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Kultur Regional Goldener Reiter im Leipziger Gewandhaus
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15:39 08.10.2018
Joachim Witt (69) beim Klassiktreffen am Sonntag im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es scheint zunächst kein unüblicher Abend am Sonntag im ausverkauften Gewandhaus zu Leipzig. Das Publikum hat sich festlich gekleidet, Schwarz dominiert. Der Altersdurchschnitt dürfte den Mittelwert des Hauses kaum unterschreiten: Gothic ist längst keine Jugendkultur mehr. „Gothic Meets Klassik“, die Präsentation dunkler Popsongs durch ein großes Orchester, wird im siebenten Jahr von der „Philharmonie Leipzig“ begleitet.

Die Instrumentierung durch den bestechend motivierten 40-köpfigen Klangkörper ist opulent, doch der Verzicht auf poptypische elektronische Hilfsmittel reduziert die Songs ebenso wie die Stimmen auf ihren eigentlichen Gehalt. Der eröffnende Daniel Schulz, Sänger von „Unzucht“, stößt dabei einige Male an seine vokalen Grenzen.

Was umso mehr auffällt, als danach Adrian Hates von „Diary of Dreams“ die Bühne betritt und mit seinem sonoren Organ vom ersten Ton an die Konstellation beherrscht. Die meist recht flotten Stücke seiner Band sind sämtlich zu getragenen Balladen umarrangiert. Viel Raum für das Orchester, eigene Akzente zu setzen. Stücke wie „Grau im Licht“ oder „The Color Of Grey“ (die Grundstimmung wird deutlich ...) erreichen tatsächlich die Dimension romantischer Großsinfonik. Standing Ovations vor der Pause.

Joachim Witt, einst böser Bube der Neuen Deutschen Welle (NDW), heute Nestor des deutschen Goth, verfügt nicht über eine im eigentlichen Sinne schöne Stimme. Seine Stärke ist der rauchig-dunkle Sprechgesang. Mit weißem Rauschebart scheint er die Titelfigur seines aktuellen Albums zu visualisieren: Rübezahl. Für seinen Part kommt zu den bis dahin schon überaus aktiven zwei Schlagwerkern ein dritter. Vokal lässt sich Witt durch einen achtköpfigen gemischten Chor dort stützen, wo seine Stimme in den theatralischen Chorusmomenten nicht mehr zur Gestaltung reicht.

So wird im Einklang mit dem Orchester jenes Pathos entfaltet, das seine Songs in der Regel atmen. Witt erstarrt dabei aber selbst nicht zur Pose, sondern bricht die weihevollen Momente mit ironischen Moderationen. Irgendwie souverän, wie er zwischen zwei Stücken, die in Vergänglichkeit und Weltenschmerz schwelgen, über seine schmerzenden Füße klagt und sich ermattet einen Hocker angelt.

Der Jubel ist groß. Er steigert sich zum Orkan, als Witt – keiner hatte das geahnt – seinen Kollegen Peter Heppner auf die Bühne bittet. Mit ihm landete er dereinst den Gruftschlager „Die Flut“. Den bringen sie in einer überzeugenden Breitwandfassung, gefolgt von einem gemeinsamen neuen Stück. „Was bleibt“ ist ein Lebens-Bilanz-Lied, wie sie sich bei Witt häufen. Der Mann geht schließlich auf die 70 zu.

Danach spielt er tatsächlich noch den „Goldenen Reiter“, mit dem für ihn vor 37 Jahren alles begann. Am Ende langer, begeisterter Jubel im Großen Saal, der deutlich hörbar nicht nur den Popstars, sondern auch dem Orchester gilt. Aber das ist ja auch üblich im Gewandhaus.

Von Lars Schmidt

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