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Kultur Regional Gewandhaus eröffnet seine Saison mit dem Ausnahme-Cellisten Yo-Yo Ma
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22:01 29.08.2018
„Kultur ist essenziell für den Aufbau einer starken Gemeinschaft“: Der Cellist Yo-Yo Ma im Januar bei einem Konzert in der Dresdner Frauenkirche. Quelle: Oliver Killig
Leipzig

Mit Gewandhausdirektor Andreas Schulz lässt sich trefflich über Musik und die Welt reden. Wenn er jetzt detailliert über Straßenbahnverbindungen Auskunft gibt, ist das eher ungewöhnlich. Es kann also eigentlich nur um Konzerte gehen. Der Gewandhauschor singt am Samstag um 15 Uhr zur Eröffnung des Gewandhaustages vor der Alten Handelsbörse, teilt sich anschließend in drei Gruppen, die jeweils ab etwa 16 Uhr von den Haltestellen Gottschedstraße, Goerdelerring und Wilhelm-Leuschner-Platz mit der Straßenbahn zur Einertstraße fahren und von dort zu ihrem Auftritt im Stadtteilpark Rabet im Leipziger Osten gehen, wo ein neues Projekt des Gewandhauses beginnt und das Festival „Ostlichter“ eröffnet wird. Während der Fahrt wird gesungen. „Wir hoffen, dass das für alle Mitfahrenden eine schöne Überraschung sein wird“, sagt Schulz.

Am Augustusplatz beginnt die Reise bereits am Freitagabend, wenn Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons zur Saisoneröffnung Dmitri Schostakowitschs 1. Cellokonzert und die „Three Meditations“ aus Leonard Bernsteins „Mass“ dirigiert. Das Cello spielt mit dem US-amerikanischen Weltbürger Yo-Yo Ma ein Ausnahmekünstler. Außerdem auf dem Programm stehen Sean Shepherds „Express Abstractionism“ als europäische Erstaufführung und Béla Bartóks Konzert für Orchester. Das Konzert ist ausverkauft.

Der 62-jährige Cellist mit französisch-chinesischen Wurzeln ist die prägende Persönlichkeit einer Saisoneröffnung, die der Gewandhausdirektor als „Powerpaket“ bezeichnet. Am Sonntag um 18 Uhr spielt er in der Nikolaikirche sämtliche Cellosuiten von Johann Sebastian Bach. Es ist das erste Konzert im Rahmen seiner 36 Stationen umfassenden Tournee „The Bach Project – Discovering the culture of us“ in Europa, und es gibt noch Karten für 30 Euro an der Abendkasse.

Allein das ist schon ein großes Pensum für den in Boston lebenden Künstler. Aber vor etwa zwei Wochen fragte sein Büro, ob man zum Thema Musik als völkerverständigendes Element weitere Veranstaltungen kreieren könne. Das Ergebnis ist unter anderem eine Podiumsdiskussion, am Samstag um 11 Uhr im Mendelssohnsaal (Eintritt frei), an der neben Yo-Yo Ma Oliver Decker (Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Uni Leipzig), Thabet Azzawi (Musiker der Banda Internationale Dresden) und Anna Kaleri (Autorin und Vorstand von „Lauter Leise e.V. Kunst und Demokratie in Sachsen“) teilnehmen. „Kultur als Brücke für ein Miteinander in Vielfalt?“ heißt das Thema. Eine Frage, die Yo-Yo Ma gleich selbst beantworten wird, wenn er zur musikalischen Umrahmung mit dem von der Stiftung Friedliche Revolution gegründeten interkulturellen Ensemble „Klänge der Hoffnung“ musiziert.

