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Kultur Regional „Kein heile Welt, sondern Leben. Viel Leben“: Mirjam Pressler ist gestorben
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19:13 16.01.2019
Gefeierte Autorin, begnadete Übersetzerin: Mirjam Pressler ist am Mittwoch im Alter von 78 Jahren gestorben. Quelle: Jörg Carstensen/dpa
Landshut/Leipzig

Sie galt als eine Übersetzerin, der man nachsagte, sie sei in der Lage, die Musik einer Sprache in eine andere zu tragen. 2015 erhielt sie dafür den Preis der Leipziger Buchmesse, nicht wegen ihrer großen Verdienste um die Übersetzung an sich, sondern ausdrücklich wegen der Übertragung des Romans „Judas“ von Amos Oz aus dem Hebräischen. Mirjam Pressler habe „einen Ton gefunden, der sowohl das Kammerspielartige dieses Romans transportiert wie die großen Geschichten, die in ihm stecken“, hier klinge nichts nach Übersetzung, hieß es in der – sehr zutreffenden – Begründung der Jury. Am 28. Dezember ist der große Amos Oz gestorben, seine begnadete Übersetzerin Mirjam Pressler ist ihm nun drei Wochen später gefolgt. Nach langer, schwerer Krankheit sei sie am Mittwoch im Alter von 78 Jahren in Landshut gestorben, teilte die Verlagsgruppe Beltz in Weinheim mit.

Zahlreiche Auszeichnungen erhielt die Schriftstellerin auch für ihre eigenen Romane. Dass sie zur Literatur fand, ist einer kleinen privaten Katastrophe zu verdanken: Als Mirjam Pressler vor fast 40 Jahren ihren Jeans-Laden in München verlor, hatte sie erst mal große Existenzangst. Zu Unrecht, wie sich bald herausstellen sollte. Denn statt Kunden bei der Wahl der richtigen Hose zu beraten, verlegte sie sich aufs Bücherschreiben – und wurde schnell zu einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen in Deutschland. „Das war ein ganz großes Glück – rückblickend“, beschrieb es Pressler einmal selbst.

„Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“

Schon ihr erstes Buch „Bitterschokolade“ aus dem Jahr 1980 wurde ein Erfolg. Die Geschichte eines Mädchens mit Bulimie wurde preisgekrönt und erreichte eine Auflage von 400 000 verkauften Exemplaren. Mehr als 30 Kinder- und Jugendbücher sowie Bücher für Erwachsene folgten, etwa „Novemberkatzen“ oder „Nathan und seine Kinder“. „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“, heißt ihr Roman über ein Heimkind. Mit dem Satz ist ihre Homepage überschrieben. Sie bekam den Deutschen Jugendliteraturpreis und viele andere Ehrungen. Mehrfach war sie zu Gast in der LVZ-Autorenarena.

Presslers Sprachen waren Hebräisch, Englisch, Niederländisch, Jiddisch, „ein bisschen“ Spanisch und Französisch. Sie übersetzte mehr als 300 Titel, darunter neben Amos Oz Romanen Werke von Zeruya Shalev, Aharon Appelfeld oder Lizzie Doron. Besonders am Herzen lagen ihr die Tagebücher der Anne Frank. Sie übertrug sie ins Deutsche und setzte sich intensiv mit der Geschichte des jüdischen Mädchens auseinander, das sich vor den Nazis versteckt hatte. Presslers eigene Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt.

Kurz vor Weihnachten hatte die Autorin das Große Bundesverdienstkreuz erhalten, wegen ihres herausragenden Einsatzes für die Völkerverständigung insbesondere zwischen Deutschland und Israel und für die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht. Dazu passt ihr letzter Roman: „Dunkles Gold“ erscheint am 13. März und dreht sich um einen geheimnisvollen, jüdischen Schatz von Erfurt. Das Buch spanne einen Bogen von den mittelalterlichen Pestpogromen bis zu aktuellen antisemitischen Entwicklungen in Deutschland, so der Verlag Beltz.

Pressler baue Brücken zwischen Generationen und Kulturen, zwischen uns und unserer Geschichte, befand im Juni 2017 die Jury des Münchner Literaturpreises. In der Laudatio hieß es: „Ihre Geschichten sind Bestandsaufnahme dessen, was zunächst niemand wissen will.“ Sie handelten von Gewalt, Angst, Einsamkeit, Behinderung, Essstörung, Zerstörung. „Keine heile Welt, keine Fantasie- oder Fantasy-Welt, die als Setting für Kinder- und Jugendbücher so oft herhalten müssen, sondern Leben. Viel Leben.“

Von Britta Schultejans, Cordula Dieckmann, Jürgen Kleindienst

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