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Kultur Regional Museumsdirektor Alfred Weidinger über Arno Rink
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12:33 16.04.2018
Museumsdirektor Alfred Weidinger vor Arno Rinks „Atelier IV" (2012, Öl auf Leinwand,180 x 140 cm, Privatbesitz). Quelle: Jürgen Kleindienst
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Leipzig

 Es ist die wohl persönlichste Ausstellung von Alfred Weidinger, seit August 2017 Direktor im Museum der bildenden Künste in Leipzig: Am 17. April wird die Ausstellung „Arno Rink. Ich male“ eröffnet. Im Interview spricht Weidinger (56) über seine Begegnungen mit dem Künstler und Lehrer Arno Rink (1940–2017) über dessen Kunst und eine überraschende Entdeckung.

Was bedeuten Ihnen die Begegnungen mit Arno Rink?

Ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Es war eine intuitive Entscheidung, ihn anzurufen, ihn kennenlernen zu wollen, als ich nach Leipzig kam. Und dann wurde es sehr schnell ein vertrauensvolles Verhältnis. Uns beiden war klar, dass er die Ausstellungseröffnung wahrscheinlich nicht mehr erleben wird, die zur Verfügung stehende Zeit knapp war. Ich habe erst später erfahren, dass er vor unseren Interviewterminen ins Krankenhaus gefahren ist und sich Infusionen geben ließ, damit er das körperlich besser übersteht. In unseren Gesprächen erschien er mir wie auf den Fotografien als Rektor der HGB: gekleidet in naturweißer Baumwollkleidung, mit aufrechter Haltung und nobler Gestik.

So war Ihr Willkommen in Leipzig auch ein Abschied ...

Ja. Aber für mich ist er immer noch allgegenwärtig – und er hilft mir immer noch. Er hat mir ein imaginäres Geschichtsbuch gegeben und die ersten Seiten aufgeschlagen.

Wie intensiv konnte Arno Rink seine Retrospektive noch mit Ihnen vorbereiten?

Wir haben in unseren Gesprächen immer wieder über die Ausstellung gesprochen. Vor wenigen Wochen haben wir eine handschriftliche Liste von ihm gefunden – mit einer Auswahl von Bildern, die er sich für diese Ausstellung gewünscht hat. Ich habe daraufhin die Direktoren der Museen, in denen sich diese Werke befinden, angerufen und davon erzählt. Trotz der Kurzfristigkeit hat jede Institution, darunter die Nationalgalerie Berlin und das Städel Museum in Frankfurt, unseren Leihansuchen entsprochen. Hinzu kommen bedeutende Werke von privaten Sammlern. Der Großteil stammt aus dem Nachlass des Künstlers.

Was sehen wir im Museum?

In der Tat handelt es sich um eine Retrospektive. Wir zeigen also Kunstwerke aus allen Schaffensphasen des Künstlers, von 1965 bis 2017. Es sind auch einige unvollendete Bilder in der Ausstellung. Insgesamt sind es rund 65 Gemälde, ein Großteil der Hauptwerke. Und wir zeigen Zeichnungen und Collagen, die noch nie ausgestellt wurden. Diese überraschen durch ihre gestalterische Virtuosität sowie Experimentierfreudigkeit und geben Einblick in seinen Schaffensprozess. So ist auch eine außergewöhnlich interessante Reihe von Collagen aus den Jahren 1993/94 zu sehen, die im Zusammenhang mit dem Gemälde „Leda“ entstanden. So wie er zeichnet, so denkt er. In gewisser Hinsicht lässt sich sein Persönlichkeitsprofil davon ableiten. In der Malerei geht das Prozesshafte seiner Arbeitsweise oftmals verloren und wird erst in seinem Spätwerk wieder sichtbar.

Wo kommen diese Collagen her?

Wir haben sie in einer zusammengedrückten Rolle oben auf einem Regal in seinem Atelier gefunden. Wir haben sie aufgerollt und gedacht: Das gibt’s ja nicht, unglaublich! Wir mussten sie erst restaurieren und zeigen sie alle. Das ist ein Rink, den man noch nicht kennt. Für sein Werk der 90er Jahre ist es ein Schlüssel.

Wie steigt der Besucher in die Schau ein?

Wir beginnen ganz bewusst mit den Atelierbildern aus seiner letzter Schaffensphase, in der der Künstler vollends bei sich angekommen war. Im folgenden Kapitel zeigen wir einzelne Arbeiten aus dem Frühwerk, darunter sein 1969 entstandenes Diplombild „Lied vom Oktober“, das er für die Stadt Leipzig nochmals variiert hat. Eine in den frühen 70ern geschaffene Werkreihe, in der er sich mit der brutalen Staatsgewalt und Revolutionen auseinandersetzt, hilft ihm die kurze Phase idealisierender Darstellungen der kommunistischen Ära zu überwinden.

Rink ist immer auch ein erotischer Maler ... 

