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In der medialen Drift: Drei neue Ausstellungen im Bildermuseum

Kunst in Leipzig In der medialen Drift: Drei neue Ausstellungen im Bildermuseum

Werke der norwegischen Malerin Anna-Eva Bergman, der Leipziger Fotografin Carina Brandes und Netzkunst von elf internationalen Akteurinnen: Im Museum der bildenden Künste in Leipzig eröffnen drei sehr unterschiedliche neue Ausstellungen.

Die Ausstellung „Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0" im Bildermuseum präsentiert unter anderem Arbeiten von Juno Calypso.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  An die erhöhte Schlagzahl wird man sich gewöhnen müssen. Alfred Weidinger als neuer Direktor des Museums der bildenden Künste lässt das Ausstellungskarussell mit einer Geschwindigkeit rotieren, die man von der altehrwürdigen Einrichtung nicht gewohnt ist. Schon wieder drei neue, und es fällt zunächst etwas schwer, Bindeglieder zwischen ihnen zu finden. Es sieht eher nach Kontrastprogramm aus.

Da ist zunächst Anna-Eva Bergman zu entdecken. Die 1909 geborene Norwegerin ist zwar seit drei Jahrzehnten tot, dennoch ist es ihre erste Retrospektive in Deutschland. „Sie musste sich im doppelten Sinne durchsetzten“, erklärt Kurator Jan Nicolaisen. Zum einen generell als Frau auf dem maskulinen Kunstmarkt, zum anderen gegen den Schattenwurf ihres berühmten Gatten Hans Hartung. So wie er wird sie dem Informel zugeordnet. Als abstrahierend hat sie ihre Arbeiten selbst bezeichnet, nicht als abstrakt. Auch wenn vieles nach Farbfeldmalerei aussieht oder Geometrischer Abstaktion, sind tatsächlich Assoziationen zu Landschaften möglich. Vor allem der Horizont als Sehnsuchtslinie spielt eine zentrale Rolle in ihren Kompositionen, in die sie häufig Blattgold und Silberbronze einbezog. Das Eigenartige ist, dass sie ausgerechnet in der Provence, wo sie sich mit Hartung im fortgeschrittenen Alter niederließ, immer wieder die kühle Kargheit ihrer nördlichen Heimat aufnimmt und verarbeitet.

Erst Mitte 30 ist die Leipziger Fotografin Carina Brandes. Als konservative Attitüde muss es darum erscheinen, dass sie konsequent an analoger Aufnahme- und Dunkelkammertechnik in Schwarzweiß festhält. Doch sie betont: „Es geht um das Machen.“ Das gilt schon für den Prozess der Bildfindung. Zwar zeichnet sie sich vorher Skizzen, doch sie nutzt meist den Selbstauslöser, um persönlich im Bild zu sein. Da können Bilder entstehen, die so eigentlich nicht gedacht waren. Die Erforschung der Körperlichkeit ist dabei zentrales Thema. Häufig agiert sie nackt, bedient sich verschiedener Requisiten. Die Dekonstruktion geht am weitesten in dem Bild, auf dem sie sich eine anatomische Zeichnung der inneren Organe auf den Körper projizieren lässt.

Die dritte Ausstellung ist am schrillsten und im wörtlichen Sinne auch laut. Die Fokussierung auf das Körperliche teilt sie zwar mit den Arbeiten Carina Brandes’, doch geht es hier ganz und gar digital zu. Die Kuratorinnen Anika Meier und Sabrina Steinek haben elf internationale Akteurinnen versammelt, die sich mehr oder weniger als Künstlerinnen verstehen, dabei alle intensiv das Internet für ihre überwiegend visuellen Produktionen nutzen.

Sehen Sie ausgewählte Arbeiten der Ausstellung "Virtual Normality - Netzkünstlerinnen 2.0" im Museum der bildenden Künste Leipzig.

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Wie kommt man auf die Idee, solche entorteten und vernetzten Artefakte in die statischen Räume eines Museums zu bringen? Ein Anlass dafür ist, dass man in der angestaubten Institution Museum heute tabuloser arbeiten kann als im ach so frei erscheinenden Internet. Viele der Beteiligten mussten die Zensur selbst erleben. So die Schwedin Arvida Byström, deren Fotos auf Instagram gesperrt wurden, weil sie sich die Beine nicht rasiert hatte. Ein unverzeihlicher Fauxpas. Bei der Amerikanerin Stephanie Sarley sind es kurze Videos vom Umgang mit Früchten, die sexuelle Anspielungen zulassen, also untragbar sind für die Sittenwächter im Netz. Was einst als Schutzfunktion gedacht war, entwickelt sich zur einer starren Schablone für das Wahre, Gute, Schöne.

Die Produktionen sind hochgradig narzisstisch, für Feministinnen alter Schule sicherlich ein Graus. Wie die namensgebende Virtual Normality auf die Straße zurückschwappt, zeigt aber ein beklemmender Kurzfilm von Alli Coates mit der Performerin Signe Pierce. Diese läuft in Supermini und Highheels, aber mit verspiegelter Maske, durch eine Stadt. Die Aufmerksamkeit schlägt bald um in die Aggressivität eines Mobs, wie man es aus den Kommentarspalten des Internets kennt.

Gibt es etwas Verbindendes zwischen den drei Ausstellungen, außer dass ausschließlich Frauen beteiligt sind? Vielleicht ist es die Verschiebung des Avantgarde-Begriffs. Bergman stand in ihrer Jugend an der vordersten Front der Kunstrebellen, hätte durchaus den gleichen Ruhm wie Hartung verdient gehabt. Heute wirken ihre Malereien zwar ganz solide, aber auch gut abgehangen. Die Fotos von Carina Brandes hingegen erinnern, unabhängig vom Alter der Künstlerin, an den ungestümen Aktionismus der sechziger und siebziger Jahre. Die Netzkünstlerinnen hingegen treiben die Welle eines digitalen Hypes voran. „Vielleicht ist das Phänomen in zwei, drei Jahren zu Ende“, orakelt Weidinger. Vermutlich nicht, doch die Medienlandschaft und deren Ausdrucksweisen werden wieder etwas vorangeschritten sein. Wer erinnert sich denn heute noch an Myspace? So wird auch diese Avantgarde Patina angesetzt haben. Gut, dass sie zuvor noch zu musealen Ehren kommen kann.

Anna-Eva Bergman: Licht / Carina Brandes: Zwischen Hunden und Wölfen / Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0; Museum der bildenden Künste Leipzig (Katharinenstraße 10); bis 8. April bzw. 2. April (Brandes), Di und Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Von Jens Kassner

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