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Im Inneren einer zerborstenen Seele

Riccardo Chailly eröffnet in Mailand die Scala-Saison mit Puccinis „Butterfly“ Im Inneren einer zerborstenen Seele

Zum ersten Mal seit knapp 113 Jahren steht in der Mailänder Scala die Erstfassung von Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“ auf dem Spielplan. Am Pult. Ex-Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly.

Japan im Holzschnitt: Butterly im Bühnenbuild von Alvis Hermanis und Leila Fteita

Quelle: Foto: dpa

Mailand. Es war die größte Niederlage in der künstlerischen Karriere Giacomo Puccinis: Nach den Triumphen der Trias „Manon Lescaut“ (1893 in Turin), „La Bohème“ (1896, Turin) und „Tosca“ (1900, Rom) wurde die Uraufführung seiner „Madama Butterfly“ am 17. Februar 1904 ausgerechnet an der Scala zum Fiasko, im Allerheiligsten der Gattung. Zischer, Pfiffe, Buhs, Zwischenrufe und Gelächter machten diesen Abend zu einem der berühmten Skandale der Operngeschichte – dessen Hintergründe, die Frage also, wer hier wie die Fäden in der Hand hielt, bis heute nicht abschließend geklärt sind.

Puccini jedenfalls war zutiefst verunsichert, zog sich mit dem Werk für einige Monate an den Schreibtisch zurück, überarbeitete, straffte, machte aus zwei Akten deren drei – und in dieser Fassung erst trat die Geschichte de 15-jährigen Cio-Cio-San, die ein US-Offizier heiratet, schwängert und dann sitzenlässt, ihren bis heute ungebrochenen Siegeszug über die Bühnen der Welt an.

Ein gefundenes Fressen für Riccardo Chailly, 2005 bis 2016 Gewandhauskapellmeister, seit 2015 musikalischer Oberleiter der Mailänder Scala. Denn Chailly nimmt in Fassungs- und Überlieferungsfragen nichts als gegeben. Selbst bei Beethoven und Schumann, bei Mendelssohn und Brahms hat er sich in Leipzig mit Früh- und Alternativ-Fassungen, mit Be- und Überarbeitungen auseinandergesetzt. Und als er in seiner Eigenschaft als Generalmusikdirektor der Oper Leipzig (ja, das war er zwischen 2005 und 2008 auch einmal) Puccinis „Manon Lescaut“ dirigierte, war es für ihn eine Frage der Ehre, dies in der Uraufführungs-Version von 1893 zu tun.

Nun also „Butterfly“ mit der er die Saison 2016/2017 an der Scala eröffnet. Und wenn er dies nach knapp 113 Jahren am Ort und in der Gestalt des Uraufführungsdebakels tut, dann ist das für ihn weit mehr als eine philologische Fingerübung. „Es geht“, sagt er nach der Premiere, „um die Wiederherstellung der Ehre des großen Giacomo. Und darum, dass ihm und seiner ,Butterfly“ endlich auch an der Scala Gerechtigkeit widerfährt.“

Die Unterschiede zwischen der Erst- und der bekannten „Butterfly“ sie sind erheblich. Weitaus mehr Zeit nimmt sich Puccini im Original für die Schilderung der japanischen Gesellschaft, für die Zeichnung von Cio-Cio-Sans Verwandtschaft einschließlich Schluckspecht-Onkel Yakusidé – ein faszinierendes Kaleidoskop japanischer Farben und Reflexe. Dafür fehlt am Schluss Pinkertons Arie „Addio, fiorito asil“, die den Tenor auf der Schlussgeraden noch mit unangemessenen Sympathiepunkten versieht. Dramaturgisch ist das alles schlüssig, und die Trostlosigkeit von Butterflys Warten und ihres Selbstmords im zweiten Akt wirkt vor dem Hintergrund dieser lebensprallen Genre-Zeichnung noch düsterer.

Allerdings, und das war 1904 der schwerste Vorwurf, den man der Erstfassung machte, vor der auch Puccinis Verleger Giulio Ricordi gewarnt hatte, sind die Proportionen tatsächlich nicht unproblematisch: Eine Stunde dauert der erste Akt, gut anderthalb der zweite, den überdies Butterfly und ihre Dienerin Suzuki auf weiten Strecken alleine zu stemmen haben – in einem Kammerspiel, dessen Handlung sich beinahe ausschließlich in Butterflys zerborstener Seele abspielt.

