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Kultur Regional Kateřina Tučková beleuchtet tschechische Geschichte literarisch
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15:11 06.12.2018
Kateřina Tučková vor ihrem Leipziger Lieblings-Café „Bohemian Kids“. Quelle: André Kempner
Leipzig

Glühbirnen über dem Tresen, helle Holztische und dann zischt erneut die Kaffeemaschine. Die behaglich-rustikale Atmosphäre im „Bohemian Kids“ will nicht so recht passen zu dem Bild, das Katerina Tucková mit ihren Worten in die Luft malt. Ein Bild von Nonnenklöstern in der Tschechoslowakei in den 1950er Jahren, behandelt wie Staatsfeinde von den neuen kommunistischen Machthabern im Land. Ein Bild von Ideologie, Verfolgung, Umsiedlung. Und von starken Frauen. „Für mich waren die Nonnen Heldinnen“, sagt Tucková. Weil sie unerschrocken trotz des Repressionsapparats an ihrem Verständnis von Nächstenliebe festhielten.

Aus diesem Stoff spinnt Tucková ihren neuen Roman, der sich bereits auf der Zielgeraden befindet, in den vergangenen vier Wochen ein gutes Stück vorangetrieben. In der Leipziger Schriftsteller-Residenz habe sie sich gleich frei gefühlt und Konzentration zum Schreiben gefunden.

Und den nötigen Platz: Ausufernde Recherchen stehen bei der tschechischen Autorin stets vor dem Schreibprozess. Zwei große Koffer hat sie nach Leipzig mitgebracht, Schatztruhen voller Bücher und Notizen, aus denen sie schöpft. Historische Genauigkeit ist der Schriftstellerin wichtig, wenn auch ihre Figuren letztlich der Fantasie entstammen, basierend auf ihren Interviews mit Zeitzeugen und langen Lesestunden. „Viele Geschichten verbinden sich bei mir zu einer fiktiven Biografie“, erklärt Tucková.

Es war schwierig, Zeitzeugen zu finden

So ist das auch bei „Gerta. Das deutsche Mädchen“. Ein Roman, der gerade ins Deutsche übersetzt wurde, in Tschechien aber schon vor neun Jahren erschien und ein breites Publikum fand. Was Tuckova nicht erwartet hatte, beleuchtet sie doch einen lange verdrängten Teil der tschechischen Geschichte.

Als Tochter einer deutsch-tschechischen Familie – Normalität im Brünn vor dem Zweiten Weltkrieg – wird Gerta als Deutsche betrachtet und mit Tausenden anderen im Mai 1945 aus der Stadt vertrieben. Sie ist Anfang 20, als sie mit ihrem Baby auf dem Arm auf den sogenannten Brünner Todesmarsch gezwungen wird. 1945 und 1946 wurden rund drei Millionen Deutschböhmen und Deutschmährer ausgesiedelt.

„Als ich anfing, das Buch zu schreiben, wollte fast niemand über das Thema sprechen.“ Es war schwierig, Zeitzeugen zu finden. Aber ihre Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Das Buch, mit Preisen ausgezeichnet, verkauft sich gut. Was sich die 38-Jährige so erklärt: „Jedes Tabu ist interessant. Hoffentlich haben viele Leser ein anderes Bild vom Krieg und den Nachkriegsereignissen gewonnen.

„Ich lehne das Konzept der Kollektivschuld ab“

Dafür sorgen auch die Lesungen, die regelmäßig wütende Reaktionen provozieren. „Es gibt immer noch Leute, die meine Perspektive nicht akzeptieren, dass es unschuldige Deutsche gab. Ich lehne das Konzept der Kollektivschuld ab.“ Aber meist melden sich auch andere Simmen im Publikum. Jene, die sich an ehemalige Nachbarn oder Schulkameraden erinnern – und an ein normales Miteinander vor dem Zweiten Weltkrieg, als rund 30 Prozent der Brünner deutsche Wurzeln hatten.

