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Kultur Regional Juanjo Mena und Piotr Anderszewski im Leipziger Gewandhaus
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15:29 15.03.2019
Max Klingers Beethoven im Leipziger Museum der bildenden Künste. Quelle: Leipzig report
Leipzig

Eine seltsame Dreingabe: Piotr Anderszewski bedankt sich im gut besuchten Großen Concert vom Donnerstagabend für den Jubel nach Bartóks drittem Klavierkonzert mit Beethovens erster Bagatelle aus Opus 126. Ein spätes Nebenwerk, selten gespielt, meist unterschätzt. Und eine Anti-Zugabe. Hier kann der Pianist weder mit Technik prahlen noch romantische Seufzer produzieren. Überdies spielt Anderszewski diesen anderen Beethoven auch sehr anders. Kompromisslos bis zur Manieriertheit auf Kontrast bedacht. So klingt die Bagatelle weit neuer, als sie ist. Musikalisch nach Schumann, pianistisch noch moderner.

Alles anders

Im Nachhinein erweisen sich diese fünf Minuten als Schlussstein des Programm-Gewölbes, mit dem das Gewandhausorchester die Feierlichkeiten zum Beethoven-Jahr 2020 einläuten könnte. Natürlich ist das Zufall. Denn erstens werden Solisten-Zugaben nicht in die Programm-Dramaturgie eingebunden, zweitens kam in dieser Woche alles anders. Denn Paavo Järvi, der großartige Bruder des einstigen MDR-Chefdirigenten, erkrankte kurzfristig, Einspringer Juanjo Mena eröffnete den Abend statt mit Bartóks Tanzsuite mit Haydns 44. Sinfonie – und legte so das Fundament zu einem Abend, den man „Beethovens Voraussetzungen und Folgen“ überschreiben könnte.

Kapitales Wagnis

Haydn schrieb den Viersätzer, den die Nachwelt unsinnigerweise mit dem Namen „Trauer-Sinfonie“ versah, 1770, im Geburtsjahr des Bonners. Da konnte er noch nicht ahnen, dass es später einmal heißen würde, Beethoven habe Mozarts Genie aus seinen, Haydns, Händen empfangen. Aber es war schon alles da, was Beethoven bei ihm lernen sollte, auch die Schwierigkeit der Aufführung. Denn der filigran gewirkte Satz des Papa Haydn hat es für die Ausführenden in sich. Weil er – wie der frühe Beethoven und jeder Mozart – nichts verzeiht, wirklich gar nichts. Und weil Haydn nach wie vor zu selten im Gewandhaus auf den Pulten liegt, ist Juanjo Menas Programmänderung ein kapitales Wagnis.

Einzelschicksal

Mit glücklichem Ausgang: Klammert man ein Einzelschicksal im Gebläse aus, führt der 53-jährige Spanier, der weltweit die Früchte seiner erstklassigen Arbeit einzufahren beginnt und dessen Debüt beim Gewandhausorchester überfällig war, das Orchester zu bemerkenswert schlüssigem, elegantem, sinnlichem Haydn-Spiel. Auswendig schlägt er und rechts vorzugsweise in großen Einheiten. Das hält das Spiel im Fluss und verschafft ihm Spielräume, Nuancen abzurufen, die die Musiker um Konzertmeister Frank-Michael Erben ihm in so überreicher Fülle anbieten, als hätten sie nie etwas anderes abgeliefert als derlei federleichte, präzise (die hinteren Reihen gehen allerdings oft minimal später durchs Ziel), beseelte Klänge vom Beginn der Wiener Klassik.

„Heiliger Dankgesang“

Auch bei Bartók fremdeln sie diesmal nicht. Dessen drittes Klavierkonzert, komponiert 1945 im US-Exil und im Angesicht des nahenden Todes, ist überraschenderweise das zärtlichste, streckenweise auch das heiterste unter Bartóks Werken der Gattung. Im Adagio religioso des Mittelsatzes nimmt es trotz der aussichtslosen gesundheitlichen Lage explizit Bezug auf Beethovens „Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit“ aus dem Streichquartett Opus 132. Doch ragen die Beethoven-Bezüge weit tiefer in die Werk-Struktur hinein, und, mehr noch, in den Klavierpart, der, obschon nicht eigentlich virtuos, mit seinen pianistischen Unannehmlichkeiten im spröden Spätwerk wurzelt. Womit wir wieder bei der Bagatelle wären.

Von der Schwelle zum Jenseits

Wärme und Verbindlichkeit des dritten Klavierkonzerts allerdings haben die Interpreten immer wieder veranlasst, es über Gebühr weichzuspülen. Die Gefahr besteht bei Anderszewski nicht. Natürlich ist auch er mit der subtilen Anschlagskultur seiner Riesenhände der Schönheit dieser knappen halben Stunde von der Schwelle zum Jenseits verpflichtet. Aber er findet sich nicht durch Politur, sondern im Inneren. Die Klarheit seines Spiels, die gesangliche Qualität der Linien, die kristalline Transparenz der Passagen, der kluge Aufbau von Mixturen und Akkorden lassen dem Werk seine Würde, weil sie nicht zu Lasten der introvertierten Herbheit gehen, die dieses Konzert eben auch prägt.

Konzertieren auf Augenhöhe

Mena und das Gewandhausorchester liefern sich dieser Musizierhaltung aus, nehmen die klanglichen und gestalterischen Anregungen Anderszewskis auf, umfangen sein Spiel, umranken und durchdringen es. Ergebnis ist ein uneitles Konzertieren auf Augenhöhe – und auf weiten Strecken ein Bartók für die Insel.

Kernländer des Gewandhaus-Repertoires

Was es mit Brahms und Beethoven auf sich hat, kann als bekannt vorausgesetzt werden. Die Erste des Wieners aus Hamburgers ist den Vorbildern des Wieners aus Bonn auf eine Art abgerungen, die die Nachwelt von Beethovens Zehnter sprechen ließ. Beide sind im Gegensatz zu Haydn und Bartók Kernländer des Gewandhaus-Repertoires. Und vielleicht macht es die eindrucksvolle hiesige Rezeptions- und Aufführungsgeschichte einem Gastdirigenten noch schwerer, ein eigenes Profil zu entwickeln. Der Brahms Juanjo Menas jedenfalls fällt anders aus als der subtile Haydn und der bewegende Bartók hoffen ließen. Wuchtig, gravitätisch, dramatisch und ein wenig träge kommt der Kopfsatz daher. Ziemlich robust und mit torkelnden Synkopen präsentiert sich das Andante sostenuto. Im dritten Satz lässt das weiche Legato aufhorchen und das flüssige Tempo. Im Finale kehrt das dickflüssige Pathos zurück.

Das Orchester spielt das, obschon wieder gefräßig der Hornwurm wütet, mindestens solide, oft beeindruckend. Aber bei Brahms hängen die Trauben deutlich höher am Augustusplatz. Was nichts daran ändert, dass Juanjo Mena zurückkehren sollte.

Von Peter Korfmacher

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