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00:25 03.05.2018
Humoristisches Kammerspiel bei den Academixern: Angelika Hart, Claudius Bruns, Elisabeth Hart und Armin Zarbock (von links) stechen in See. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön … doch schade, wenn es statt für die Aida nur für das Hausboot Ida gereicht hat und anstelle exotischer Länder nun die brandenburgische Havel für den dreiwöchigen Urlaub ansteht. So ergeht es Familie Krämer mit Vati Hajo (Armin Zarbock), Mutti Yvonne (Angelika Hart) und 35-jährigem Sohn Benni (Claudius Bruns). Mit diesem Szenario ist das neue Academixer-Stück „SOS Familienurlaub“ in der Regie von Volker Insel am Sonntag erstmals in See gestochen.

Dass alle in der Familie einen Schuss haben, liegt auf der Hand, und da wird auch gerne mal in die Klischeekiste des frustrierten Mittelstandes gegriffen: Vati ist Handlungsreisender für Pflanzendünger mit bodenständigem CDU-Konservatismus, während Mutti mit Bio-Ayurveda liebäugelt, aber Veränderung wie der Teufel das Weihwasser scheut. Und der Sohn wohnt mit seinen 35 Jahren natürlich noch zu Hause, wo er sich buchstäblich bemuttern lässt – was wiederum den Vater nervt.

So weit, so überschaubar ist zunächst das Setting des humoristischen Kammerspiels, das pointenstark auch die eine oder andere politische Dimension am Frühstückstisch verhandelt, ohne aber allzu tief in die gesellschaftlichen Widersprüche einzudringen. Ansonsten verweilt man hier zunächst auf dem Niveau der schön gedrechselten Beleidigung: „Du bist schlimmer, als deine Mutter dich beschrieben hat.“

So richtig schmerzhaft wird es nie

Der dramaturgische Kniff, um aus diesem Brutzeln im eigenen Saft herauszukommen, ist die Nixe Tanja (Elisabeth Hart), die Benni bei einem Angelversuch an Bord befördert. Sie entpuppt sich als ausgebüxte Zwangsprostituierte aus Moldawien und ist nicht nur handwerklich geschickter als alle drei Familienmitglieder zusammen, sondern auch sonst eine eierlegende Wollmilchsau und natürlich erotische Projektionsfläche für die beiden Krämer-Jungs. Mit dem Einbruch des Außens nimmt auch die Schärfe zu, gleichwohl der komödiantische Rhythmus gewahrt bleibt – so richtig schmerzhaft wird es nie. Wie aber Tanja ganz naiv die gesamte Familie mit der Frage nach den abendländischen Werten vor sich her treibt, ist schon ziemlich groß. Das Ergebnis sind dann Champions League und Eurovision – dann kann das Abendland auch gleich einpacken. Auch die unterschwellige Fremdenfeindlichkeit gerade bei den älteren Semestern ist immer wieder Thema.

Musik spielt natürlich ebenfalls eine Rolle, auch wenn der Pianist Bruns nur zweimal die Möglichkeit bekommt, selbst in die Tasten zu greifen – des Klaviers und des Akkordeons. Ansonsten kommt der Sound vom Band, und das Ensemble tanzt und singt dazu neu vertextete Versionen von eingängigen Pop-Songs. Höhepunkt ist dabei sicher ein Sonne-Regen-Medley direkt nach der Pause, das gleich das richtige Energielevel für die letzte Dreiviertelstunde setzt.

Insgesamt zwei Stunden haben die Academixer hier im Programm, zuzüglich Pause. Zum Schluss wird es sogar richtig interaktiv. Das Publikum darf wählen zwischen Happy End und Katastrophe. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Leipziger mögen es friedlich, und so stehen am Ende Hochzeit und Weltreise an. Ein runder Abend des wohltemperierten und pointenreichen Humors, der an keiner Stelle Schiffbruch erleidet, aber auch nicht die große Herausforderung sucht.

Nächste Aufführungen von „SOS Familienurlaub“ bei den Academixern, Kupfergasse 2: 10. Mai, 18 Uhr, 11./12. Mai, 20 Uhr, 13. Mai, 18 Uhr, 31. Mai/1. Juni, je 20 Uhr, Karten für 15 bis 21 Euro: 0341 21787878 oder bei der Ticketgalerie (Barthels Hof), in den LVZ-Geschäftsstellen, 0800 2181050 und unter www.ticketgalerie.de.

Von Torben Ibs

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