Die Anforderungen an die Sängerin der Titelpartie sind enorm – und Liana Aleksanyan liefert in der Titelpartie nur bedingt das Niveau, das man an der Scala erwarten würde. Steht doch das Haus wie kein anderes für sängerische Weltklasse, oder, ins Negative gewendet, für die „Vokalpornographie“, die Peter Konwitschny Chailly vorwarf, als beide gemeinsam die künstlerischen Belange der Oper Leipzig bestimmen sollten – wozu es nicht kam, weil Chailly 2008 das Handtuch warf.

Alte Geschichten – zurück zur Scala. Aleksanyan ist hier die Zweitbesetzung, bleibt aber auch als solche vor allem im ersten Akt etwas flach. In der Tiefe fehlt Substanz, oben verengt sie. Das kann man in Leipzig oder Dresden besser haben. In der auch im deutschen Fernsehen übertragenen Premiere in der Vorwoche hatte Maria José die Titelpartie übernommen und keine Wünsche unerfüllt gelassen. Ein Befund, der auch in der dritten Vorstellung für den hell timbrierten, fast ein wenig kalt schneidenden Pinkerton Bryan Hymels gilt, der, was der Charakterzeichnung der Figur gut bekommt, auch gesanglich eher auf Geilheit setzt denn auf Zärtlichkeit. Grandios lässt Carlos Alvarez als Konsul Sharpless seine warme Menschlichkeit die Bühne fluten, findet Annalisa Stroppa als Suzuki zu Herzen gehend schöne Töne für ihr tiefes Mitgefühl.

Das alles bettet Regisseur Alvis Hermanis auf der von ihm und Leila Fteita gestalteten Bühne in ein unverfängliches Holzschnitt-Japan ein, das mit den Motiven auf den ständig bewegten Papier-Wänden den Figurinen der glücklosen Uraufführung huldigt und mehr auf den poetischen Reiz des nostalgischen Bildes setzt als aufs Theater im engeren Sinne. Das bürdet den Solisten viel szenische Verantwortung aufbürdet, derer sie sich mit durchaus unterschiedlichem Erfolg entledigen.

Der Hauptakteur dieser Produktion allerdings sitzt unsichtbar im Graben. Was das Orchestra del teatro alla scala hier an Nuancen und Farben, an sinnlicher Präzision abliefert, hätte diesem Klangkörper noch vor wenigen Jahren kaum jemand zugetraut. Für Inspiration und Emphase stand es, für klangliche Wollust – nicht so sehr für Disziplin und Transparenz. Doch offenhörlich hat Chailly auch hier die Karten neu gemischt. Vom pulsierenden Fugato des Beginns bis zum Schlussakkord packt dieser Strom kostbarer Schönheit den Hörer bei der Seele, immer neue Details auch in den Passagen zu Tage fördernd, die er zu kennen glaubt. Leicht und geschmeidig bleibt dabei der Klang, reich nicht durch Ballung, sondern durch Reaktionsschnelle. Chailly lässt keinen Zweifel daran zu, wie modern diese Partitur ist, wie weit die Instrumentation die Kerngebiete der italienischen Oper im Grunde schon verlassen hat, wie dicht sie den französischen Impressionisten auf den Fersen ist. Schade, dass von dieser „Butterfly“ nur eine DVD- und keine CD-Produktion geplant ist. Denn die erst würde, so filigran ausmusiziert vom Scala-Orchester, Puccinis Ehrenrettung komplett machen.

Traditionell hat der Mailänder es nach dem Schlusston eilig, an die Garderoben zu kommen. Und doch warten die meisten, um noch Chailly und seinem Orchester zujubeln zu können, weil sie spüren, dass hier Großes geschieht. Selbst in der Scala scheinen sie gezählt, die vielen Jahre der Vokalpornographie.

Vorstellungen: 3., 8. Januar; www. teatroallascala.org

Von Peter KOrfmacher

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