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Kultur Regional „Heißer Sommer“: Defa-Klassiker feiert Premiere als Musical
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Heißer Sommer“: Defa-Klassiker feiert Premiere als Musical
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08:00 24.07.2018
Szene aus "Heißer Sommer" Quelle: Dirk Rückschloß
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Ehrenfriedersdorf

Es sind Nachgeborene, weniger DDR-Zeitzeugen, die beim so lebenswahren Schlager „Männer, die noch keine sind“ oder der Titelmelodie beglückt mitsingen. Jetzt hat Intendant Ingolf Huhn vom Ernst-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz mit dem Defa-Musical „Heißer Sommer“ also nach der unverwüstlichen „Ronja Räubertochter“ wieder einen echten Knaller für die Festspiele im Naturtheater Greifensteine. Der Jubel nach der Premiere am Sonntag erreicht seinen Höhepunkt, als Chris Doerk, die vor genau 50 Jahren an der Seite von Frank Schöbel auf der Leinwand Stupsi war, auf die Bühne kommt, dem Ensemble gratuliert und im hellen Sonnenschein ihren ersten Auftritt mit „Wenn’s draußen wieder schneit“ heraufbeschwört.

Diesen Kick Richtung Regionaloffensive und Ostalgie hat „Heißer Sommer“ aber gar nicht nötig. Das ist überhaupt das Schönste, was man über dieses quietschlebendige Filmmusical sagen kann. Die Story von den 12 Jungs aus Karl-Marx-Stadt und den 13 Mädels aus Leipzig, die Richtung Ostsee toben und sich dort untereinander kräftig aufmischen, hat an den Greifensteinen einen so putzmunteren Drive, dass selbst Handicaps diese Ferien-Sause befeuern: Der etwas plärrige Sound aus den Boxen intensiviert das Strandfeeling, und vor allem tanzt, röhrt, ballert das Ensemble seine Songs und Texte, dass man die artistisch überdrehte Kameraführung des Defa-Kultfilms vergisst.

Ramponierter Kutter auf der malerischen Naturbühne

Das liegt sicher auch daran, dass neben Thomas Natschinski, der bei dieser Filmmusik 1968 erstmals mit seinem schon damals legendären Vater Gerd ins Rampenlicht der Unterhaltungsmusik trat, der seine Rockmusical-Karriere von der späten DDR in der Nachwendezeit aufmöbelnde Thomas Bürkholz und Textautor Axel Polke ausgewiesene Metier-Experten für die Bühnenfassung Hand anlegten. 2005 erlebte diese durch das Volkstheater Rostock ihre Erstaufführung am Originalschauplatz. Das 1968 von den DDR-Medien als seichte Beschäftigungstherapie für Jungmimen kritisierte Opus wurde der erfolgreichste Musikfilm der Defa und ist längst Kult. So geht das.

Ins Grübeln kommt man über den Schauplatzwechsel von der blauen Ostsee ins grüne Erzgebirge nur, weil an den Greifensteinen der Blick zurück in die „Damals-als-wir-jung-waren“-Zone mit einer Rahmenhandlung im Heute beginnt. Warum der ramponierte Kutter auf der malerischen Naturbühne steht, wird in der Art des realistischen DDR-Theaters trefflich legitimiert: Der alt gewordene Kay (Olaf Kaden) erinnert sich an den „Heißen Sommer“ 1968 und die Liebesrangeleien, in denen sich möglicherweise doch nur die falschen Paare gefunden hatten. Gisa Kümmerling ist nicht nur die Touristin, sondern im temporeichen Nichts der Handlung auch eine Herbergsmutter, die für die eigenen Moralparolen den angebrachten Ernst vermissen lässt.

Ein Mädel zu viel

Ein Mädel zu viel schafft Komplikationen: Kirsten Hocke macht darum in ihrer Choreographie viel Wirbel und jagt die 25 Protagonisten über die Stöcke und Steine des Naturtheaters, auf die Felsen hinauf und durch die Zuschauerreihen. Vom Transporter bis zu den halb aufgebauten Zelten am Strandcamp ist es bewundernswert, was Tilo Staudte für seine Ausstattung mit Hilfe privater Leihgeber an DDR-Accessoires zusammensammeln konnte. Friederike Kury wird für ihre mit persönlichkeitsstarker Frechheit und Natürlichkeit begabte Stupsy von Rollenurbild Chris Doerk bewundernd umarmt. Sie, Elisabeth Markstein (Brit), Nick Körber (der junge Kay in den Fußstapfen Frank Schöbels), Sebastian Schlicht (Wolf), Marvin Thiede (Transistor) und Marie-Louise von Gottberg (Sibylle) rocken an der Spitze eines Ensembles, das Axel Polkes Dialoge zum Vergnügen macht.

Tempo und glaubhafte Naivität triumphieren. Nur weil „Heißer Sommer“ 1968 spielt, darf das aus heutiger Perspektive so unterhaltsam, beglückend frech und unkompliziert heteronormativ sein. Mit Plattitüden-Zungenbrechern gipfeln die damaligen Wertekonflikte zwischen kleinbürgerlichem und sozialistisch entwickeltem Bewusstsein für Geschlechterrollen brillant auf die Spitze der Überdrehtheit. Auch deshalb ist „Heißer Sommer“ an den Greifensteinen eine wunderbare Alternative zum „Weißen Rössl“, dem anderen unverwüstlichen Urlaubsflirt-Klassiker. Zumal wenn Dialektik des Brechtschen Theaters und Theorie heutiger Drehbuchschreibe so herrlich zickig aufs Korn genommen werden wie von Isa Etienne Flaccus als theaterinfizierter Thalia. Doch bei der Theorie des Kusses darf es in „Heißer Sommer“ nicht bleiben und erst recht nicht bei der Parole „Küssen verboten!“, die eine heute vergessene sozialistische Ostsee-Operette ausruft. Mit „Heißer Sommer“ wird der Theatersommer deshalb richtig heiß.

Naturbühne Greifensteine in Ehrenfriedersdorf:;Vorstellungen: 26., 29. Juli, 1., 14., 19., 23., 30. August, 2. September; Karten und Infos unter Tel. 03733 1407131; www.winterstein-theater.de

Von Roland H. Dippel

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