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Kultur Regional Jetzt also doch: Wendedenkmal von Miley Tucker-Frost soll aufgestellt werden
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18:23 25.02.2019
Das Thema ist zurück: US-Künstlerin Miley Tucker-Frost hatte 2009 ein Modell ihrer Wendeplastik dem Museum Runde Ecke in Leipzig geschenkt, Oberbürgermeister Burkhard Jung (l.) und Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee freuten sich damals mit ihr. Jetzt soll das Werk in Originalgröße gegossen und vor der Gedenkstätte aufgestellt werden. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Für die einen ist es in Bronze gegossener Revolutionskitsch, andere finden es gut so: Am 7. Oktober 2009 hatte die US-amerikanische Künstlerin Miley Tucker-Frost dem Museum an der Runden Ecke in Leipzig ein Modell ihres Denkmals zur Friedlichen Revolution geschenkt. Ob, wann und wo die Figurengruppe in ihrer geplanten Größe von rund neun Metern Breite jemals aufgestellt würde, war damals zwar offengelassen worden, die Sache galt aber als erledigt, zumal das Projekt gänzlich mit Hilfe von Sponsoren finanziert werden sollte. Und vor zehn Jahren herrschte in den USA und dem Rest der Welt eine Finanzkrise. Außerdem galt das eher schlichte Werk in einer Stadt, die viel auf ihre Kunstszene hält, als nicht vermittelbar, auch wenn sich unter anderem der ehemalige Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, Rainer Eckert, und Tobias Hollitzer, Geschäftsführer des Leipziger Bürgerkomitees, Träger der Stasi-Gedenkstätte Runde Ecke, positiv äußerten. Zu eindeutig hatten Künstler und Gremien dem Ansinnen eine Abfuhr erteilt. Meinte man zumindest.

Die Stadt prüft

Doch nun steht die nächste runde Erinnerung an die Leipziger Großdemonstrationen vor der Tür – und damit auch das Denkmal der 1941 geborenen Amerikanerin. „Sie hat jetzt offenbar das Geld zusammen“, sagt Stadtsprecher Matthias Hasberg auf LVZ-Anfrage. Das Werk solle dem Bürgerkomitee geschenkt werden. Das habe nun bei der Stadt angefragt, ob es auf der Grünfläche vor der Runden Ecke aufgestellt werden könne, so Hasberg. „Die Stadt wird das prüfen.“ Zuständig sei unter anderem das Grünflächenamt.

Eine Institution, die von der Stadt eigentlich genau zu solchen Themen angehört werden sollte, wurde bislang nicht einbezogen: das Sachverständigenforum „Kunst im öffentlichen Raum“. „Uns hier komplett außen vor zu lassen, geht aus unserer Sicht nicht“, sagt die Künstlerin Enne Haehnle, die dem Gremium seit zwei Jahren gemeinsam mit dem Architekten Ronald R. Wanderer vorsitzt. Verwundert sei sie über den Plan, meint sie und kündigt eine ausführlichere Erklärung dazu an.

Vernichtendes Urteil 2008

Eine solche hatte das Sachverständigenforum bereits im Dezember 2008 abgegeben, nachdem das Thema schon eine Weile Wellen geschlagen hatte; damals ging es um einen früheren Entwurf von Miley Tucker-Frost. Das Urteil über den künstlerischen Wert der Arbeit fiel vernichtend aus: „Das Sachverständigenforum fühlt sich durch Frau Tucker-Frosts Entwurf fatal an plastische Arbeiten des sozialistischen Realismus des ,Arbeiter- und Bauernstaates’ erinnert. Auch diese waren oft von dem Gedanken geleitet, dass sie vom ,einfachen Volk’ verstanden werden sollten. Mit einem Unterschied: Diese waren handwerklich besser ausgeführt. Noch heute sind die Marktplätze Deutschlands bevölkert mit Schweinchengruppen in Bronze und Kindern auf Eseln reitend. In genau diesem Sinne nähert sich nun Frau Tucker-Frost narrativ einem großen Thema, dem Leipziger Herbst 1989, ohne auch nur im mindesten eine Umsetzung, eine dringend gebotene Abstrahierung des Ganzen zu wagen.“

Das im Vordergrund dargestellte Kerzen anzündende Paar, heißt es weiter, sei mit einer „katastrophalen Anatomie ausgerüstet“. Die Figuren würden zu „kitschigen Statthaltern eines falsch verstandenen Pathos“. Auch „mit höherer handwerklicher Qualität als der von Frau Tucker-Frost vorgelegten“ könne es nicht gelingen, der Komplexität der Ereignisse und Erinnerungsprozesse gerecht zu werden.

Thüringer Bundestagsabgeordneter engagiert sich

Andernorts mag so eine von einem Fachgremium getroffene Einschätzung das endgültige Aus für ein großes Denkmal an historisch exponierter Stelle bedeuten – nicht so in Leipzig. Aus einem der LVZ bekannten Brief des Thüringer Bundestagsabgeordneten Johannes Selle (CDU) an Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) geht hervor, wie weit das Projekt bereits gediehen ist und wie eng der OBM eingebunden ist. „Ihren Vorschlag, dass Miley Tucker-Frost die Figurengruppe als Geschenk dem Bürgerkomitee Leipzig e.V. als Träger der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke übereignet, und diese dann die Aufstellung organisiert, haben wir weiter verfolgt“, heißt es in dem Schreiben vom 28. Januar 2019.

Wie daraus weiter hervorgeht, wurde die Figurengruppe unter Einbeziehung des sächsischen Künstlers Torsten Freche überarbeitet. Die Modelle seien vorbereitet. Im Januar habe es ein Treffen in einer Leipziger Bronzegießerei gegeben. Die kleinere Figurengruppe, die hockend eine Kerze Anzündenden, könne sofort gegossen werden. Am 30. Jahrestag der entscheidenden Demonstration des 9. Oktobers in Leipzig oder am Vorabend solle das Denkmal aufgestellt werden. Für eine Stellungnahme zu den Hintergründen seines Engagements für die Künstlerin war Selle am Montag nicht zu erreichen, auch eine LVZ-Anfrage an Tobias Hollitzer blieb unbeantwortet.

Gut vernetzte Künstlerin

Geschichte soll sich nach Marx bekanntlich als Farce wiederholen – diese hatte schon irgendwie als solche begonnen. Seit 2007 beschäftigt (und quält) sich die Stadt mit dem Bundestagsbeschluss, in Leipzig ein Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten – gegenwärtig wird ein Vorschlag für ein neues Verfahren erarbeitet. Im gleichen Jahr wurde auch Miley Tucker-Frosts Idee, die nichts mit dem offiziellen Projekt zu tun hat, bekannt. In den 90er Jahren hatte sie auf ihrer Hochzeitsreise auch Leipzig besucht und war sofort begeistert von der Geschichte der Friedlichen Revolution. Als Jung 2007 mit einer Delegation die Partnerstadt Houston besuchte, stellte sie ihm ihre Denkmals-Idee vor. Der Oberbürgermeister war angetan. Unterstützung bekam die offenbar gut vernetzte Künstlerin auch von Mark Scheland, dem ehemaligen US-Generalkonsul in Leipzig.

Tucker-Frost, deren Bronze-Skulpturen nicht in renommierten öffentlichen Sammlungen zu finden sind, konzentriert sich inhaltlich auf patriotische, klassische und religiöse Themen. Die Autodidaktin modelliert unter anderem Adler, Bären, Reiher, Mustangs oder Hunde.

Von Jürgen Kleindienst

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