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Kultur Regional Karl Marx und die Ironie der Geschichte
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18:21 04.05.2018
Reaktion auf den Systemwechel 1990, Verfasser unbekannt. Quelle: Eulenspiegel Verlag
Leipzig

Wenn Jubiläen gefeiert werden, taugen viele Dinge plötzlich für Pointen. So wie Karl Marx zur Karikatur. Da gibt es den Philosophen als pausierenden Arbeiter oder mit Mobiltelefon, mit Blaumann im Baumarkt oder mit Engels im Supermarkt. Man sieht ihn mit Palästinensertuch oder Che-Guevara-Habitus. Die Übergänge vom Revolutionär zum Popstar sind manchmal fließend. In einem „Moskauer Big Mäc“ zappeln Lenin und Marx. Verehrung und Augenzwinkern reichen einander die Hand im großformatigen Karikaturen-Band „Grüß Gott! Da bin ich wieder!“, den der Eulenspiegelverlag zum 200. Geburtstag erweitert und neu aufgelegt hat (208 Seiten, 25 Euro).

Rolf Hecker (Hrsg.), Karl Marx: Grüß Gott! Da bin ich wieder! Karl Marx in der Karikatur. Eulenspiegel Verlag; 208 Seiten (mit mehr als 600 Abb.), 25 Euro Quelle: Eulenspiegel Verag

Es ist nicht einfach zu karikieren, wenn die Wirklichkeit schon Karikatur des eigenen Anspruchs ist. Das komische Potenzial des Historikers und Ökonomen Marx erweist sich als begrenzt. Auch weil das Scheitern, eine im Humor nötige Fallhöhe, im Staatssozialismus gelebte Praxis war. Marx etwas unterzujubeln, was er nicht gemeint hat, war ohnehin gang und gäbe. Amüsant wird es immer dann, wenn Künstler mit Widersprüchen spielen. Die waren ja Marx’ Fachgebiet.

An der Grenze von Sozialismus und Kapitalismus, an der 1990 mit Schuld und Unschuld bezahlt wurde, häufen sich die Funde. Auf einem Bild steht, was in diesen politischen, sozialen und Porträtkarikaturen sonst selten vorkommt, Karl Marx auf einem Sockel. Er trägt Clowns-Nase und die Last des verballhornten Zitats: „Das Sein verstimmt das Bewusstsein“ hat jemand an die Wand geschrieben. Auf einer anderen Abbildung ebenfalls unbekannter Herkunft ist zu lesen: „Ossis & Wessis haben die BRD nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern!“. Oder „Es ist schlimmer, als ich dachte“. Von Roland Beier stammt das berühmte: „Tut mir leid Jungs! War halt nur so’ ne Idee ...“. So konnte ein Volk über sich selbst lachen. Kurz.

Titelseiten von „konkret“ und „Für Dich“

Rund 600 Beispiele von 450 Zeichnern und Karikaturisten aus aller Welt haben Marx-Engels-Experte Rolf Hecker, der Bibliothekar und Sammler Hans Hübner sowie Shunichi Kubo aus Japan zusammengetragen und herausgegeben. Da ist nicht alles originell und manches genügt vor allem dem Anspruch der Vielfalt. Zu sehen gibt es Spaß für den Augenblick oder Kunst für die Wand, gedruckt auf Plakate, Postkarten und die Titelseiten von „Eulenspiegel“, „Spiegel“, „Time“, „konkret“, „Für Dich“.

Meist wirkt Marx erhöht, vergrößert. Sowieso ist er immer sofort auszumachen – unverwechselbar mit dieser Mähne und diesem Bart an diesem Schädel. Nach gut zwei Stunden Maske sah ja sogar Mario Adorf ihm ähnlich, auch wenn das in dieser Woche nur 2,20 Millionen ZDF-Zuschauer sehen wollten. Ein Marktanteil von 7,5 Prozent zur besten Sendezeit.

Gerhard Glück sieht „Marx im Baumarkt“ (1999). Quelle: Gerhard Glück / Eulenspiegel Verlag

So wenig wie zur Komödie taugt Marx zum Publikumsliebling. „Hinter dieser wulstigen Stirn kann es gar nicht anders als gewittern“, beschreibt im Vorwort des Karikaturen-Bandes der Grafiker und Karikaturist Harald Kretzschmar die Skulptur, die die Chemnitzer nicht vergessen lässt, dass ihre Stadt zwischendurch mal Karl-Marx-Stadt hieß. „Um die Mundwinkel zuckt es ironisch. Unter schweren Lidern scharfer Blick auf enträtselbare Widersprüche. Beinahe gottgleich überglänzt die Gesichtszüge das Vergnügen der Nachdenklichkeit. Freundlich in den Maßen eines Mitgefühls, das schnell in Zornwallung der Empörung umschlägt.“ Ein Denker , kein Schwätzer.

