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Kultur Regional Kabarettist Philip Simon: „Das Grundgesetz ist ziemlich spannend“
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00:33 08.03.2018
Jeder hat ’ne Meise – und Kabarettist Philipp Simon einen ganzen Horst. Quelle: Foto: Valery Kloubert
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Leipzig

Der niederländisch-deutsche Kabarettist Philip Simon stellt in seinem neuen Programm „Meisenhorst“ essenzielle Fragen: In welcher Welt wollen wir leben? Tun wir das Richtige? Der 41-Jährige fasst auf unterhaltsame bis böse Art schwere Themen aus Politik und Gesellschaft an. Am Sonntag gastiert er in der Leipziger Pfeffermühle – wir sprachen zuvor mit ihm.

Wenn Sie sich aussuchen müssten, Politikberater von CDU oder SPD zu sein, wie würden Sie sich entscheiden und warum?

Ich glaube, die SPD braucht eher einen Psychotherapeuten. Ich würde die CDU beraten, weil es mehr Spaß macht, den Laden von innen heraus auseinander zu nehmen. Spannend wäre auch zu wissen, ob der neue Job von Kramp-Karrenbauer wirklich grundlegende Veränderung oder nur Symptombehandlung bedeutet.

Nur ein psychologischer Trick, der das Volk besänftigt?

Möglich. Was mich immer verwundert, ist, dass solche Tricks eigentlich nicht mehr funktionieren, zumindest nicht langfristig. Die Effekte verpuffen schnell.

Dass sich die mehr oder weniger großen Volksparteien gerade selbst demontieren – muss man als Kabarettist nur noch nacherzählen und eine Pointe drunter setzen?

Nein. Es geht bei Kabarett darum, die Emotionen aufzufangen und Erkenntnisse daraus abzuleiten, was hinter den Schlagzeilen steht. In der AfD gibt’s Leute, die unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit eine Verrohung der Sprache vorantreiben – meist so formuliert, dass sie strafrechtlich nicht relevant ist. Diese Veränderung in der Sprache führt zu einer Frage: Wie soll unsere Gesellschaft künftig aussehen? Ich glaube, daraus wird eine vielfältigere Landschaft resultieren – was gar nicht so schlecht sein muss.

Widerspruch ist gut

Ist so eine Bemerkung von Poggenburg über Türken als Kameltreiber nicht viel zu primitiv, um Befürworter zu finden?

Jedenfalls darf man solche Äußerungen niemals durchgehen lassen. Wenn wir uns nicht mehr über diese rohe Sprache aufregen, wäre das fatal. Auf der anderen Seite haben wir Angela Merkel, die sich Phrasen traut wie „Ein Land, in dem wir gut und gerne leben“. Fehlt für mich nur noch der Zusatz „günstig“. In solchen Wortgeschöpfen steckt das reine Nichts. Für beide auseinander liegenden Pole braucht man politische Antworten. Deshalb rücke ich in „Meisenhorst“ das Grundgesetz in den Vordergrund.

... das, wie Sie sagen, deutlich weniger Leute kennen als die Zehn Gebote.

Obwohl viele Menschen nicht gläubig sind, genau! Das habe ich auch an mir festgestellt, und ich bin bekennender Atheist. Dabei ist es ziemlich spannend, was im Grundgesetz steht.

Aber noch mal zur AfD: Sie sprechen sich in Ihrem Programm klar gegen sie aus – gab es schon mal Publikums-Reaktionen, die Ihnen nicht gefallen haben?

Grundsätzlich kann ich mit jeder Publikumsreaktion umgehen, so lange sie nicht gewalttätig ist. Nach meinen Vorstellungen führe ich stets Gespräche und diskutiere nicht selten mit Leuten, die eine andere politische Meinung haben als ich. Und das funktioniert immer. Eine Aufgabe im politischen Kabarett ist das Artikulieren einer subjektiven Einschätzung. Und wenn es Positionen gibt, die Widerspruch erzeugen, ist das gut.

Haben rechtspopulistische Erscheinungen wie Pegida und AfD dem Kabarett zu neuer Daseinsberechtigung verholfen?

Sie stellen die Satire vor eine Herausforderung. Denn auch für uns gilt es, eine neue Sprache zu finden, neue Sichtweisen jenseits von Klischees. Kabarett aus den 80ern und 90ern, dieses Demontieren der politischen Klasse über Äußerlichkeiten, das funktioniert heute nicht mehr.

Sie haben als Conférencier und Zauberer im Varieté angefangen. Was hat dafür gesorgt, dass Sie ins Kabarett-Fach wechselten?

Mit den Jahren habe ich mich zunehmend mit meiner Umwelt und der Welt auseinandergesetzt, das hat ein Feuer in mir entfacht und mich in die politische Satire geführt. Zunächst als Autor, dann auf die Bühne. Kabarett bietet eine Riesen-Bandbreite an Emotionen zwischen Schenkelklopfern und Stille, das finde ich faszinierend.

Was ist schlimm an Moral?

Ihr Programm „Meisenhorst“ besteht nicht nur aus lockerer Unterhaltung, sondern auch aus Zynismus und klarer Anklage gegen Korruption, Ausbeutung, Werteverfall. Könnten Sie mit der Bezeichnung Moralist gut leben?

Absolut, denn man begeht einen Fehler, wenn man heutzutage „Moral“ oder „Gutmensch“ zu Schimpfwörtern macht. Was ist das Schlimme oder Bedrohliche an Moral? Die will doch nichts von dir, sondern dir was auf deinen Weg mitgeben.

Was wollten Sie ursprünglich nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie beruflich machen?

Ich habe auf Lehramt studiert – der klassische Leidensweg eines politischen Kabarettisten.

Als Lehrer wären Sie jetzt stark gefragt.

Schon – aber oft bekommt man nur Zeitverträge, die schnell gekündigt werden können. Ich bin gespannt, was bei der neuen Bildungsoffensive rauskommt, die geplant ist.

Je ländlicher, desto radikaler

Wie blickt die niederländische Hälfte in Ihnen auf das, was in Deutschland passiert?

Die politischen Entwicklungen sind ja ähnlich. Spannend bei den Niederländern ist, dass sie schneller neue Wege zu gehen versuchen. In Rotterdam beispielsweise gab es große Probleme mit einem Rechtsruck. Also hat man verstärkt öffentlich das Gespräch gesucht, alle Bürger in den Diskurs hineingenommen, Probleme anzugehen, man hat Ängste zur Sprache gebracht. Das Spannende: Bei der dann folgenden Kommunalwahl ist ein aus Marokko stammender Kandidat zum Bürgermeister gewählt worden. Also scheint in den Köpfen etwas passiert zu sein.

Deutschland könnte davon lernen?

Klar! Es kommt natürlich auch in den Niederlanden auf die Region an. Überall gilt: Je ländlicher die Gegend und je weniger die Menschen mit Großstädtischem und Internationalität zu tun haben, desto radikaler sind die Ansichten. Leider.

Philip Simon mit „Meisenhorst“ am Sonntag, 17 Uhr, in der Pfeffermühle, Katharinenstraße 17, Karten für 25 Euro unter 0341 9603196.

Von Mark Daniel

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