Yo-Yo Ma: „Die Kultur ist der Tisch.“

„Man sagt oft, dass die Kultur einen Platz am Tisch haben müsse. Ich glaube aber, dass die Kultur der Tisch IST“, sagte Yo-Yo Ma der LVZ. „Hier kommen wir zusammen. Die Verbindung und das gemeinsame Verständnis, das wir in der Kultur finden, sind die Grundlage für unsere besten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungen.“

Er spiele Bachs Suiten nun schon fast sechs Jahrzehnte, seine Musik sei ihm die ganze Zeit ein Freund gewesen, sie habe ihm Trost in schwierigen Zeiten gegeben, Freude wenn gefeiert wurde, und Führung im Angesicht von Verwirrung, sagte der Musiker weiter. „Für mich ist diese Musik ein Beispiel dafür, wie uns Kultur helfen kann, uns eine bessere Zukunft vorzustellen und sie zu gestalten. Es ist ein Privileg, diese Musik in der Stadt zu spielen, die Bach sein Zuhause nannte, und ehrfurchtgebietend, das in der Kirche zu tun, die nicht nur eine tiefe Verbindung mit dem Komponisten hat, sondern auch für Hoffnung und friedliches Handeln steht.“ Er hoffe, „dass uns das Gespräch am Samstag im Gewandhaus und der Auftritt am Sonntag in der Nikolaikirche angesichts wachsender Spaltung daran erinnern können, dass die Kultur essenziell für den Aufbau einer starken Gemeinschaft ist. Und dass jeder von uns eine Verantwortung dafür hat, mit ihrer Hilfe gesunde Gemeinschaften und eine starke soziale Struktur zu unterstützen.“

Der unter anderem mit 15 Grammys ausgezeichnete Yo-Yo Ma war zuletzt in der Saison 98/99 im Gewandhaus. „Als wir dem Management erzählten, dass wir auch das Stadtteilprojekt im Rabet eröffnen, sagte er, da komme er mit und spiele auch. Also haben wir unser Programm ein bisschen umgestrickt“, erzählt Andreas Schulz. Er wolle nicht nur aus einer der Cellosuiten ein oder zwei Sätze spielen, sondern auch mit den Leuten im Park ins Gespräch kommen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Ereignisse in Chemnitz, betont Schulz: „Ich bin sehr froh, dass mit ihm jetzt ein Weltbürger und eine musikalische Autorität wie er hier ist und auch eigene Impulse einbringt. Schöner geht es ja gar nicht. Und ich hoffe, es hat auch eine Wirkung nach außen, dass die Menschen etwas mitnehmen von seiner Sicht auf die Dinge.“

Eröffnungskonzert ist gleichzeitig Auftakt für die zweite Bostonwoche

Das morgige Eröffnungskonzert ist gleichzeitig Auftakt für die zweite Bostonwoche, an deren Ende Andris Nelsons dann am 8. September sein zweites Orchester, das Boston Symphony Orchestra, mit Mahlers 3. Sinfonie dirigiert. Für das Konzert gibt es noch Karten. Das Boston Symphony tourt gerade mit Mahler, gastiert unter anderem in Berlin, Luzern und Salzburg – mit dem Leipziger Gewandhauschor. Ebenso wie die bei der Eröffnung gespielte Aufführung von Sean Shepards „Express Abstractionism“, ein Aufragswerk aus Leipzig und Boston, sei das ist „ein Paradebeispiel für die tolle Kooperation, die wir haben“, so Schulz.

Auf dem Programm der Bostonwoche stehen außerdem Kammermusik, Vorträge und Podiumsdiskussionen im Mendelssohn-Saal, die das legendäre Tanglewood Festival und den wohl berühmtesten Tanglewood-Absolventen Leonard Bernstein im Jahr seines 100. Geburtstags in den Fokus rücken. Für den Gewandhausdirektor ist das auch eine Herzensangelegenheit: „Darauf freue ich mich ganz besonders, weil ich in meinem vorherigen Job beim Schleswig-Holstein-Musikfestival die Freude hatte, mit Leonard Bernstein zusammenzuarbeiten. Das waren für mich sehr eindrückliche Erlebnisse. Er war ein grandioser Musiker, ein wunderbarer Mensch mit einer unbeschreiblichen Aura.“

Von Jürgen Kleindienst

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