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Kultur Regional „Ich bin mitnichten unpolitischer“: Wolfgang Niedecken im Interview
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19:29 10.10.2018
Zeigt am Sonntag wieder im Haus Auensee mit BAP, wo es langgeht: Wolfgang Niedecken (67). Quelle: André Kempner
Leipzig

Eben hat Wolfgang Niedecken noch auf dem Heimtrainer seine morgendliche Fitness-Stunde absolviert – nun sitzt der Kölsch-Rocker daheim am Frühstückstisch und tunkt die „besten Rosinenbrötchen der Südstadt“ in seinen Milchkaffee. „Ich bin gut im Training“, lacht der 67-Jährige – selbst die Bandscheibe zwickt den BAP-Gründer nicht mehr. Am Sonntag tritt er im Haus Auensee in Leipzig auf. Vor zwei Jahren hatte BAP in Leipzig den 40. gefeiert.

Macht die Musik noch Spaß wie einst?

Sobald es mit der Vorbereitung auf eine Tour losgeht, bin ich in meinem Element! Auf der Bühne mit den Menschen zu kommunizieren: Darauf lebe ich wirklich hin – und Gott sei Dank lässt sich das ja auch nicht synthetisch produzieren.

Im Gegensatz zu den Produkten des Tonträgermarktes …

Ja, da hat es früher weniger Werkzeuge gegeben, mit denen du Unfug anstellen konntest – heute bietet dir die Digitalisierung die ganze Palette der Möglichkeiten. Hinzu kommt das Radioformat, das mich eigentlich am meisten nervt, weil hier inzwischen der Schwanz mit dem Hund wackelt: Die Sender sagen dir, wie lange ein Intro zu sein hat, wie laut die Gitarren sein dürfen und welche Keywörter im Text vorzukommen haben – und am liebsten momentan noch mit diesen Oho-oho-Refrains. Da bin ich nicht mehr dabei – wobei: Ich bin 67 und im Mainstream-Radio laufen nun mal keine Songs von 67-Jährigen. Das wäre auch vermessen.

Was Sie nicht von neuen Songideen abhält. So haben Sie letztes Jahr Ihr fünftes Soloalbum aufgenommen – ein Ausgleich zur Arbeit mit BAP?

Es macht einfach Spaß. Die letzten beiden Solo-Alben sind einer Idee von Julian Dawson entsprungen, der irgendwann meinte: Du müsstest mal in den USA ein Album aufnehmen mit amerikanischen Musikern, denen vollkommen egal ist, wer du bist, die einfach nur den Song nehmen und entwickeln. Und als ich dann 2011 den Schlaganfall hatte, wo die Tina …

… Ihre Ehefrau …

… mir wirklich das Leben gerettet hat: Hätte sie nicht darauf bestanden, mich in die Neurologie zu bringen, säßen wir beide heute nicht hier. Damals hatte ich die Idee, ein Album zu machen mit lauter Songs, die ich im Laufe unserer fast 30-jährigen Beziehung für sie geschrieben habe – und diese Auswahl in den USA aufzunehmen. Und während jener Zeit ist diese Band richtig schön zusammengewachsen, so dass ich gesagt habe: Wir müssen das nochmal machen – und ich habe auch schon einen Arbeitstitel dafür, nämlich „Family affairs“.

Geld verdienen lässt sich als Musiker heute nur noch mit Live-Konzerten – warum produzieren Sie noch Alben?

Du willst dich ab und zu einfach fürs eigene Grundgefühl erneuern. Wobei wir ja das Paradoxon haben: Viele Leute, die in unsere Konzerte kommen, wollen im Grunde am liebsten nur Songs aus den 80ern hören. Das weißt du natürlich – und trotzdem bemühst du dich um ein Programm, hinter du auch selber stehst, statt dich einfach auf Bierzelt-Stimmung einzulassen.

Bequemer wäre das zweifellos.

Natürlich könnten wir ein Zwei- oder Drei-Stunden-Konzert mit lauter Songs aus den 80ern machen – und die Leute, die das hören wollen, würden glücklich nach Hause gehen. Doch die andere Hälfte des Publikums, die das Neue schätzt, würde sagen: Die haben sich ja überhaupt nicht entwickelt, was ist denn das für eine Band?

Habt Ihr es nicht irgendwann über, immer wieder „Verdamp lang her“ zu spielen?

Nein, das Stück wollen wir auch spielen. Ließen wir das aus, würden alle in der Band sagen: Warum haben wir „Verdamp lang her“ nicht gespielt? Zudem habe ich zu diesem Stück auch ein ziemlich sentimentales Verhältnis. Es handelt ja von meiner schwierigen Beziehung zu meinem Vater, und jedes Mal, wenn wir das Lied spielen, habe ich so einen Moment lang das Gefühl, er steht in seinem grauen Kittel neben mir und will mir etwas sagen – eine ganz magische Geschichte.

Sind Sie nicht zuletzt mit Blick auf Ihre Solosalben vom Politischen mehr ins Private gegangen?

Ich schreibe lieber über Sachen, die mich auch wirklich betreffen – doch da bin ich mitnichten unpolitischer geworden! Auf dem vorigen Album finden sich äußerst politische Stücke wie „Vision von Europa“, „Absurdistan“ und noch ein paar andere – da hat sich nichts verändert. Ich habe immer über das geschrieben, was mir durch den Kopf geht.

Worauf kommt es beim Schreiben an?

Was man auf keinen Fall tun sollte, sind Parteiprogramme und Resolutionen zu vertonen, denn damit beleidigst du die Menschen – die sollen sich selber ihre Gedanken machen. Und da fängt eigentlich die Arbeit an: Du kannst versuchen, die Leute nicht verhärten zu lassen, dass sie weiter empathiefähig bleiben; gerade bei der ganzen Flüchtlingsgeschichte etwa geht es auch darum, sich in den anderen hineinzuversetzen, denn alle Geflüchteten sind Individuen mit ihrer eigenen Geschichte, ihren Gefühlen, ihren Familien – und das darfst du nicht in einer platten Form in ein Lied bringen.

Können Sie sich vorstellen, mit 75 noch den Rocker auf der Bühne zu geben und 2026 dann das 50-jährige BAP-Jubiläum zu feiern?

Nach heutigem Stand kann ich mir das vorstellen – aber es hängt natürlich davon ab, ob auch die Gesundheit mitspielt. Denn es können immer wieder irgendwelche unvorhersehbaren Sachen passieren, die dich langsamer treten lassen. Doch ich schätze schon, dass wir die 50 noch knacken werden.

Leipzig: 14.10., Haus Auensee, 19 Uhr; Dresden: 15.10., Alter Schlachthof, 20 Uhr. Karten (50,90 Euro) u.a. in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ Foyer, Peterssteinweg 19 und Barthels Hof, Hainstr. 1) sowie in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung

Von Christoph Forsthoff

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