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Gundermann-Gänsehaut: Die Seilschaft mit Christian Haase in der Alten Börse

Konzert Gundermann-Gänsehaut: Die Seilschaft mit Christian Haase in der Alten Börse

Gerhard Gundermann hat zwischen 1988 und seinem Sterbejahr 1998 eine Hand voll wunderbarer Alben veröffentlicht. Seine alte Band, „Die Seilschaft“, bringt das Oeuvre mit Sänger Christian Haase in zwei Konzerten in Leipzigs Alter Handelsbörse wieder auf die Bühne.

Alte Seilschaft und junger Seelenverwandter: Mario Ferraro, Michael Nass, Christian Haase, Andy Wieczorek, Tina Powileit und Christoph Frenz in Leipzigs Alter Handelsbörse.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Der Anker in der Börse: Seit in Mockau für etliche Millionen Leipzigs Elsterphilharmonie entsteht, bemüht sich das Anker-Team mit bewundernswerter Energie, seinen guten Ruf durch Veranstaltungen in anderen Locations lebendig zu halten. Die historische Handelsbörse im Zentrum ist für Popmusik nicht bekannt, weil eigentlich dafür ungeeignet. An zwei ausverkauften Abenden (der Saal fasst nur 200 Leute) trat hier am Sonntag trotzdem „Die Seilschaft“ auf. Am Montagabend findet ein zweites Konzert statt.

Es ist die Band des Rock-Liedermachers Gerhard Gundermann aus Hoyerswerda. Der hat zwischen 1988 und seinem Sterbejahr 1998 eine Handvoll wunderbarer Alben veröffentlicht und kurz vor seinem Tod bei seinen Konzerten im Osten überall um die 1000 Leute gehabt. Im Westen keinen. Inzwischen ist er schon sehr viel länger tot, als seine Karriere währte. Seine Lieder aber sind zeitlos.

Gundermann hat Songs über die Lausitz gemacht. „Engel über dem Revier“ oder „Und musst du weinen“ beschreiben eine Region, in der die meisten von der Kohle lebten. Eine Lebenswelt im Vergehen. Unglaublich melancholisch kann er klingen, aber nie weinerlich. Gundermann war Baggerfahrer im Tagebau. Auch, als er längst mit Musik gut verdiente, bestand er darauf, weiterhin „richtig zu arbeiten“, weil er, wie er selber sagte, seine Kunst nicht für Brot machen wollte. Das macht seine Texte so beispiellos authentisch. Er selbst hat mit dieser Überspannung der Kräfte seinen frühen Tod herbeigeführt.

Ein fast vergessener Rockabilly-Trick

Seine alte Seilschaft macht aus der Not des Veranstaltungsortes eine Tugend und spielt akustisch. Gundermann, der sich selber gern in der Tradition von Bruce Springsteen gesehen hat, wird hier zu dem Folk-Rocker, der er – eben wegen dieser Band – eigentlich immer war. Die Truppe ist auf jeder Position phantastisch besetzt. Kontra-Basser Christoph Frenz zaubert im furiosen Klezmer-Finale von „Wenn ich wär“ einen fast vergessenen Rockabilly-Trick hervor: Er steht auf dem Instrument, während er es spielt. Schlagzeugerin Tina Powileit braucht für ihr unglaublich energetisches Drumming eigentlich Hallen. An diesem Abend ist sie konsequent mit Besen und Schlegeln, also sehr zurückhaltend unterwegs.

Michael Nass, der sonst bei Bap die Tasten drückt, bedient gefühlig den Flügel, hängt sich aber, wenn der Folk es will, auch ein stimmungsvolles Akkordeon um. Gitarrist Mario Ferraro ist der Einzige, der sich gelegentlich eines im Unplugged-Modus eigentlich verpönten Effektgerätes bedient. Andreas „Andy“ Wieczorek bringt mit verschiedenen Saxophonen die entscheidenden Farbtupfer ins Spiel. Die Lieder selbst haben schon zu Lebzeiten des Meisters ihren Substanzcheck bestanden, er hat sie auch solo zur Wanderklampfe performt.

Entscheidenden Anteil an der Glaubwürdigkeit der Seilschaft hat Band-Youngster Christian Haase aus Leipzig. Viele haben sich versucht, aber keiner kam bisher dem Spirit und der Attitüde des singenden Baggerfahrers (den Haase nie erlebt hat) so nahe wie er. Wie das Vorbild erzählt er zwischen den Liedern gelegentlich witzig-kluge Geschichten. Die Schlüsselzeile in Gundis erstem Hit „Alle oder keiner!“, einem kongenialen Neil-Young-Cover: „Fernseher aus, Sternschnuppen an!“, vergeigt er zwar, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Spätestens nach seiner Soloperformance mit dem „Zweitbesten Sommer“ liegen sie ihm ohnehin zu Füßen. Und genießen diese ganz schwer zu beschreibende Gundermann-Gänsehaut: Wenn alle leise mitsingen und einander eins werden bei Stücken wie „Immer wieder wächst das Gras“ oder „Brunhilde“: „… und was sollte besser sein, als so ein Abend im Frieden …“

Von Lars Schmidt

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