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12:10 04.07.2018
Ist längst ein Einheitsdenkmal: der Wilhelm-Leuschner-Platz mit S-Bahn-Anschluss (l.), Rathaus (r.) und Propsteikirche St. Trinitatis (Mitte). Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Wenn es ein Maskottchen für die Deutsche Einheit gäbe, wäre alles einfacher. Das könnte man auf T-Shirts drucken wie „Che Guevara“, man könnte es im Mauermuseum am Checkpoint Charlie verkaufen, Kindern spielerisch den Kalten Krieg vermitteln und auch dessen Ende.

Zwei Figuren hätten glatt das Zeug dazu gehabt: das Ampelmännchen und das Sandmännchen. Sie standen aber nur für den Osten allein. Schlimmer noch: für den schöneren Osten, denn über den Niedlichkeitsfaktor der Männchen im Westen sollte besser der Mantel des Schweigens fallen.

Doch zurück zum Mantel der Geschichte, der 1990 „durch den Raum und Kohl um die Schultern“ (Rudolf Seiters) wehte. Zwei Sätze gibt es, die mit vielen Leerstellen exemplarisch-symbolisch für die Deutsche Einheit stehen. Der erste endet nicht, dem zweiten fehlt die Mitte: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise?...“ – so Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 in Prag. Und: „Das tritt nach meiner Kenntnis?...?ist das sofort, unverzüglich.“ – Günter Schabowski, Sekretär des ZK der SED für Informationswesen, am 9. November 1989. Willy Brandts berühmte Worte, dass zusammengefügt werden müsse, was zusammen gehöre, stammen von 1958, er hat sie ’89 variiert und ergänzt.

Das alles liegt bald 30 Jahre zurück, und noch immer fehlt in den beiden entscheidend am Mauerfall beteiligten Städten Leipzig (Widerstand) und Berlin (Schabowski) ein Freiheits- und Einheitsdenkmal. Das könnte daran liegen, dass Denkmäler oft für etwas Abgeschlossenes stehen. Es liegt aber daran, dass man sich nicht einigen kann.

„Schlag ins Gesicht“

In der Hauptstadt ist – wie 1990 schon – der Umgang mit der Einheit ein Politikum, bei dem es vor allem ums Geld geht. 1998 wurde eine Initiative für das Denkmal auf den Weg gebracht, 2000 hat der Bundestag davon erfahren und sich 2007 dafür ausgesprochen. 2009 wurde ein Wettbewerb ausgelobt, dann noch einer, 2015 die Baugenehmigung erteilt. Viele Anhörungen später kam in der vergangenen Woche erneut der Haushaltsausschuss zusammen und hat, ums kurz zu machen, auf Drängen der SPD die 17,1 Millionen Euro für den Baubeginn nicht wie geplant freigegeben.

Das 3000 Quadratmeter große Grundstück soll 325 000 Euro kosten. In bester Schloss-Lage. Dafür gibt’s im Prenzlauer Berg nicht mal getrennte Schlafzimmer. Einen „kulturpolitischen Skandal“ erkannten Bündnis?90/Die Grünen, SPD-Haushaltexperte Johannes Kahrs spiele „mit den Gefühlen der Menschen, die 1989 friedlich demonstriert haben“. Einen „Schlag ins Gesicht der mutigen Menschen“ sah die CDU/CSU-Bundestagsfraktion vor wenigen Tagen. Als man noch gemeinsam klare Bilder sah.

Mehr Symbolik geht nicht

In Leipzig geht es, wenn’s ums Denkmal geht, vor allem ums Prinzip. Hier ist das Verfahren schon 2014 gescheitert und die Idee einer Erinnerungsstätte auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz zu den Anwalts-Akten gelegt. Dabei taugt diese Brache längst zum Sinnbild der Einheit: unter den Augen der Ratsherren auf der protestantischen und des Herrn selbst auf der katholischen Seite des Martin-Luther-Rings sowie mit S-Bahn-Anschluss in die grenzenlose Welt.

