Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Grübeln, ohne zu jammern: Neue Platte von Lizard Pool
Nachrichten Kultur Kultur Regional Grübeln, ohne zu jammern: Neue Platte von Lizard Pool
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:02 03.05.2018
Lizard Pool: Mika Wagner, Vincent Oley und Shiva (von links). Quelle: Hammermännchen
Leipzig

„Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.“ Sagte mal ein Philosoph. Lizard Pool aus Leipzig scheinen auch auf ihrem zweiten Album „Spark“ vergleichsweise rasch einzuordnen: Die rocktechnische Minimalbesetzung aus Vincent Oley (Gitarre, Gesang), Mika Wagner (Schlagzeug) und Shiva am Bass produziert klar strukturierte Songs. Transparent, aber nicht simpel.

Der Bass tritt vor in die Front, aus der Rolle des puren Rhythmusgebers heraus und drückt alles mit ruhelos-zwingenden Melodienschleifen nach vorn. Die Gitarre legt andere Loops darauf: Zarte, filigrane, manchmal tranceauslösende Harmonien in Moll. Der warme Gesang verzichtet ganz auf expressive Ausbrüche und artifizielle Schnörkel. Alles scheint ein wenig in einem dunkel eingefärbten, melancholisch-sehnsuchtsvollem Nichts zu schweben. Es grübelt, aber es jammert nicht: Post Punk. Eigentlich ist dieses Label längst sinnlos geworden, denn jene, die vor 30 Jahren als erste damit etikettiert wurden (wer Post Punk sagt, meint Joy Division), sahen sich gewiss nicht als Nachfolger einer gewesenen Revolte.

Ein Stück von dieser steckt durchaus auch in diesem Album drin, aber im Vordergrund steht die Frage nach dem Sinn von all dem hektischen Gewusel ringsumher. Lizard Pool haben im Buch der Gesichter in die Spalte „Genre“ einfach „Weltschmerz & Rebellion“ eingetragen: Passt!

Das Eingangszitat stammt übrigens von Albert Camus, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts seine Philosophie des Absurden entwickelte. „Das Leben verlieren ist keine große Sache …“ sagt Camus, „… aber zu sehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich“. Die Songs von Lizard Pool und der Duktus ihrer Texte muten manchmal wie eine Vertonung dieser Zeilen an.

Spuren in der Leipziger Szene

Zuviel hineingedeutet, am Ende ist es ja doch bloß Rock ’n’ Roll? Mag sein, aber ein Blick auf das Cover sei noch gestattet: eine sehr alte Darstellung von rätselhafter Vieldeutigkeit. Eine Anspielung auf den Bandnamen? Unterwerfen sich diese Menschen einer Reinigung, einer Katharsis, einer Taufe? Oder wurden sie ins Wasser geworfen, kämpfen um ihr Leben? Es steckt wohl alles drin in diesem Blatt des Meisters Guy Marchant aus dem Jahre 1493. Es heißt: „Die Bestrafung der Missgünstigen“.

Viel Stoff für Reflexionen. Auch die Musik ist offen nach vielen Seiten. Sie bezaubert mit hinreißender Hoffnungslosigkeit („Death Of A Soul-Plumber“), kann aber auch erfrischend diesseitig klingen („Wave Of Joy“). Sie setzt auf zielsicher platzierte Elektronika („Expired Identity“) und sackt manchmal mit bitterbösen Drone-Sounds in tiefste Tiefen („Cold Hands“, „Staircase Balcony“). Gelegentlich wird die Klampfe in einen handelsüblichen Verzerrer geklinkt, dann umschmeichelt uns plötzlich samtwarm-trauriger Gothrock („Extra Mile“).

Die drei Musiker haben schon anderswo in der vitalen Leipziger Szene Spuren hinterlassen. Nicht nur mit dem Vorgängeralbum „She Took The Colours“ aus dem Jahr 2014, mit dem sie ihre Unternehmung, die ursprünglich als Nebenprojekt der Band ZIN angefangen hatte, verselbstständigten. Gitarrist Vincent und Drummer Mika spielten lange bei ZIN, die mal als große Dunkel-Glam-Hoffnung galten und noch heute aktiv sind. Basser Shiva trommelte die „Die Art“ und Wissmut, Freunde des Düsterklangs schätzen sein Soloprojekt „Die Kaelte“.

Lizard-Pool-Sänger Vincent Oley ist übrigens Sohn der Indie-Legende Makarios, von vielen vergöttert als Sänger der erwähnten Kult-Post-Punks „Die Art“. Vincent möchte das ungern und wenn, dann sehr sparsam thematisiert wissen. Musikalisch indes scheint es ungemein folgerichtig. Egal. Diese Musik ist nicht da, zerredet zu werden, sie will ihre sinnliche Wirkung in den Seelen entfalten. Albert Camus würde sie lieben. Und uns versichern: Wir müssen uns Lizard Pool als glückliche Menschen vorstellen.

Konzert von Lizard Pool, davor Timm Völker, Donnerstag, 20.30 Uhr, Noch Besser Leben, Merseburger Straße 25, Eintritt Hutspende. Hier gibt’s noch nicht das Album zu kaufen, aber viele Stücke daraus zu hören.

Von Lars Schmidt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Naunhof und Berlin produziert und bald auf dem Markt: Ab dem 11. Mai liegt die neue Scheibe der Leipziger Band Karussell im Handel. Sie heißt „Erdenwind“ und bietet eine Mischung verschiedener Musikstile.

02.05.2018

Seine „Dresdner Rede“ begann er mit dem Geständnis einer „gewissen Beklemmung“, bevor er auf Sprache und Gewalt einging. Diese und andere Reden und Essays des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers Lukas Bärfuss sind im Band „Krieg und Liebe“ versammelt. Eine so angenehme wie anregende Lektüre.

02.05.2018

Die deutsche Rock-Pop Band Revolverheld hat am ersten Mai zur Veröffentlichung ihres neuen Albums „Zimmer mit Blick“ im ausverkauften Werk II in Leipzig gespielt. Wir haben die Bilder.

01.05.2018