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Kultur Regional „In den Gängen“ von Clemens Meyer und Thomas Stuber
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15:36 23.04.2018
Sie treffen sich „In den Gängen" eines Großmarktes: Christian (Franz Rogowski) und Marion (Sandra Hüller) im Film von Clemens Meyer und Thomas Stuber. Quelle: Zorro Film
Leipzig

Zwischen all den hohen grauen Regalen geht das Leben seinen eigenen Gang. In den Gängen tickt die Welt anders. Wer in diesen Holzgassen leert und auffüllt, geht und fährt, stapelt und aussortiert, der verbringt einen Tag unter kaltem Neonlicht, der macht seine Fuffzehn mit Reden und Qualmschwaden auf dem Klo, der raucht zwischendurch mal draußen eine Kippe und hat einen trostlosen Ladehof vor den Augen. Im Winter liegt der Tag zwischen Dunkel früh und Dunkel abends. Das zermürbt. Das drückt aufs Gemüt. Da muss, wer im Großmarkt arbeitet, dann durch.

Auch Christian, der Neue, der erst mal zu den Getränken kommt – und zu Bruno, dem Gabelstaplerfahrer, der ihn anlernen soll. Viel zu lernen gibt es allerdings nicht, außer dem Steuern von Hubi und anderem Transportgerät. Die Gänge im Großmarkt sind schließlich eng und Paletten sperrig.

So gehen die Tage vor Weihnachten im Gleichmaß dahin. Christian muss den Kittel an den Ärmeln ziehen und den Kragen zupfen. Tattoos sollen unsichtbar bleiben, Kunden mögen so etwas nicht. Christian geht mit wenigen Worten und langen Blicken durch die Probetage – bis er Marion sieht, die schmale Blonde von den Süßwaren. Man trifft sich am Kaffee-Automaten. Man wechselt stockend ein paar Sätze. Das war’s. Irgendwie verliebt sich Christian, doch über paar schüchterne Annäherungsversuche kommt er nicht hinaus. Er kann über Gefühle nicht sprechen. Er liegt stattdessen daheim im tristen Zimmer und blickt sehnsüchtig an die Decke.

Solche Bilder liebt „In den Gängen“. Von genau diesen Bildern lebt „In den Gängen“. Seelen-Bilder, die einfach das Leben beobachten, wie es wirklich atmet. Scheint einfach zu sein. Ist es aber nicht. „In den Gängen“ bleibt im deutschen Kino-Allerlei eine Rarität. So wie er als Perle im Berlinale-Wettbewerb schimmerte (Gilde-Preis, Preis der Ökumenischen Jury), bei dem ihn eine völlig überforderte Jury übersah. „In den Gängen“ ist realistische Sozial-Romanze und soziale Tragikomödie, Alltags-Drama und Charakter-Spiel. Die Kamera blickt in Wohnzimmer und Arbeitsorte – und entdeckt Lebensräume. Jedes Detail zählt – und erzählt über jene, die hier behaust sind. In kahlen oder zugestellten Zimmern, in der eisigen Zweckmäßigkeit eines Neubaus oder der verlebten Tristesse eines unwirtlichen, alten Gutshofs.

Milieus, in denen jene Lakonie nistet, die Sätze kurz und grübelnde Blicke lang macht. Man redet in knappen Sätzen. Dazwischen liegt oft schwer und lange Stille. Man wartet auf irgendetwas, das aber nie kommt. Das ist ohnehin eine der Tugenden, die „In den Gängen“ so einzigartig machen: Es wird gesprochen, nicht gequasselt. Was einer sagt, das glaubt man ihm. Das klingt, als käme es von ganz tief innen. „Die Texte von Clemens Meyer blicken von unten, nie von oben“, hat Peter Kurth nach der Berlinale-Vorführung gesagt. Er ist Bruno, der Gabelstaplermann neben Christian. Einer, der vor der Wende Lkw gefahren ist, dem die Freiheit der Straße in der Enge der Gänge verlorenen ging, der einsam geworden ist, aber nie ein anderer. Er kann einfach nicht aus seiner Haut. So zeichnen Clemens Meyer (Drehbuch nach seiner Erzählung) und Thomas Stuber (Regie, Co-Autor) Charaktere, die nicht aus dem Setzkasten kommen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut sind. Die nicht ausgedacht und ausgemalt, sondern dem wahren Leben abgesehen wurden. Wie da mit wenigen Strichen, einfachen Worten und oft nur kurzen Auftritten eine blutvolle, lebenspralle Gruppe um das Trio Christian, Marion und Bruno entsteht, wie ihre Eigenarten sichtbar und ihre Geheimnisse verdeckt bleiben, das ist selten im Plapperkino von heute.

„In den Gängen“ geht mit allen behutsam und einfühlsam, neugierig und nicht besserwisserisch um, beurteilt nicht, sondern erzählt nur – und das mit einer Intensität, die dieses stille Märchen aus der schnöden Arbeitswelt tief unter die Haut gehen lässt. Bisher hat so etwas im deutschen Gegenwartskino wohl einzig Wolfgang Kohlhaase hinbekommen. Nach „Von Hunden und Pferden“ (Studenten-Oscar) und „Herbert“ (Deutscher Filmpreis 2016) ist „In den Gängen“ inzwischen die dritte Arbeit des Duos Meyer/Stuber. Da ist nun wohl mittlerweile ein Traum-Tandem hierzulande unterwegs.

Immerhin ist nun „In den Gängen“, gedreht an 30 Tagen in den Hamberger Großmärkten Wittenberg und Bitterfeld, in Leipzig und Karlsruhe, viermal für den Deutschen Filmpreis am 27. April nominiert: bester Film des Jahres, beste männliche Hauptrolle (Franz Rogowski), beste weibliche Nebenrolle (Sandra Hüller), beste Kamera (Peter Matjasko). Die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) hat den Film, der 2015 bereits mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde, mit 450 000 Euro unterstützt.

Traumwandlerisch sicher, fotografiert im beschnittenen Breitwandbild, wandelt „In den Gängen“ zwischen französischer nouvelle vague, britischem Sozialrealismus und skandinavischer Alltagspoesie. Das macht diese atmosphärisch dichten Bilder aus den banalen Kulissen der bunten Warenwelt so aufregend. Was natürlich auch mit Sandra Hüller („Toni Erdmann“) als kokett und herausfordernd lächelnde, verschwiegene Marion, Franz Rogowski als unsicheren, schweigsamen, suchenden Christian und Peter Kurth als unglücklich-einsamen Bruno zu tun hat.

24. April 2018, 20 Uhr und wegen des großen Publikumszuspruchs zeitversetzt auch um 20.30 Uhr, Premiere (Kinostart 24. Mai), in den Leipziger Passage-Kinos. Nach beiden Vorstellungen stehen Thomas Stuber sowie die Darsteller Sandra Hüller und Peter Kurth, Rede und Antwort. Karten (9,50 Euro) : 0341 2173865

Von Norbert Wehrstedt

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