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Kultur Regional Halle zeigt in Leipzig „Körpereinsatz“
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19:00 15.06.2018
„FilmStoff“ von Murat Haschu, zu sehen in der Ausstellung „Körpereinsatz " in der Kunsthalle der Sparkasse in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Im Vorraum stoßen die Besucher auf ein seltsames Objekt. Ist da eine Arbeit nicht fertig geworden, muss noch verhüllt werden? Doch die Hülle hat oben eine sorgfältig eingefasste Öffnung. Zum Vorschein kommt der Teil eines menschlichen, vermutlich weiblichen, Rückens. Bei dieser Verknappung des Ausschnitts durch die Bildhauerin Lucy König muss man genauer hinschauen, um zu erkennen, worum es geht.

Halle ist näher als gedacht. Für die Ausstellung „Körpereinsatz“ hat die Kunsthalle der Sparkasse Künstler der Burg Giebichenstein eingeladen, den Körper zu erkunden. Das Ergebnis ist nun in Leipzig zu sehen und zeigt die Nachbarstadt als Ort lebendigen Experimentierens.

„Körpereinsatz“ heißt die Ausstellung in der Kunsthalle der Sparkasse in Leipzig, von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle kommen die Künstler. Halle liegt gleich nebenan. Der Intensität des künstlerischen Austausches nach zu urteilen, scheint aber die dazwischen liegende Landesgrenze nur mit einem umständlich zu beantragenden Visum passierbar zu sein. Die Kunsthalle der Sparkasse, bisher auf Leipzig fokussiert, gelegentlich auch ganz Sachsen einbeziehend, macht nun einen wichtigen Schritt, die Nachbarn etwas besser kennenzulernen.

Eines ist die Ausstellung aber auf keinen Fall – ein Überblick über die Tätigkeit an der Burg Giebichenstein. 13 Lehrende und Absolventen wurden ausgewählt, die auf sehr verschiedene Weise mit dem Thema des menschlichen Körpers – es­sen­zi­ell in jeder künstlerischen Ausbildung – umgehen.

Ein Gestell aus Metallrohren sieht so aus, als hätten es die Handwerker vergessen. Doch für Stella Geppert ist es nur der Rahmen ihrer performativen „Hieroglyphendecke“, es entstehen auf gespannten Papierbahnen filigrane Gespinste. Der Titel „Körpereinsatz“ kommt hier am deutlichsten zum Tragen.

Das wird noch

Als work in progress muss man auch Michaela Schweigers Serie von gerahmten Blättern ansehen. Alle tragen schon exakte geografische Positionsbestimmungen, doch nur auf drei Blättern stehen Texte, Menschen in alltäglichen Situationen in ihrer physischen Präsenz präzise beschreibend. Die weiteren sollen sich im Laufe der Ausstellung nach und nach füllen.

An der Hochschule passiert gerade ein Generationswechsel. Annähernd die Hälfte der Lehrkräfte geht in Rente, andere rücken nach. Zu den älteren, doch beliebten Professoren gehört Thomas Rug. Von ihm sind 40 „Cosmic Poeple of the Universe“ zu sehen. In kleinformatigen Aquarellen porträtiert er fiktive Charaktere skurril, aber mit Liebe zum Detail.

Einer der Nachrücker hingegen ist Claas Gutsche, seit zwei Jahren Assistent von Rug. Bei ihm besteht das Körperliche eher in der anstrengenden Arbeit, meterlange Streifen Japanpapier im Linoldruckverfahren in dichtem Schwarz so zu bedrucken, dass sie wie ein Vorhang wirken, aber von Nahem doch noch Differenzierungen erkennen lassen.

Ich und ich

An der Hochschule gibt es eine ganze Abteilung für Design, die Schmuckgestaltung allerdings ist der Kunst zugeordnet, darum in der Ausstellung präsent. Die Arbeiten von Hans Stofer, der von London nach Halle gekommen ist, sehen tatsächlich mehr wie zweckfreie Kreationen aus.

Sein Credo, dass alle Materialien wertvoll sind, kommt zum Beispiel in einer Kombination von Militärdecken mit Perlen zum Ausdruck. Auch den Objekten Sarah Schuschklebs sieht man nicht sofort den Schmuckcharakter an. Sie hat sich von Puppen inspirieren lassen und zeigt Serien, die mal minimalistische Köpfe sein können, mal ebenso reduzierte Silhouetten von Personen.

Räumlich besonders präsent sind die Holzskulpturen von Bruno Raetsch. Doch was haben sie mit dem Thema zu tun? „Ich mit mir selbst“ heißen sie. Für den Bildhauer ist in jedem Objekt eine menschliche Figur erkennbar. Gleich nebenan hat Anne Schneider mehrere biegsame Platten in die Yoga-Stellung des Sonnengrußes gebracht, transformiert so das Körperliche auf die Ebene der Analogie.

Flapsig, aber solide

Die Burg hat immer noch das Image, anständiges Handwerk zu vermitteln. Besonders deutlich wird das an den Holzschnitten von Paul Werner, bei denen es sich lohnt, ins Detail zu gehen. Doch auch die Zeichnungen von Jana Gunstheimer, die sie nach selbstgemachten Knetfiguren fertigt, sind bei aller Flapsigkeit in der Aussage solide.

Dass in der Hochschule aber Neues mit Tradiertem harmoniert, zeigen unter anderem die Beiträge von zwei Zugewanderten. Dem Koreaner Han Kim geht es in seinem Zweikanal-Video um die „Balance“, die nicht nur physisch zu verstehen ist. Und der aus der russischen Kaukasusregion stammende Murat Haschu kombiniert Zeichnungen auf textiler Tapete mit einem Animationsfilm, der die Konditionierbarkeit des Gehirns behandelt.

Die von Michaela Schweiger konzipierte und Olga Vostretsova kuratierte Ausstellung stellt die Burg als einen Ort lebendigen Experimentierens vor. Die Entfernung Leipzig – Halle scheint plötzlich um etliche Kilometer geschrumpft zu sein.

Körpereinsatz. Positionen Lehrender und Alumni der Burg Giebichenstein: bis 2. September, Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr; Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, Otto-Schill-Str. 4

Die traditionelle Jahresausstellung der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle trägt in diesem Jahr den Titel „Welchen Fehler braucht ein System?“. Am 14. und 15. Juli öffnen alle Standorte der Ateliers, Werkstätten und Seminarräume.

Von Jens Kassner

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