Das Gelände bietet Platz für alle, die das Volk sind zwischen Bratwurst und Bier und mit einer Bibliothek im Rücken. Der Bowlingtreff steht als verrottender DDR-Stolz sogar unter Denkmalschutz. Manch Zugezogener brüstet sich heute damit, dort in den ersten Aufbauhelferjahren noch eine Kugel geschoben und die Buschzulage für Rotkäppchen-Sekt verjubelt zu haben. Mehr Symbolik geht nicht.

Über den Leuschner-Platz ist Gras gewachsen. Wohin also mit einer Erinnerung zum Anfassen, zum Hingehen – so wie man auf einen Friedhof geht: halb ist es Liebe, halb Verpflichtung. Nicht immer „wirkungsgleich“ (Horst Seehofer). Die Stiftung Friedliche Revolution wollte es genauer wissen und hat eine Umfrage in Auftrag gegeben.

Dabei kam heraus, dass 79 Prozent der Leipziger und 81 Prozent der Bevölkerung in Ostdeutschland „ein Freiheits- und Einheitsdenkmal für die Bundesrepublik am Standort Leipzig“ als eine „eher gute/gute Idee“ wahrnehmen. Das können 56?Prozent der Leipziger nicht nachvollziehen – was allerdings nicht wissenschaftlich erhoben ist, sondern ein Gefühl.

Jedenfalls soll bei diesem neuen Anlauf die Bürgerschaft, oder wie es jetzt heißt: die Stadtgesellschaft mitreden dürfen. Jene „mutigen Menschen“, die in Berlin den „Schlag ins Gesicht“ bekommen haben, mit deren Gefühlen dort gespielt wird. Die allerdings auch sagen, es gebe wichtigere Ausgaben und Herausforderungen als ein Denkmal – laut Umfrage 48?Prozent der Leipziger, 44?Prozent bundesweit.

Geteiltes Leid

Bund und Freistaat haben zugesagt, das Denkmal zu finanzieren, was bislang rund 6,5 Millionen Euro entspricht. Dafür geht beim ebenfalls längerfristig angelegten Bauvorhaben Hauptstadtflughafen zwar nicht mal eine Schiebetür auf, aber: Jemand hat die Absicht, ein Denkmal zu bauen. Weil es sich „wie in Berlin auch in Leipzig um ein Denkmal für die gesamte Republik handelt“, das errichtet werden soll, um den „Freiheitswillen der ostdeutschen und Leipziger Bevölkerung zu würdigen“, muss es, wie die Stiftung Friedliche Revolution schreibt, „in Westdeutschland noch bekannter gemacht werden“, ist „noch eine ganze Menge Erklärungsarbeit nötig“.

Nach fast 30 Jahren. An Orten wie Düsseldorf zum Beispiel, wo im kommenden Jahr DDR-Kunst gezeigt wird. „Ich finde es erstaunlich, dass wir seit 1989 das erste Kunstmuseum in den alten Bundesländern sind, welches sich in einer Überblicksausstellung mit der Kunst aus der DDR auseinandersetzt“, sagt Museumschef Felix Krämer. „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke war am Wochenende bei der Jahrestagung des Netzwerks Recherche mit dem Eingeständnis zu vernehmen: „Ostdeutschland ist bei und zu oft nur das, was schief geht.“ Ein Denkmal hier wird daran dort nichts ändern.

Immerhin kommt es einer Erinnerungskultur schon nahe, dass die Sätze von Genscher und Schabowski zu geflügelten Worten geworden sind und zum Zitatenschatz der Satiriker gehören wie der Hammer zum Zirkel. Zuletzt wurden sie dieser Tage Horst Seehofer in den Mund gelegt. Dass Deutschland zusammen lacht, kann zur Linderung eines gemeinsamen Leidens beitragen. Das Denkmal hat noch Zeit.

Von Janina Fleischer

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