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Kultur Regional Kaleidoskop des Grauens: 32 Aufsätze über „Kindheiten im Zweiten Weltkrieg“
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00:33 14.05.2018
Vova Yegorov, 15 Jahre alt, als Kundschafter für die Rote Armee. Quelle: dpa
Leipzig

„Mich schuf der Krieg“, schrieb Anatolij Pristavkin (1933–2008) in seiner autobiographischen Erzählung „Der erste Tag – der letzte Tag“. Oxane Leingang zitiert ihn am Beginn ihres Aufsatzes „Der ,Große Vaterländische Krieg’ in autobiografischen Erinnerungstexten russischer Kriegskinder. Eine postsowjetische Retrospektive.“ Diese vier Worte, am Ende eines monothematischen Literatenlebens wie ein Siegel aufs eigene Sein gedrückt, bündeln all die Erfahrungen und Erinnerungen, die Verletzungen an Körper und Seele, denen der von Francesca Weil, André Postert und Alfons Kenkmann herausgegebene Band „Kindheiten im Zweiten Weltkrieg“ sich widmet. Er stellt die Ergebnisse der wissenschaftlichen Konferenz „Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Eine vergleichende Perspektive“ zusammen, die Ende 2015 am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Universität in Dresden stattfand.

„Mich schuf der Krieg“ – das könnten viele der Zeitzeugen von sich behaupten, die in diesem Buch zu Wort kommen. Denn obschon Herausgeber und Autoren immer wieder betonen, dass es die Kriegskindheit ebenso wenig gebe wie das Kriegskind, steht doch außer Zweifel, dass die Erlebnisse und Erfahrungen der zwischen 1925 und 1955 Geborenen, ganz gleich ob als Opfer, als Täter, als Zeugen, ihre Leben und ihre Persönlichkeiten veränderten.

Die 32 Aufsätze umkreisen dieses Gebiet weiträumig. Denn die Herausgeber sehen die Aufgabe des Sammelbandes darin, „den Blick international zu erweitern ... und vor allem eine Grundlage zu schaffen, um die verschiedenen Kindheiten des Zweiten Weltkriegs in gegenseitige Bezüge zu setzen“. So entsteht ein Kaleidoskop des Grauens, der Vertreibung und der Flucht, des Mordens und Leidens, des Sich-Fügens und des Widerstands, auch der Rettung – die ebenfalls viele Betroffene durch ihr weiteres Leben verfolgte in Gestalt der Frage „Warum habe ausgerechnet ich die Schoah überlebt?“

Die Zeit ist überreif für diese Untersuchungen. Denn erstens ist es ohnehin erstaunlich, das diesem Thema erst jetzt vertiefte wissenschaftliche Würdigung widerfährt. Oder vielleicht auch gerade nicht. Denn die Geschichtswissenschaft der letzten Jahrzehnte wurde in vielen Ländern naturgemäß bestimmt von Persönlichkeiten, die den Krieg selbst als Kinder und Jugendliche erlebten, weshalb ihnen die Distanz fehlte – überdies tat man sich lange schwer damit, dem historischen Wert kindlicher Erinnerungen zu trauen. Doch nun sind, zweitens, die Überlebenden in einem Alter, dass die Zeit drängt, will man sie noch befragen.

Diesen Weg allerdings gingen die meisten Autoren von „Kindheiten im Zweiten Weltkrieg“ nicht. Sie durchforsteten Akten und Tagebücher, sichteten Kino- und private Filme, versenkten sich in Belletristik und Briefwechsel. Und zeichneten so ein facettenreiches Bild von Kindern, die allzu oft allzu früh keine Chance mehr hatten, Kinder zu sein: „Wir waren keine Kinder. Wir waren kleine Greise, noch bevor wir älter wurden“, zitiert Wiebke Hiemesch in ihrem Beitrag über „Erinnertes (Er-)Leben im Konzentrationslager Ravensbrück“ die Überlebende Lili Keller (Jahrgang 1932).

Antje Dussa blickte in die Tagebücher von Leipziger Kindern und Jugendlichen, Charlotte Faucher beschäftigte sich mit französischsprachigen Kindern, die nach England in Sicherheit gebracht wurden, Laura Hobson Faure mit der Emigration jüdischer Kinder aus dem besetzten Frankreich in die USA, Katharina Friedla bereitete die Erfahrungen auf, die polnisch-jüdische Kinder in der Sowjetunion machen mussten, Alexander Gogun beschreibt unter der Überschrift „Nicht weniger grausam als Erwachsene“, den „Umgang mit Kindern im Partisanenkrieg“ in der Ukraine. Es geht um Spielzeug und Propaganda, Zwangsarbeit, den Verlust von engsten Angehörigen, um Väter in Gefangenschaft und Reflexionen in Schüler-Aufsätzen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher Sammelband nicht nur thematisch ein breites Spektrum abdeckt. Und dieser oder jener Beitrag verbirgt hinter sehr viel gelehrtem Wort-Geklingel sehr geringen Mehrwert. Überhaupt steht die deutsche Wissenschaftlichkeit in manchem Aufsatz wie eine Mauer zwischen Text und Leser. Dies ändert allerdings nichts daran, dass „Kindheiten im Zweiten Weltkrieg“ ein auf weiten Strecken überaus lesenswerter Band ist. Weil er historiografische Lücken schließt und weil er durch den Perspektivwechsel scheinbar Bekanntes in ein anderes Licht taucht.

Caroline Mazger schreibt es in ihrem Beitrag über „Donauschwäbische Kindheitserfahrungen und die Scheidewege der historischen Handlungsfähigkeit“ so: „Wie neuere Arbeiten von Kindheitsforschern nahelegen, erleben und beobachten Kinder ihre Umgebung auf einzigartige Weise, nehmen sie besonders wahr, was sich noch im Erwachsenenalter in ihren Berichten widerspiegelt. Des Weiteren sind die Erzählungen von als Kindern Vertriebenen oft – vielleicht aufgrund der vergleichsweisen Immunität, die die Position eines Kindes im Zweiten Weltkrieg ihnen verleiht – überraschend lebendig in ihren Beschreibungen von Gewalt und Verbrechen, was sie zu einer einzigartigen Quelle für Themen wie den Holocaust macht, die sonst in der Historiografie der Vertriebenen mit vielen Tabus belegt sind.“

Derzeit erleben an verschiedenen Enden der Welt wieder zahllose Kinder Tod und Verfolgung, Vertreibung und Flucht. Überhaupt hat all das auch nach dem Ende des „Zweiten Weltkriegs“ nie aufgehört zu existieren. Die Dimensionen mögen andere sein, aber die Dimensionen eines Krieges sind ohne Belang für Kinder, die er zu Opfern macht, für Menschen, die er schuf. Auch darum ist „Kindheiten im zweiten Weltkrieg“ ein wichtiges Buch.

Antje Dussa, Alfons Kenkmann, André Postert und Francesca Weil stellen den Sammelband „Kindheiten im Zweiten Weltkrieg“ am 15. Mai, ab 19 Uhr, im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig (Grimmaische Straße 6) vor. Es moderiert Thomas Lindenberger, und der Eintritt ist frei.

Von Peter Korfmacher

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