Mit den Mauern stürzten die Statuen. „Als nur einstweilig begriffene Verfügung erübrigte sich die Gigantismus-Attitüde des schrumpfenden Systems“, schreibt Kretzschmar und fragt: „Haben wir ihn immer zu ernst genommen?“ Im Prinzip vielleicht. „Respektlos und verehrungsvoll zugleich kann unsere sarkastische Ironie sein. Er macht es uns vor.“ So wird er auf die Schippe genommen, auf den Arm, „oder vielleicht doch etwas höher?“

Raucher, Trinker und Verehrer

200 Jahre nach seiner Geburt wird Karl Marx als Ikone gefeiert, als Maskottchen, ein Influencer. Die Nachrichtenagenturen blasen Überschriften in die Welt, die vielleicht kein Lachen, doch ein Lächeln provozieren, wenngleich ein müdes: „Steinmeier würdigt Marx als großen deutschen Denker“, „Von Badeentchen bis Bier: Wie man aus Karl Marx Kapital schlägt und mit Blick auf die Fernseh-Quoten: „Karl Marx kommt nicht an Götz George vorbei“.

Marx hat Spaß – bei Paul Pribbernow (2008 Quelle: Paul Pribbernow / Eulenspiegel Verlag

Gregor Gysi, der zum Jubiläum in seinem Buch „Marx & wir“ persönlich-unterhaltsam schreibt, „warum wir eine neue Gesellschaftsidee brauchen“ (Aufbau; 160 Seiten, 18 Euro), sagte am Freitag im Deutschlandfunk: „Marx muss gleich mehrfach befreit werden.“ Auch Lachen befreit. Das verspricht und hält das bereits 2009 erschienene Hörbuch „Marx & Engels intim“, auf dem Harry Rowohlt und Gregor Gysi aus dem deftigen Briefwechsel lesen. Die Freunde reden über Geldsorgen und Familie und lästern, was das Zeug hält – am liebsten über Ferdinand Lassalle, der in den Reihen der Arbeiter mehr Erfolg hatte.

Auf gleicher Ebene bereichert die von Margarete Drachenberg zusammengestellte Sammlung „Ist Mr. Marx zu Hause?“ die Auseinandersetzung (Eulenspiegel Verlag; 128 Seiten, 9,99 Euro). In fortlaufend erzählten Anekdoten wird er menschlich lebendig: der Trinker und Raucher, der Sonntags-Familienvater, der nie mit Geld umgehen konnte, der Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“, der gegen Zensoren kämpfte. Der Verehrer Heinrich Heines, ein Cousin dritten Grades, den er„auf die politische Satire“ gebracht haben soll.

Margarete Drachenberg, Karl Marx: Ist Mr. Marx zu Hause? Anekdoten. Eulenspiegel Verlag; 128 Seiten, 9,99Euro Quelle: Eulenspiegel Verlag

Erinnert wird an die Worte des Russen Pawel Annenkow, der 1846 feststellte: „Obwohl er sich den Mantel falsch zuknöpfte, wirkte er wie ein Mann, der das Recht und die Macht hat, Respekt einzufordern ... Er gebrauchte stets Worte, die keinen Widerspruch duldeten, und all das verschärft durch einen fast schmerzhaften Ton ... Dieser Ton war Ausdruck einer festen Überzeugung von der Mission, das Denken der Menschen zu bestimmen und ihnen die Gesetze ihres Handelns vorzuschreiben.“

Dass Marx, wie Freunde ausrechneten, für die fast 20 Jahre währende Arbeit am Hauptwerk „Das Kapital“ weniger Lohn erhalten habe als ein Tagelöhner, beantwortete er mit einem Lächeln und dem Hinweis, die Frage sei doch, „ob man es der bürgerlichen Welt zumuten kann, dass sie für die Ausfertigung ihres Todesurteils einen vernünftigen Preis bezahlt“.

Das „Kapital“ verkauft sich so gut wie lange nicht mehr. 2650 Exemplare waren es 2017, für 2018 rechnet der Karl Dietz Verlag mit mehr als 3000. Es ist der zweite Anstieg nach der Finanzkrise 2007. Das ist nicht komisch, aber eine Pointe.

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Von Janina Fleischer

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