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Kultur Regional Jenseits der Copacabana: Spinnerei zeigt Künstler aus Brasilien und Deutschland
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20:00 28.02.2019
Zu sehen in der Werkschauhalle 12 in der Spinnerei in Leipzig: „Terra a vista“ von Xadalu, der der Volksgruppe der Guaraní angehört . Quelle: André Kempner
Leipzig

Es könnte eines der vielen Streetart-Werke sein, die man im Spinnereigelände findet. Doch der bunte, stilisierte Jaguar, den Xadalu geschaffen hat, legt eine Fährte in die Werkschauhalle. Der Künstler kommt aus der Volksgruppe der Guaraní im Süden Brasiliens. Er greift Traditionen und Motive dieser indigenen Bevölkerung auf. Das große Textil in der Art eines Wandteppichs wurde mit Erdfarben bemalt und wirkt zunächst folkloristisch dekorativ. Doch es hat eine reale Funktion zur Kennzeichnung von Landgrenzen. Diese Demarkationen will der neue Präsident Bolsonaro aufheben.

Gesellschaftliche Konnotationen durchziehen die ganze Ausstellung. Der Geier ist am Anfang wie am Ende zu finden, fungiert als Leitmotiv. Doch eigentlich geht es um die Kunst des Vervielfältigens und die Rehabilitation oder Verabschiedung der Aura, deren Verblassen schon Walter Benjamin konstatierte. Das Reproduzieren kann dabei sehr verschieden aussehen, von der Arbeit mit der Hochdruckpresse bis zum Hochladen von Daten – doch immer im Kontext der künstlerischen Produktion.

Neun Brasilianer, fünf Deutsche

Porto Alegre, ganz im Süden des riesigen Landes gelegen, soll in Brasilien eine Hochburg traditioneller Drucktechniken sein, so wie es Leipzig in Deutschland ist. Das vom Goethe-Institut initiierte Projekte also nach der Premiere in den Tropen hier weiterzunutzen, erscheint naheliegend. Leipziger sind unter den fünf deutschen Beteiligten aber nicht dabei. Es sind alles Stipendiaten des Goethe-Instituts, die einige Monate in Brasilien gearbeitet haben. Neben deren Kontakten zu einheimischen Künstlern hat der beauftragte Kurator Gregor Jansen noch einige Namen aus anderen Metropolen des Landes ausgewählt. Neun Brasilianer, fünf Deutsche sind es nun.

Klaus-Dieter Lehmann ist Präsident des Goethe-Instituts, also quasi oberster Kultur-Diplomat Deutschlands. In seiner Rede zur Vernissage sagte er am Donnerstag in Bezug auf die Renaissance der Druckkunst: „Kunstschaffende erfinden diese uralte Technik ständig neu, experimentieren mit digitalen Geräten und neuen Materialien wie Plotter, Vinyl, Latex, lichtempfindlichen Polymerschichten oder 3D-Computergrafik. So erweist sich die Druckgrafik als Experimentierfeld und Motor künstlerischer Innovation.“

Doch selbst eine alte Druckmaschine kann man auf ungewöhnliche Weise benutzen. Der Berliner Ottjörg A.C. war bei Kastrationen von Bullen und Hengsten dabei, hat die gebratenen Hoden aber nach eigener Aussage nicht sonderlich schmackhaft gefunden, stattdessen lieber Scheiben davon in die Tiefdruckpresse gelegt, um sie in Grafik zu verwandeln. Als deutsches Pendant dazu hat er Abreibungen von Gründungspfählen des Berliner Humboldt-Forums gemacht, in dem bald „exotische“ Kulturen zu bestaunen sein werden.

Mit ähnlicher Technik entstand Carlos Vergaras Monotypie „Zwei Münder“ Er hat die Oberfläche von Brennöfen für Farbpigmente mit deren eigenen Produkten direkt auf das Papier übertragen.

Klischees auf Plastikplatten

Weniger archaisch geht Regina Silveira vor. Ihr Puzzle mit lateinamerikanischen Klischeebildern von Karneval bis Che hat sie im Offsetverfahren auf Plastikplatten gedruckt. Der Titel „To be continued ...“ verdeutlicht, dass es keine abgeschlossene Arbeit sein kann. Die Umbrüche im Land lassen gegenwärtig keine optimistische Fortsetzung erwarten.

Viel poetischer wirkt dagegen das für eine Tanzperformance geschaffene Kostüm von Helena Kanaan. Lithografisch hat sie organische Formen auf Schichten von natürlichem Latex gedruckt und diese Blätter zusammengenäht.

Vervielfältigung geht aber schon lange nicht mehr allein mit Druckerpressen. So gibt es neben Videos sogar ein Computerspiel, das von einem Team um Paula Mastroberti entwickelt wurde, zu sehen und zu benutzen. Durch das Kopieren von Symbolen kommt es dabei darauf an, Mauern einzureißen. Eine nette Utopie.

Realistischer sind da die Arbeiten von Marcelo Chardosim. Er ist eigentlich Fotograf und liebt seine Heimatstadt Alvorada trotz ihrer gravierenden sozialen Verwerfungen. Darum greift er mit direktem Aktivismus ein, statt nur abzubilden. Auf einem seiner Bilder ist eine Rizinus-Pflanze zu sehen, die er selbst vor die hässliche Halle einer aggressiven evangelikalen Kirche gepflanzt hat. Er hofft auf Nachahmer.

Die titelgebende Macht der Vervielfältigung verlässt hier die künstlerische Blase, wird interventionistisch. Die Ausstellung des Goethe-Instituts ist stellenweise verspielt, überwiegend aber hochgradig politisch. Dennoch steht dabei die Ausdrucksweise des Künstlerischen fast durchweg über der plakativen Parole.

Die Macht der Vervielfältigung; Halle 12 (Werkschau), Spinneristraße 7, bis 23. März, Mi–Sa 12–18 Uhr

Von Jens Kassner

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