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Kultur Regional Katastrophe und Entrückung mit Schostakowitsch und Mozart
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16:29 08.02.2019
Michael Sanderling dirigiert Mozart im Großen Concert des Gewandhausorchesters. Am Flügel: Der Pianist Martin Helmchen. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Das letzte Wort hat die Celesta, die Himmlische unter den Instrumenten. Ihre Botschaft ist nicht mehr von dieser, sondern kündet von einer besseren, friedlichen, menschlichen Welt. Eine, in der Schostakowitsch nicht lebte und sie daher nur in der Musik finden konnte. Aber was heißt hier „nur“. Als Michael Sanderling den Dirigentenstab ermattet sinken lässt, und der Bass Michael Nagy aus seiner Versteinerung erwacht, erfüllt minutenlanger, tief bewegter Applaus den Großen Saal.

Direktheit und Drastik

Trotz zeitlicher Distanz zum Geschehen, trotz der Patina, die sich auf den Text des Protestlyrikers Jewgeni Jewtuschenko gelegt haben mag, bewegt Schostakowitschs 13., dieses einstündige chorsinfonische Lebens-, ja Menschheitsdrama, auch beinahe 60 Jahre nach seiner Entstehung so unmittelbar wie nachhaltig. Weil seine Musik sich im Angesicht des Unbegreiflichen, von dem sie erzählt, in einer solchen Direktheit und Drastik ausspricht, dass ihr Appell auch in das Bewusstsein der Nachgeboren dringt, die in der von Schostakowitsch erträumten freien Welt leben.

ehelfsmäßige Übertitelung

Die 13. Sinfonie trägt den Titel „Babi Jar“, den Namen einer Schlucht am Rande von Kiew, wo SS und Wehrmacht 1941 binnen weniger Stunden Zehntausende Juden ermordeten. Babi Jar, wörtlich Weiberschlucht, heißt auch das erste der von Schostakowitsch vertonten fünf Gedichte, die Michael Nagy und die von Pavel Brochlin bestens präparierten Herren des MDR-Rundfunkchores im russischen Original zum Klingen bringen. Für die deutschen Übertitel hängen dazu etwas behelfsmäßig vier Monitore von der Decke. Man hätte auch in deutscher Übersetzung singen lassen können, wie andernorts bereits sinnfällig und ohne Wirkungsverlust praktiziert.

Leidensgeschichte des Judentums

So raunt es im Kirchenchor-Russisch von der Orgelempore, dass über Babi Jar kein Denkmal steht, die steile Schlucht aber als stummes Zeichen mahnt. Woraufhin Nagy anhebt, die lange, traurige Leidensgeschichte des Judentums zu rekapitulieren, vom alten Ägypten bis zu den Gräueltaten des Nationalsozialismus. Doch auch wenn hier von den Verbrechen der anderen die Rede ist: Den Kulturaufsichtsbehörden wurde schnell klar, dass eigentlich das inhumane ebenso antisemitische Klima des Sowjet-Systems gemeint war.

Aushängeschild der Sowjets

Dass Schostakowitsch ein solcher Akt zivilen Ungehorsams überhaupt möglich war, verdankt sich dem nach Stalins Tod einsetzenden Tauwetter, das den Druck auf die russische Volksseele ein wenig milderte. Und natürlich wusste der mit Staatspreisen hochdekorierte Schostakowitsch um seinen Status als künstlerisches Aushängeschild der Sowjets, der ihn zwar nicht unangreifbar machte, aber zumindest nicht länger um sein Leben fürchten ließ.

Ohne jede Kraftmeierei

Dennoch marschiert der Krieg ständig mit, offenbart sich die traumatische Wucht dieser Musik in den grauenhaft grellen, hinreißend bösen und lachhaft gemeinen Einwürfen des MDR-Chores, zeigt sich der Verlust an Menschlichkeit in den todtraurigen, gänzlich untheatralischen Erzählungen des Solisten, von Nagy baritonal-samtig und ohne jede Kraftmeierei umso ausdrucksvoller vorgetragen.

Klare Konturierung

So ambivalent die Sinfonik Schostakowitschs mit ihren schrägen Märschen, ihren irrealen Erfüllungen, Grotesken und Abgründen auch ist, Michael Sanderling am Pult des Gewandhausorchesters scheint sie gleichsam muttersprachlich zu verstehen. Als Sohn des mit Schostakowitsch eng befreundeten Dirigenten Kurt Sanderling ist seine Nähe biographisch verbürgt, doch was er an diesem Abend an klarer Konturierung darbietet, an analytischer Schärfe bei gleichzeitiger kulinarischer Opulenz, ist schlichtweg beispielhaft. Von den Blechbläserwänden, dem Glocken- und Tamtamgetöse bis zum süßen Gift von Andreas Buschatz‘ Violinsolo im letzten Satz: Bei Sanderling verläuft die Musik in wilden Zacken zwischen Katastrophe und Entrückung, ohne dabei zu lärmen oder zu kitscheln.

Mozarts abgründige Seite

Den Rang, den Sanderling sich als Schostakowitsch-Exeget erworben hat, kann in gleicher Weise Martin Helmchen als Gewährsmann der Wiener Klassik für sich beanspruchen. Im Gewandhaus ist er schon seit Längerem ein gern gesehener Gast. Quicklebendig sprudeln die Klavierfigurationen in Mozarts großem Es-Dur-Konzert, dem 22., das gleichzeitig auch Bläserdivertimento sein will. Besonders schön klingt es daher, wenn sich Flöte und Fagott unterhalten. Doch Helmchen ist Mozarts abgründige Seite nicht unbekannt: Ins silberbestickte Klangmuster ist immer auch der feine Faden der Melancholie eingewoben. Ausgelassener Jubel, für den er sich mit dem Adagio aus der F-Dur-Sonate KV 332 bedankt.

Von Werner Kopfmüller

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