos im Jahrhunderte alten Gemäuer, können das Gefühl aber nicht vertreiben, dass man hier in einer alten Burg rumschleicht. Wer weiß, ob’s hier spukt!

Und das tut es tatsächlich, denn in der Tonne ist er zu sehen und zu hören: DER GEIST DER 80ER! Eine deutsch-englische Armee dreier Ritter (Knight$) beschwört ihn herauf – erst nur mit Synthesizer und Drumbeat, dann auch mit glänzendem Ledersakko und Vokuhila. Alles an dieser Band ist Klischee: die Beats, die Synthies, die Refrains – vor allem aber Sänger James Knight. Obwohl auch im schönsten Diskonebel deutlich zu sehen ist, dass nur knapp 30 Leute im Publikum sind, holt Knight die großen Gesten für die großen Hallen raus, vom Mikroständerwirbel zum Fuß-auf-der-Box zur Faust-in-die-Luft zum Einknickenden-X-Bein zum starren-Blick-ins-Publikum (nur echt mit verspiegelter Sonnenbrille) zum Klatsch-Animator. Selbst das selten gesehene, wirkmächtige versteckte-Gesicht-in-Armbeuge bringt er! Und überhaupt, man glaubt, jeden dieser neuen Songs schon zu kennen: hier ein bisschen „Love is a Shield“, da eine Prise Pet Shop Boys (vor allem in „Alligator“). Passend dazu beendet Knight$ den Auftritt mit einem Cover von „Heart“. Es klingt, als ob Dave Gahan den Pet-Shop-Boys-Song singen würde, also großartig.

Magnetfeld und so

Großartig, gut gekleidet und irgendwie geisterhaft geht es auch mit der Hauptband weiter, „der neuen“ von Cindy Wilson. Die Sängerin der B-52s hat mit 60 Jahren ihr erstes „Solo“-Album aufgenommen, es „Change“ genannt und sich neuer-Lebensabschnitt-mäßig auch gleich von ihrer phänomenalen Frisur verabschiedet. Statt des prächtigen Bienenstocks trägt sie nun ein Mützchen mit Katzenohren auf dem Kopf, dazu eine glitzernde Sonnenbrille.

Als ob einem diese Erscheinung nicht schon genügen würde, greift Wilson sofort übers gespenstischste aller Musikinstrumente: das Theremin, einziges Instrument, das Töne von sich gibt, ohne dass man es berührt (Magnetfeld und so). Frau Wilson wedelt also mit der Hand, und das Theremin macht woa-woa. Wundervoll, diese moderne Technik. Wilson singt oft im Chor mit Ryan Monahan (auch Gitarre) und Rhees Williams (auch Bass und Synthesizer). Das ausladende Spiel von Schlagzeuger Lemuel Hayes und Wilsons Katzenohren wetteifern um die schönsten Schlagschatten auf der Leinwand hinter der Bühne, wo mal Wilsons Gesicht durch eine Art James-Bond-Vorspann irrlichtert, mal das Plattencover von Talk Talks „The Party’s Over“ wiederbelebt wird.

Nach den B-52s klingt Wilsons eher düsterer Elektropop nur in „Take My Time“, aber wer braucht schon ’ne Nebenband, die wie die Hauptband klingt? Eben. Wilson dreht ihren sphärischen Gesang am Chaospad Richtung Weltraum, während ihre Kollegen mit trockenem Punkrock und wabernder Psychedelia dagegen halten. Besonders in der Mitte des Konzerts folgt mit „Mystic“, „Frenzy“, „On The Inside“ und „Brother“ ein potenzieller Indie-Hit auf den nächsten, und man hofft, Cindy Wilson habe hinter der Sonnenbrille keine Träne in den Augen, weil der Saal so lächerlich leer ist. Denn eine Sternstunde ist das hier zwar nicht, aber abgespacet auf jeden Fall.

Von Benjamin Heine

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Den Song „Love Shack“ aus dem Jahr 1989 kennt praktisch jeder. Die B-52s, die ihn 1989 fabrizierten, gibt es noch. Sängerin Cindy Wilson startet im zarten Alter von 61 nun aber eine Solo-Karriere – die sie am Sonntag in die Leipziger Moritzbastei führt.

08.03.2018

„Siegfrieds Tod“ samt Trauermarsch von Richard Wagner, Bernd Aois Zimmermanns schillerndes Trompetenkonzert „Nowbody knows de trouble I see“ und Dmitri Schostakowitschs ausladende Achte i den Großen Concerten des Gewandhausorchesters. Am Pult: Der frischgebackene Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Solist an der Trompete war Håkan Hardenberger.

19.03.2018

„Kein Platz für rassistische und nationalistische Hetze“ auf der Leipziger Buchmesse. So hatte die Linksfraktion ihre Initiative für ein Messe-Verbot rechter Verlage überschrieben. Der Stadtrat lehnte ab. Tenor: Demokratie muss das aushalten.

07.03.2018
Anzeige