Mit dem noch nicht ins Deutsche übersetzen „Fabrika“ hat Tucková ein weiteres Buch über die Vertreibung geschrieben. „Das Vermächtnis der Göttinnen“, 2015 übersetzt, widmet sich Frauen in den weißen Karpaten, denen heilende Kräfte zugesprochen wurden. Die Heldin Dora geht der mythischen Tradition auf den Grund, die in den Jahren des Sozialismus kritisch beäugt wurde.

Tuckovás Themen mögen vordergründig historisch angelegt sein, aber die Anbindung an die heutige Gesellschaft denkt sie mit. Sie interessiert sich für das normale Leben, das auf äußere Bedingungen reagieren muss, für Figuren, die etwas ändern wollen. „Mein Hauptthema ist der Moment des Zusammenbruchs einer Ordnung durch Krieg oder einen Systemwechsel“, sagt sie. „Meist sind Frauen meine Heldinnen, weil ich glaube, als Frau deren Schicksal besser nachzuempfinden.“

Nicht nur literarische Einmischung

Sähe die Gesellschaft heute anders aus, wären sich die Menschen ihrer Geschichte bewusst? „Das glaube ich“, sagt Tucková. Weil historisches Bewusstsein verdeutliche, wie schnell ein Leben durch Krieg oder Entscheidungen der Politik zusammenbrechen könne – und ein Mensch ohne eigene Schuld auf Hilfe angewiesen sei. „Wenn wir unsere Geschichte vergessen, laufen wir Gefahr, sie zu wiederholen.“ Sie spricht konzentriert, rührt den Kaffee kaum an während des Gesprächs.

Tucková, die in Brünn und Prag lebt, mischt sich nicht nur literarisch in den gesellschaftlichen und historischen Diskurs ein. 2017 wurde sie für ihren Beitrag zur Reflexion der modernen Geschichte mit dem „Preis für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“ durch das Institut für das Studium totalitärer Regime ausgezeichnet.

Die studierte Kunsthistorikerin arbeitet auch als freie Kuratorin für zeitgenössische Kunst. Und vor drei Jahren hat sie das Brünn Festival gegründet, das sie als „Diskussions-Festival“ beschreibt. Die Kunst- und Kulturszene trifft auf Vertreter aus Politik und Gesellschaft.

Aus dem Festival ging vor drei Jahren, 70 Jahre nach dem Brünner Todesmarsch mit rund 1700 Todesopfern, der Versöhnungsmarsch hervor. Er führt von den Massengräber 30 Kilometer vor Brünn zurück in die Stadt. „Damit erinnern wir uns an die ehemaligen Nachbarn und bringen sie symbolisch zurück nach Brünn.“

Als Programmdirektorin ist Tucková jetzt ausgeschieden. „Eine harte Entscheidung, aber sie war notwendig“, sagt sie wehmütig. „Ich brauche mehr Zeit und Ruhe zum Schreiben und für Lesereisen.“ In 16 Sprachen sind ihre Bücher inzwischen übersetzt.

Residenzprogramm für Autoren

Tschechien ist Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 (21.–24. März). Im Rahmen eines Residenzprogramms für den Austausch deutscher und tschechischer Schriftsteller leben und arbeiten fünf Autoren aus dem Nachbarland für jeweils einen Monat in Leipzig. Im Gegenzug erhalten fünf deutsche Autoren die Möglichkeit für einen Aufenthalt in Brünn (Brno). Unterstützt wird das Programm von der Mährischen Landesbibliothek, der Leipziger Buchmesse, den Städten Leipzig und Brünn und dem Goethe-Institut Prag sowie der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft. Vor Kateřina Tučková waren Petr Borkovec, Jaromír Typlt zu Gast. Danach kommen noch Iva Pekárková und Lucie Lomová.

In Brünn sammeln Luise Boege, Bettina Hartz, Roman Israel, Isabelle Lehn sowie Bernhard Setzwein Eindrücke und Erfahrungen.

www.ahojleipzig2019.de

Von Dimo Rieß

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