Man beschreibt ihn gerne als einen bedeutenden Erotiker unter den Malern seiner Zeit, was dann sofort eine negative Konnotation mit sich bringt, die ihm nicht gerecht wird. Denn wen malt er denn da nackt? Im Wesentlichen ist es seine Frau. Er stellt sie dar als Liebhaberin, als anbetungswürdigen Engel, als Hure, liebende Mutter, Hexe und begehrenswerte Ehefrau. Sie muss in alle erdenklichen Rollen schlüpfen und spiegelt damit sein eigenes Leben wider. Seine Ehefrau ist das wesentliche Thema seiner Aktmalerei, und sie bestimmt dann auch einen Großteil seines künstlerischen Schaffens. In den 80ern beginnt dann die Fokussierung auf ihn selbst, auf seine Befindlichkeiten sowie seelischen Zustände. Bis Mitte der 80er kommt er kaum in seinen Bildwelten vor, später geht es nahezu nur noch um ihn. Persönliche Schicksalsschläge, gesundheitliche Probleme, die Unsicherheit in und nach der Wende – all das wird in seinen Gemälden sichtbar. Etwa wenn er Bilder malt, in denen sein Atelier und Werk in Flammen stehen.

Wo wird bei Rink für Sie der Schmerz am deutlichsten?

Vor allem in den zwischen 1986 und 1991 entstandenem Werken. Dazu gehören die sogenannten „Ministerprotokolle“. Rink war ja der einzige Rektor einer Kunsthochschule im ehemaligen Gebiet der DDR, der nach der Wende im Amt bestätigt wurde. Aber viele seiner Mitarbeiter und Kollegen mussten um ihre Entlassung fürchten, einschneidende, in persönliche Schicksale tief eingreifende Reformen standen an. Die Gespräche, in denen es darum ging, waren für ihn traumatische Erlebnisse. Jedes dieser Bilder steht für ein solches Gespräch, ist ein Ausdruck seines Seelenschmerzes. Und unter diesem psychischen Druck entsteht eine seiner bedeutendsten Schaffensphasen. Ich sehe sehr viel Schmerz in diesen Bildern. Einige der Räume dieser Ausstellung sind sehr still – und andere sehr laut.

Wie sehen Sie sein Schaffen ganz am Ende?

Rink hat sich stetig weiterentwickelt. Er hat immer und oft schwer für den nächsten künstlerischen Schritt gekämpft, deswegen war er ständig in Bewegung, auf dem Weg nach vorn. Seine tief persönlichen Atelierbilder, die zu den letzten Werken seines Schaffens zählen, sind besonders virtuos gemalt, vollkommen frei von Zwängen und Konventionen. Gerne hätte ich mich noch über seine Gedanken dazu unterhalten.

Macht ihn nicht gerade diese stete Suche zum großen Künstler?

Unbedingt. Rinks sowohl hinsichtlich Anzahl als auch motivischer Hinsicht nicht besonders umfangreiches Schaffen weist einige sehr starke Werkgruppen auf. Und trotz der nur auf den ersten Blick erkennbaren Unterschiedlichkeit sind sie Teil einer sehr homogenen und kontinuierlichen Entwicklung.

Als Lehrer musste er zusehen, wie seine Schüler, anders als er, auf dem Weltmarkt reüssierten. Litt er darunter?

Ich glaube, das Gegenteil stimmt. Eine seiner großartigen Eigenschaften bestand wohl darin, dass er sich über den Erfolg von anderen freuen konnte. Er war ein großer Ermöglicher. Gerade eben hat mir ein Künstler eine kurze Nachricht zu Rink geschrieben: „Er hat mich versöhnt zwischen Ost und West. Arno hat mir Halt gegeben und mehr auf die Arbeit geschaut als aufs Maul.“ Es sind nur Liebeserklärungen, was ich von seinen Schülern höre – kein einziges böses oder vorwurfsvolles Wort.

Wie kommt es, dass der Künstler Arno Rink gegenüber dem Lehrer bis heute unterbelichtet ist?

Abgesehen davon, dass eine lange Zeit seines Schaffens in einer anderen Zeit, in anderen Umständen stattfand, liegt es auch daran, dass sein Werk kein besonders umfangreiches ist. Wir reden von etwa 200 Gemälden. In seiner Zeit als Lehrender und Rektor musste er sich oft zurücknehmen – seine Produktivität nimmt ab mit seinen Aufgaben in der HGB.

Sie haben vor einigen Monaten für die Ausstellung nach dem Bild „Reporterturm“ gefahndet. Rink malte das ungefähr 180 mal 120 Zentimeter große Werk 1967, noch im selben Jahr kam das Bild zum Rat des Bezirks in der Karl-Liebknecht-Straße, seitdem ist es verschollen. Hat sich inzwischen jemand gemeldet?

Leider nein. Im unserem Katalog wird das Bild ganzseitig abgebildet. Erst kürzlich haben wir durch unsere Recherchen erfahren, dass dieses Gemälde dem Museum der bildenden Künste übertragen wurde. Ich glaube nicht, dass es vernichtet wurde, sondern dass es jemand mitgenommen hat. Ich hätte es sehr gerne zurück. Derjenige, der es hat, soll es hier einfach irgendwo abstellen ...

„Arno Rink. Ich male“: Eröffnung am 17. April, 18 Uhr, im MdbK in Leipzig; bis 19. August, geöffnet Di, Do–So, 10–18, Mi 12–20 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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